„Heute Nacht läuft Finkenwerder voll“

Sammler: Ortsarchivar Kurt Wagner hat rund 1.200 Fotos von der großen Sturmflut. Foto: bk
 
Frauen und Kinder zuerst: Die Auszubildenden der Seemannsschule fuhren mit ihren Booten durch Finkenwerder, um Menschen zu retten. Foto: Kulturkreis

50 Jahre nach der großen Sturmflut.

Von Annekatrin Buruck.
Es war Rettung in letzter Sekunde. Hinnik und Frieda Wüpper spürten, wie sich ihr ganzes Haus am Süderdeich bewegte. Die beiden alten Leute brachten sich gerade noch rechtzeitig bei Nachbarn in Sicherheit. „Kurze Zeit später brach der Deich genau dort, wo ihr Haus stand und hat es einfach weggespült“, erzählt Margret Benitt, deren Schwester Anneliese Schwartau genau nebenan wohnt.
Die schwere Sturmflut, die in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 ganz Norddeutschland heimsuchte, war die höchste seit 1825. Der Pegel St. Pauli zeigte einen Wasserstand von 570 Zentimetern über Normal Null – 46 Zentimeter höher als anderthalb Jahrhunderte zuvor.
Schon seit dem 12. Februar hatte der Sturm Vincinette mit Orkanböen bis zu Windstärke zwölf gewütet. Dennoch hatten sich die Menschen hinter den Deichen sicher gefühlt. „Uns hat niemand gewarnt“, erzählt Helga Grube, 82, in deren Haus das Wasser bis zur ersten Fenstersprosse stand – und dass, obwohl das Erdgeschoss erst rund zwei Meter über dem Boden beginnt.
Nur wenige hatten die Katastrophe kommen sehen. „An dem Abend, als die Flut kam, habe ich einen über 90 Jahre alten Bekannten nach Hause zum Köterdamm gebracht“, erinnert sich Hinrich Struhs, der damals am Osterfelddeich lebte. „Da sagte der alte Mann: ‚Der Deich zittert. Heute Nacht läuft Finkenwerder voll’.“
Die meisten Menschen wurden im Schlaf überrascht. Um 23.30 Uhr begannen die Kirchenglocken zu läuten. „Uns hat ein Nachbar rausgetrommelt“, erinnert sich Emmi Kuhn, 82, vom Carsten-Fock-Weg. Gegen Mitternacht begannen die Deiche in Finkenwerder überzulaufen, sechs Deiche hielten den Wassermassen nicht stand und brachen. „An zwei Stellen war der Auedeich gebrochen, in der Nähe des Storchennestes“, erzählt Ortsarchivar Kurt Wagner. Dort stand ein Haus im Rohbau. „Von dem hat man nichts mehr gesehen.“ Auch am Kirchenaußendeichsweg, Süderdeich und am Westerdeich brachen die Deiche.
Finkenwerder füllte sich tatsächlich fast so schnell mit Wasser wie eine Badewanne. An den tiefsten Stellen bis zu vier Metern Höhe. So bei Ernst-August Plötz, der am Brack lebt, einem der tiefsten Punkte auf Finkenwerder. „Unsere Wohnung liegt zum Glück unter dem Dach“, erinnert er sich, „aber meine Schwiegermutter, die unter uns wohnte, mussten wir mit dem Boot zu Verwandten bringen.“ Nachbar Helmut Vick, damals 15, wollte noch Kaninchen und Meerschweinchen retten. Sein Vater hielt ihn zurück. „Sonst wäre ich wohl ertrunken wie meine beiden Haustiere.“
So schnell es ging, schleppten die Menschen alles, was sie tragen konnten, in die oberen
Stockwerke. Helga Grube wuchtete eine schwere Kiepe mit Brennmaterial in den ersten Stock. „Später konnte ich sie nicht mehr heben“, erinnert sie sich, „da sieht man, zu was ein Mensch in der Not fähig ist.“
Ab Mitternacht begannen die Rettungsarbeiten. Helfer von Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr und Katastrophenschutz fuhren mit Booten durch die Straßen, um Menschen zu evakuieren und Lebensmittel, Decken, Kleidung und Heizmaterial zu verteilen; das Ortsamt öffnete seine Tore für Obdachlose. „Die Auszubildenden der Seemannsschule waren die ersten, die mit dem Boot bei uns vorbei kamen“, erinnert sich Emmi Kuhn.
Am Markt und beim Gasthaus Schwartau landeten Hubschrauber mit Hilfsgütern. „Wir Jungen haben geholfen, die Sachen auf Lkw zu verteilen“, erinnert sich Axel Jagusch, der damals 16 Jahre alt war.
Eine knappe Woche dauerte es, bis das Wasser abgelaufen war, nach rund vier Wochen kehrte langsam der Alltag wieder ein. Bis aber alle Schäden beseitigt waren, vergingen weitere sechs Monate. Drei Menschen kamen bei der Flut auf Finkenwerder ums Leben, darunter ein Helfer aus Clausthal-Zellerfeld. Dazu waren 125 Rinder, 278 Schweine, zehn Schafe und Ziegen sowie 4.500 Stück Geflügel ertrunken.
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