Höhenexperten gesucht

Windcasting in Francop: Kandidat Raik Waterstradt stellt sich geschickt an und besteht den Test mit Bravour.
 
Vorbereitung: Benedikt Goldbeck von der Berliner Industriekletterschule hilft Kandidat Raik Waterstradt (l.) beim Anlegen der Ausrüstung.

Abenteuer Windkraft: Wie Bewerber auf einer Apfelplantage in Francop getestet werden.

on Sabine Deh. Gestern ist Raik Waterstradt noch an einem Gummiseil von einer Brücke gesprungen, wobei ihn das Seil nach wenigen Sekunden nach oben katapultiert hat. Einen Rundkurs in einem Kletterpark hat der gelernte Maurer ebenfalls schon hinter sich. „Das hat Spaß gemacht“, sagt der 26-Jährige und schwärmt von einem „Gefühl von Freiheit“. Und nun wird der sportliche Mann innen an diesem Windrad in Francop hinaufklettern, um sich aus 65 Metern Höhe an der Außenseite abzuseilen.

Raik Waterstradt möchte eine Weiterbildung zur „Fachkraft Windenergie“ machen. Um dabei sein zu können ist ein Höhentauglichkeitstest Pflicht, den das Elbcampus Kompetenzcenter in Harburg „Windcasting“ getauft hat.
Außer Waterstradt stehen noch elf Kandidaten auf der Apfelplantage von Landwirt Peter Stehr vor dem Windrad, das sich heute etwas müde dreht. Die steife Brise vom Morgen hat sich deutlich abgeschwächt. Keine schlechten Bedingungen, findet Carmen Goldbeck von der Berliner Industriekletterschule. Sie gibt den Teilnehmern des Castings letzte Tipps: „Ihr müsst euch beim Abstieg richtig rein stellen in die Seile“, sagt sie. Ist gar nicht so einfach. „Viele haben Probleme mit der Balance“, weiß die Klettertrainerin. Die Ausrüs-tung der Männer wiegt mit Sicherungsseilen rund zehn Kilo. Später im Job können es mit Werkzeugen schnell bis zu 30 Kilo werden.

Jedes Geräusch hallt im Inneren des Windrades. Es ist komplett dunkel, nur im Eingangsbereich blinken rote und grüne Lichter an einer Schalttafel. Keine Wendeltreppe, sondern eine schmale „Hühnerleiter“, unterteilt von drei Zwischenböden, führt die Kandidaten zur Spitze.

Von unten sieht Goldbeck, wie oben am Windrad ein kleiner Kopf aus der Luke kommt, dann der Oberkörper, und schließlich ist Raik Waterstradt zu erkennen, der wie ein Blatt im Wind schaukelt. Es wirkt noch etwas unsicher, wie er sich abseilt. In einer Höhe von rund 40 Metern kommt sein Körper kurz ins Trudeln und dreht sich mehrmals um die eigene Achse. Schließlich fängt er sich und bewältigt die restliche Strecke in einem Rutsch. „Wow, das war echt irre. Die Aussicht war gigantisch“, sagt er als er wieder festen Boden unter den Füßen hat. Angela Zeyn vom Elbcampus der Handwerkskammer Hamburg hat gute Nachrichten für ihn, als er seinen Gurt abnimmt. „Höhentest bestanden“, sagt sie knapp. Waterstradt, der den Bungee-Jump aus eigener Tasche bezahlt hat, um sich auf diesen Tag vorzubereiten, strahlt. Er hofft auf einen Job, der Spaß macht und krisensicher ist.
2013 war ein Rekordjahr: Knapp acht Prozent des Stromverbrauchs wurde aus Windkraft gewonnen, so die Schätzung des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft. Dieser Anteil wird weiter steigen, sagen die Experten voraus. Seit 1992 das erste Windrad auf dem Müllberg in Georgswerder gebaut wurde, hat sich Hamburg zu einem führenden Standort für Windkraftbetriebe entwickelt.

Aber es fehlen Fachkräfte, die die Anlagen bauen und warten können. Die Bewerber für die Jobs kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen. „Unser querster Quereinsteiger war ein spanischer Kameramann“, erzählt Christel Anders von der Elbcampus-Weiterbildungsberatung. Vorberuf, Geschlecht und Alter seien aber eigentlich egal. Technisches Verständnis für den späteren Job hilfreich, aber nicht Voraussetzung. Ohne eine gewisse Grundausdauer würde allerdings keiner den Aufstieg schaffen, denn das 65 Meter hohe Windrad von Bauer Stehr in Francop gehöre zu den kleineren, inzwischen gäbe es einige, die bis zu 120 Meter gebaut werden.

Nicht alle Bewerber kommen auf den verdammt hohen Türmen zurecht. Das „Windcasting“ ist auch gut, um sich in dieser Extremsituation selber zu testen. Von den zwölf Bewerbern brechen zwei ab. Einem wird schwindlig, nachdem er die Hälfte der steilen Leiter bewältigt hat. Er kehrt um und macht sich an den Abstieg. Ein anderer schafft es zwar bis ganz nach oben, kann sich dann aber nicht überwinden, durch die enge Luke nach draußen zu krabbeln. Auch er dreht lieber um.
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