Hughie Higgins

Kolumne: Dem Harburger Flaneur fällt einiges auf …

Vom Harburger Flaneur. Hughie Higgins lernte ich durch Bernie kennen. Bernie und ich waren beide Freiwillige im Haus der Cyrenians in Edinburgh’s New Town. Sie erinnern sich: Simon von Cyrene war derjenige, der das Kreuz Jesu trug auf dem steilen Weg nach Golgatha zur Kreuzigung. Das Haus der Cyrenians war die Idee von Pater Anthony Ross, O.P., der später Primus aller Dominikaner in Großbritannien wurde. Es sollte junge alkoholgefährdete Männer von der Straße aufnehmen und ein Zuhause bieten.
Und Bernie? Bernie hatte eine – entschuldigen Sie bitte den lateinischen Ausdruck – beschissene Kindheit gehabt. Seine Mutter gab ihn nach der Geburt weg, und er wuchs mit Pflegeeltern auf, die ihn auch nicht liebten. Dass Bernie wütend war auf die Welt, wen wundert’s.
Bernie war extrem intelligent. Einem intelligenteren Mann bin ich nie begegnet. So äußerte sich seine Wut nicht in Unflätigkeiten, sondern in einem beißenden, furchterregenden Sarkasmus. Bis wir endlich dicke Freunde wurden hatte ich – ich gebe es zu – Angst vor ihm und seinem Mundwerk. (Raten Sie, worin Bernie- nach Jahren - seinen Seelenfrieden fand? In der Ornithologie! In der Beobachtung und Bestimmung der Vögel, worin er ein anerkannter Fachmann wurde. Beruflich war er bis zu seiner Pensionierung Suchtberater. Das ist vielleicht nicht so erstaunlich.)
Zurück zu Hughie.
Hughie bewohnte ein Kellerloch unweit von dem Haus der Cyrenians. Er war kein Fatty, so wie man sie zu Tausenden inzwischen auf den Straßen schottischer Städte sieht. Aber wohlbeleibt war er schon. Sein Gesicht war glühend rot und sein Gang rollend wie der eines Seemanns. Stinken tat er ordentlich, weil er die Kunst des Sichwaschens und Kleiderwechselns nie gemeistert hat. Trinken tat er nicht. Dazu hätte das Geld nicht gereicht. Er hatte vor Bernie den allergrößten Respekt. Mich ließ er links liegen – ich war bloß ein gehasster Engländer.
Das Erstaunlichste war, dass Hughie immer glückich war. Er lächelte und schmunzelte ohne Unterlass, als ob das Universum nur dazu da war, um ihn zu amüsieren. Sein Humor war grob und nicht jugendfrei, aber auch nicht ohne Witz. Er brachte uns auch durchaus zum Lachen. Bernie McGrath und Hughie Higgins, das war ein Paar, kann ich Ihnen sagen!
Hughie lebte auf jeden Fall in seiner eigenen Welt. Irgendwie war er durch das Versorgungsnetz gefallen. Denn es war eindeutig, dass er Hilfe mit der Bewältigung seines Alltags brauchte, und möglicherweise Medikation und Therapie auch. Was solls? Er wohnte nicht in einem Heim sondern in einem dreckigen Kellerloch … und war zufrieden, ja auf seine Weise glü-cklich.
Gott sei Dank, dass es ihn gab. Seine Existenz – obwohl schräg, obwohl übelriechend - machte die Welt ein wenig heller.
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