„Hier sind wir Fußballer, keine Flüchtlinge“

Vor dem Anpfiff: Das Team des FC Hamburger Berg. Foto: Roman Pawlowski
 
Daniel: „Du kannst nicht nur Fußball spielen. Du brauchst einen Job, um dich als Mensch zu fühlen.“ Foto: Roman Pawlowski
 
Voller Engagement bei der Sache: Trainer Hery Cortez. Foto: Roman Pawlowski

2014 haben Kiez-Türsteher in Hamburg zum Spaß einen Fußballverein gegründet. Inzwischen trainieren dort fast 300 Flüchtlinge, einer ihrer Trainer hat einst bei Ernst Happel gelernt. Beim FC Hamburger Berg finden die Geflüchteten aber mehr als nur eine sportliche Heimat

Von Alexander Nortrup (Text) und Roman Pawlowski (Fotos). Der Mann im Trainingsanzug wird langsam ungeduldig. Mit einer Plastiktüte in der Hand steht er mitten auf dem Aschenplatz an der Altonaer Memellandallee, gestikuliert wild und zischt energische Kommandos in einer Sprache, die wie selbst erfunden klingt. Gleich hinter einem Tor rauschen Autos auf der vierspurigen Kieler Straße vorbei, doch Hery Cortez hat nur Augen für das Geschehen auf dem Spielfeld. Und er schimpft wie ein Rohrspatz, weil er sich nicht so ausdrücken kann, wie er es gern täte: „Ich spreche Spanisch, Französisch, Italienisch und Deutsch“, flucht der 69-Jährige in Richtung seines neben ihm stehenden Neffen, der die Pfeife im Mund hat, auf einem Ball herumtritt und mit einem Auge das Trainingsspiel beobachtet. „Nur Englisch kann ich absolut nicht.“
Genau das bräuchte der Bolivianer aber. Denn seine im grauen Abendhimmel von Flutlicht erleuchteten Spieler haben so unterschiedliche Muttersprachen, von Arabisch bis Hausa, von Suaheli bis Farsi, dass nur Englisch, so mangelhaft es alle Beteiligten auch beherrschen, sie irgendwie zusammenführt. Hoffentlich. Arne, ein langer Kerl mit modischer Sportbrille und 22 Jahren Vereinsfußball-Erfahrung, hat heute Abend längst aufgegeben: „Ich schreie einfach ab und zu laut und hoffe, dass mich jemand versteht und den Ball weitergibt“, grinst er gütig. „Es sind einfach viele neue Spieler dabei, das muss sich alles erst noch finden.“

„Die See war ruhig – wir hatten großes Glück.“

Coach Cortez hat indes Schwerstarbeit zu leisten: In Hamburgs Flüchtlingscamps hat sich inzwischen herumgesprochen, dass man in seinem Klub, dem FC Hamburger Berg, auf gutem Niveau Fußball trainieren und bei entsprechender Leistung auch Punktspiele absolvieren kann. Heute Abend ist Casting: Viele Spieler sind gekommen, die gern Teil der zweiten Mannschaft sein wollen. Doch ihr Spiel bringt den kräftigen Südamerikaner an den Rand der Verzweiflung: „Die meisten von denen haben durchaus Potenzial“, sagt der Trainer. „Aber im Augenblick laufen sie wie ein Hühnerhaufen herum.“

