Hörende gehen in Gehörlosenschule

Bevor der Unterricht nach der Pause wieder startet, greift sich der elfjährige Jona, der hören kann, ein Mikrophon aus dem „Hörkoffer“. Jeder in der Klasse hat so eins. Damit können sich hörende und schwerhörige Kinder im Unterricht verständigen. Foto:ki

Einmalig in Hamburg: Hörende Kinder besuchen
Inklusionsklassen in der Elbschule für Hörgeschädigte

Karin Istel, Hamburg

Zehn Uhr, Pausenende. Es ertönt eine kurze Melodie, und ein greller Blitz zuckt aus der Lampe an der Decke. Die Schüler der Elbschule machen sich auf den Weg in ihre Klassenräume. Unter ihnen ist auch Jona. Das Lichtsignal hätte er nicht gebraucht, denn er kann hören – so wie sechs andere Fünftklässler, die seit dem Sommer das Bildungszentrum für Hören und Kommunikation besuchen.
Bevor der Unterricht startet, greift der Elfjährige erst einmal in den silbernen Metallkoffer, der auf dem Regal im Schulraum bereit steht. Er nimmt sein Mikro heraus und legt es sich um den Hals. Als Hörender spricht er nur hinein, schwerhörige Kinder haben noch ein Empfangsgerät. Es ist mit ihrer Hörhilfe drahtlos verbunden. So können sich alle 14 Schüler frei im Unterrichtsraum bewegen und verständigen.
Dabei ist Disziplin angesagt: Es kann immer nur einer reden. „Wenn beispielsweise
Jona spricht, dann sehen alle zu ihm hin. Die Schwerhörigen lernen, auf Gesichtsausdrücke zu achten, die Körpersprache besser zu deuten. Sie sind jeden Tag mit Hörenden zusammen und können sich besser auf sie einstellen“, erklärt Schulleiter Johannes Eitner.

Eitner: „So finden sie sich besser in der Welt der Hörenden zurecht und werden sie gut auf ihren Beruf vorbereitet“, erklärt der Schulleiter. „Ganz nebenbei sind die Hörenden sprachliche Vorbilder im Unterricht.“
Zu den Schulstunden in Lautsprache kommt jede Woche für zwei Stunden der Unterricht in Gebärdensprache hinzu. Neben den kleinen Klassen für Jonas Mutter ein klarer Vorteil bei der Schulwahl. „Nicht nur, dass mein Sohn als Individuum gesehen wird, er erlebt im Schulalltag, dass Menschen verschieden sind. Und er lernt zusätzlich die Deutsche Gebärdensprache“, sagt Vanessa Lorenzen.
In den Pausen nimmt sich Jona, der laut seiner Mutter „gern und viel redet“, manchmal eine Auszeit von der geregelten Unterhaltung. Dann sitzt er nur mit seinen hörenden Freunden am Tisch in der Mensa, alle reden durcheinander, und es geht recht laut zu. Ausgeschlossen fühlen sich die anderen Klassenkameraden dadurch nicht. „Auch die Gehörlosen setzen sich gern zusammen und gebärden. Das geht untereinander viel schneller als mit den Hörenden“, sagt Eitner.
Derzeit gibt es nur eine integrative Klasse in Jahrgangsstufe 5. Doch das Modellprojekt wird fortgesetzt: Im nächsten Schuljahr wird es eine integrative erste sowie eine weitere fünfte Klasse geben.

In Hamburg werden 300 schwerhörige Schüler an 100 Schulen unterrichtet. Alle Hamburger Kinder und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf haben das Recht, allgemeine Schulen zu besuchen. Sie werden dort gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern ohne sonderpädagogischen Förderbedarf unterrichtet und besonders gefördert (inklusive Bildung).
Dafür gibt es ein einheitliches Gesamtkonzept, das die Grundlage für eine auf die Bedürfnisse aller Kinder und Jugendlichen abgestimmte Förderung bildet. FHH

Der „Hörkoffer“
Der Hörkoffer heißt offiziell „FM-Anlage“. Das sind drahtlose Anlagen, die Signale mit frequenzmodulierten Funksignalen (FM) übertragen. Das heißt: Die Frequenz ändert sich durch das zu übertragende Signal. Das Gerät besteht aus einem Sender und einem Empfänger. Am Sender werden die gewünschten Tonsignale aufgenommen, in modulierte elektrische Funksignale umgewandelt und ausgestrahlt. Die Person mit Hörbeeinträchtigung trägt ihrerseits den Empfänger, der das Funksignal entweder wieder in Schallwellen umwandelt, die mit einem eigenen Ohrhörer zum Ohr geleitet werden, oder über Kabel an ein angeschlossenes Hörgerät leitet. Dabei wird der Schall nicht verstärkt, sondern es wird lediglich die Abschwächung des Schalls durch den Übertragungsvorgang über größere Entfernungen umgangen. wikipedia
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1 Kommentar
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Patrick Hennings aus Rissen | 15.02.2017 | 10:27  
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