Hippie, Marxist und Bordellbetreiber

Wolfgang und Linda an ihrem Hochzeitstag. Foto: Günter Zint/St. Pauli Museum

Trauerfeier im St. Pauli Museum: Woli Indienfahrer ist mit 85 Jahren gestorben

Horst Baumann, St. Pauli
Was für ein Leben. Ein Leben wie eine unglaubliche Reise. „Woli Indienfahrer“, der auf dem Kiez als Zuhälter und Bordellbetreiber arbeitete, Marxist und Hippie war, Bilder malte, Gedichte schrieb und ein Jahr lang mit zwei Kilo Gepäck durch Indien reiste ist gestorben. Seine Freunde haben am Sonntag im St. Pauli Museum eine Trauerfeier zu seinen Ehren veranstaltet.
Woli Indienfahrer wurde als Paul Wofgang Köhler am 30. Juli 1932 in Sachsen geboren. Er arbeitete als Bergarbeiter und Volkspolizist, entzog sich dem miefigen Sozialismus in der DDR aber 1953 durch Flucht nach West-Berlin. Ende 1958 kam er nach Hamburg. Auf St. Pauli war er Portier, Kellner, Geschäftsführer und Pächter in Striptease-Läden. Ende 1981 kehrten Woli und seine Frau Linda dem Kiez den Rücken. Das Ehepaar zog in eine Wohnung nach Ohlsdorf. 2015 starb Linda, die mit der ersten Silbe ihres Vornames die zweite Silbe von Woli gebildet hatte. Von einem Schlaganfall, den er im Frühjahr 2017 erlitt, erholte sich Woli nicht mehr.
Woli, der zuletzt zurückgezogen lebte, bekam regelmäßig Besuch von seinem Freund Günter Zint. „Als Marxist hat Woli vom ersten sozialistischen Puff geträumt. Er wollte die Frauen am Palais d’Amour beteiligen“, so Zint. Woli dachte dabei an das Wohl der Frauen, aber auch ans Geschäft. „Der Laden wirft onehin immer Gewinn ab, und wenn die Mädchen ihn als ihren eigenen betrachten, steigt die Rendite noch mehr“, sagte er in seinem stark sächsisch eingefärbten Tonfall. Die Idee des sozialisierten Palais d’amour scheiterte Ende der 1960er-Jahre zu Wolis großem Bedauern, weil nicht genügend Prostituierte im Kapitalismus der Idee etwas abgewinnen konnten.

Hubert Fichte veröffentlichte die Interviews mit dem Freund

Auf St. Pauli wurde Woli allgemein respektiert, doch er suchte den Kontakt zu Künstlern und Intellektuellen wie den Autoren Wolf Wondratschek oder Hubert Fichte, der die Gespräche mit ihm 1978 in einem Interview-Buch zusammenfasste. 2007 drehte Filmemacher Gerd Kroske „Wollis Paradies“ mit ihm. Obwohl er Zeit seines Lebens nicht daran glaubte, ist Woli Indienfahrer seiner Linda jetzt wohl dorthin gefolgt.
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