Alles begann mit einem Klub von Hobbykickern

Dass seine Spieler ganz grundlegender Einweisungen bedürfen, schreckt den Bolivianer nicht – im Gegenteil. Er hat in seiner sportlichen Biografie schon an vielen Orten vielen Kickern das Konzept der Viererkette erklärt: Cortez erwarb Trainerlizenzen in Bolivien und Frankreich, hospitierte in den Achtzigerjahren mehr als neun Monate bei Trainerlegende Ernst Happel, erlebte in einem anderen Praktikum Bernd Schuster als Barça-Spieler.
Vor 30 Jahren kam der hauptberufliche Musiker nach Deutschland. Er hatte gerade einen Plattenvertrag mit seiner Anden-Folklore-Combo unterschrieben, bei der er Gitarrist, Sänger und Flötist ist, und blieb schließlich bei einer Europatournee in Hamburg hängen. Der Platz an der Seitenlinie blieb seine zweite, wenn auch meist gering entlohnte Leidenschaft, und so führte Cortez Kreisklasseklubs sensationell in die Landesliga. Nun steht der Weitgereiste auf ebenjenem Aschenplatz in Altona und kommandiert knapp 25 Spieler, die nur zwei Dinge miteinander gemeinsam haben: Sie sind als Flüchtlinge in Hamburg gestrandet. Und sie wollen unbedingt Fußball spielen.
Fußball, Deutschland, Hamburg – der Klang dieser Worte lässt Daniel immer noch ungläubig staunen. Der Linksverteidiger mit Rastafari-Locken und eisenharter Wadenmuskulatur war 18 Jahre alt, als er aus seinem Heimatland, dem westafrikanischen Ghana, nach Libyen zog. In dem politisch turbulenten, aber wirtschaftlich dank des Öls boomenden Land gab es Arbeit und Geld, ganz im Gegenteil zu seinem Heimatdorf nahe Ghanas Hauptstadt Accra. Doch 2011 kamen der Bürgerkrieg und die Milizen, täglich hörten die Arbeitsmigranten in ihrem Lager Maschinengewehrsalven. Die Angst wuchs, die Hoffnung auf den Absprung nach Europa auch.
Eines Tages folgte Daniel schließlich einer Gruppe zum Hafen von Tripolis und sprang in eines der voll besetzten Schlauchboote. „Die See war auf unserer Überfahrt sehr ruhig, es war genügend Benzin da – wir hatten großes Glück“, sagt der 28-Jährige heute. Die geglückte Flucht endete auf Lampedusa, es folgten sechs Monate in Italien, drei Jahre in Griechenland, zwei Monate Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich, schließlich endete die Odyssee über Frankfurt am Main in Hamburg. Bald bekommt er seine Aufenthaltserlaubnis und freut sich, dann endlich arbeiten zu dürfen: „Du kannst nicht nur essen, schlafen, spazieren gehen, Fußball spielen. Du brauchst einen Job, um dich ganz als Mensch zu fühlen.“
Der Höllentrip mit glücklichem Ausgang lässt Daniel nachts immer noch regelmäßig schweißgebadet wach werden. Doch seit knapp zwei Jahren gibt es noch etwas, das ihn in seinen Träumen begleitet: seine Fußballkarriere. Denn Daniel spielt beim FC Hamburger Berg, diesem ganz und gar nicht gewöhnlichen Klub.
Erst 2014 haben ihn ein paar Freunde gegründet, die rund um die Kneipenmeile an der Straße Hamburger Berg gearbeitet haben, nicht weit von der Reeperbahn entfernt. „Als Gästeselektierer“, sagt Vereinspräsident Ralph Hoffmann, 42, und grinst bubenhaft. Als Türsteher, könnte man auch sagen. Die durchtrainierten Männer gründeten einen Klub, um sich auch jenseits der Arbeit zu sehen und gemeinsam zu kicken. „Als Verein bekommt man Trainingszeiten und kann sich mit anderen Sportverrückten messen. Das war unsere Motivation“, sagt Hoffmann. Und so entstand der FC Hamburger Berg im August 2014 aus höchst eigennützigen Gründen.
Kaum war der Klub allerdings gegründet, da kam eine E-Mail herein – mit dem Appell, Migranten beim Training zuzulassen, weil die Nachfrage so riesig sei. Und so öffneten die einstigen Türsteher die Pforten ihresVereins für viele junge Männer, die auf ihrer Flucht aus Westafrika und Libyen in Hamburg gelandet waren. Bald wurde aus einem Verein, in dem auch Flüchtlinge spielten, ein Flüchtlingsverein. Von anfangs knapp 20 Mitgliedern wuchs er auf inzwischen fast 300 an. Mancher afrikanische Spieler beherrscht inzwischen mit feinem französischem Akzent durchsetztes Hochdeutsch und spricht wie selbstverständlich zärtlich von seiner „Mudder“. Andere sprechen erst seit Kurzem ein wenig Deutsch, viele noch gar nicht. Integration verläuft nicht gleichförmig, Coach Cortez kann ein Lied davon singen. Fortsetzung in der nächsten Ausgabe des Elbe Wochenblatts am Wochenende.

FC Hamburger Berg

Text und Fotos sind densupporters news des HSV entnommen. Wer die ehrenamtliche Arbeit vom FC Hamburger Berg unterstützen möchte, kann für fünf Euro im Monat Fördermitglied werden. Infos gibt es auf www.fc-hamburger-berg.de unter dem Menüpunkt „Verein“/„Refugees welcome“. Die Flüchtlinge freuen sich auch immer über gebrauchte Fußballschuhe, Sportkleidung und Bälle“, sagt Vereinspräsident Ralph Hoffmann. Auch hierzu ist über die Website eine Kontaktaufnahme möglich. AN

Weltrekordversuch

Seit Dienstag, 31. Mai, wird auf dem Sportplatz im Sternschanzenpark, Sternschanze 4, gekickt: Es geht darum, den Guinness-Weltrekord für das Fußballspiel mit der längsten Spielzeit zu knacken. Dieser steht bei 105 Stunden, aufgestellt von „The Craig Gowans Memorial Fund“ in Edinburgh (Schottland). Nun wollen der FC Hamburger Berg und der VfL Wallhalben aus Rheinland-Pfalz länger durchhalten als die Schotten. Läuft alles wie geplant, wäre der Weltrekord am morgigen Sonntag, 5. Juni, um 13 Uhr um sechs Stunden überboten. EW
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