Hinter den Kulissen

Stoffmuster im Karton: Seit mehr als 25 Jahren entwickelt Kostümbildnerin Klaudia Noltenmeyer die passenden Farben für die Kostüme der Schauspieler.
 
33 mal zwölf Meter: Der Malsaal des Thalia Theaters hat exakt die gleiche Größe wie die Bühne.

Ein Spaziergang durch die Werkstätten des Thalia Theaters.

Von Sabine Langner, Hamburg.
Das Licht geht aus, der Vorhang hebt sich, und die Zuschauer freuen sich auf Komödien, Dramen, Musik oder Tanz. Doch was passiert eigentlich im Theater, wenn die Zuschauer noch nicht da sind? Wie entstehen die Kostüme und das Bühnenbild? Wer baut, wer malt, wer plant? Wir haben uns hinter den Kulissen des Thalia Theaters am Alstertor umgesehen.
Über der Bühne, im zweiten Stock des Hauses, arbeiten 13 Tischler, ein Bootsbauer, ein Zimmermann und zwei Tischlerlehrlinge in einer geräumigen Werkstatt. Sie sind diejenigen, die die Kulissen und teilweise auch die Möbel bauen. „Das ist ein unglaublich interessanter und abwechslungsreicher Job, weil wir ja fast jede Woche wieder etwas völlig anderes bauen“, sagt Tischlermeister Volker Lüdecke.
Die Bandbreite reicht von aufklappbaren Campingwagen bis hin zu kompletten Wohnungen, die sich auf der Bühne lautlos im Kreis drehen können. Die Idee dafür hat der jeweilige Bühnenbildner, der eng mit dem Regisseur des Stücks zusammen arbeitet. Aus Handskizzen machen zwei Architekten im Technischen Betriebsbüro riesige Zeichnungen, die den Tischlern als Vorlage dienen.
Ähnlich aufwändig ist der Entstehungsprozess der Kostüme. Der Regisseur des jeweiligen Stückes hat eine Idee, wie seine Darsteller auf der Bühne gekleidet sein sollen. Diese Idee wird dann erst mal mit einem Kostümbildner und den Gewandmeistern abgesprochen. Dabei kollidieren ab und zu auch mal die Vorstellungen der Regisseure mit der Realität. Wenn der Regisseur von Kleidern aus edlen Stoffen träumt, der Schauspieler aber jeden Abend in einem Blutbad sterben muss, ist die Überzeugungskraft der Gewandmeister gefragt. Sie müssen schließlich dafür sorgen, dass jedes Kostüm nach der Vorstellung sofort wieder gewaschen wird. Edle Stoffe in Kombination mit Kunstblut aus Rote-Bete-Saft sind dabei ein Fluch.
Jedes der 36 Ensemblemitglieder des Theaters wird von Kopf bis Fuß vermessen, wenn es im Thalia beginnt. Alle relevanten Maße der Schauspieler stehen in einem eigenem Ordner in der Gewandmeisterei. Der Vorteil: Die Schneider können die Kostüme anfertigen und die Schauspieler brauchen erst zur Anprobe zu kommen, wenn das Kostüm schon fast fertig ist.
Eine wichtige Funktion hat Kostümbildnerin Klaudia Noltenmeyer. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet sie umgeben von Farbtöpfen mit verschiedenen Farben in einer malerischen Werkstatt direkt unter dem Dach. Gerade ist sie dabei, der Jeans von „Woyzeck“ die richtige Patina zu verpassen. Mit einem trockenen Pinsel und einem Topf brauner Farbe streicht sie vorsichtig über die Nähte der eigens in einem eigentümlichen Petrol-Blau-Grün eingefärbten Jeans. Auf diese Weise bekommt die Hose genau die richtige Menge „Dreck“ ab, die sie braucht, um auf der Bühne alt, abgetragen und leicht schmuddelig zu wirken, obwohl sie eigentlich blitzsauber ist.
Was die Schauspieler getragen haben, gerät nicht in Vergessenheit: In Noltenmeyers Werkstatt stapeln sich Hunderte von Kartons. Jedes Stück der letzten 25 Jahre hat hier einen eigenen Karton, jeder prall gefüllt mit Karten und Stoffmustern.
Mit größeren Flächen haben Marten Voigt und seine Kollegen zu tun. Sie sind Theatermaler und haben ihre Werkstatt im vierten Stock. Licht durchflutet den genau 33 mal zwölf Meter großen Malsaal. „Wenn ein Bühnenbild die ganze Bühne ausfüllen soll, brauchen wir genau diese Maße“, erklärt Malsaalleiter Marten Voigt.
Drei Jahre dauert die Ausbildung, in denen die Theatermaler das Handwerk der perfekten Illusion erlernen. Oberflächen wie Fliesen, Rost, Stein, abblätternde Farbe auf Holz oder Marmor sind auch bei genauem Hinsehen nicht als Malerei zu erkennen, sondern wirken täuschend echt. Auf riesigen Leinwänden, die in der Theatersprache Prospekte genannt werden, entstehen Landschaften, fotorealistische Bilder oder abstrakte Motive. Gemalt wird im Stehen mit langen Pinseln. „Von klein muss man sich bei diesem Job verabschieden“, grinst Voigt. „Schließlich sollen auch die Zuschauer im letzten Rang noch etwas erkennen.“
Im Thalia Theater macht sich langsam Unruhe breit. Die ersten Besucher stehen an der Kasse. Es ist keine Zeit mehr, die Ton- und Lichttechniker zu besuchen, die Köche in der Kantine. Keine Zeit mehr für die Bühnenbildner, die Maskenbildner, die Schlosser, die Souffleusen, die Grafiker. Keine Zeit mehr für all die helfenden Hände, die dafür sorgen, dass sich jeden Abend der Vorhang im Theater öffnet und die Zuschauer für einige Stunden den Alltag vergessen können.
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