Herr Schmidt ist Mister Telemichel

Wolfgang Schmidt (l.) vor fast 40 Jahren an seinem Arbeitsplatz im Telemichel. Foto: pr
 
Wolfgang Schmidt ist heute 76 Jahre alt. Er möchte noch erleben, dass das Fernsehturm-Restaurant, in dem er gearbeitet hat, wieder eröffnet. Foto: ch

Wolfgang Schmidt (76) war Restaurantleiter im Fernsehturm – und wünscht sich,
dass das Telemichel-Restaurant wieder in Betrieb genommen wird

Von Christiane Handke-Schuller. Er hat als Junge den Osten Berlins in letzter Minute verlassen, hat als Hotelpage im Hotel Vier Jahreszeiten die Onassis-Kinder um die Alster spazierengeführt und mit Familie Schickedanz, der das Golfhotel Travemünde gehörte, am Küchentisch Pflaumen entkernt: „Die waren so sparsam, die haben die Kerne selbst rausgepult, wenn es Obstkuchen gab“. Aber nichts war für Wolfgang Schmidt so spannend und prägend, wie seine Zeit als Restaurantleiter im Fernsehturm. Das Wochenblatt sprach mit ihm.

Wann haben Sie im Fernsehturm gearbeitet?
Wolfgang Schmidt: Ich war vom 8. Oktober 1969 bis zum 30. April 1970 Oberkellner, danach bis zum 20. April 1979 Restaurantleiter.

Wie war das Ambiente?
Vornehm, gehobenes Publikum. In der Saison auch viele Touristen, aber abends feine Leute, viele vom Theater. Internationale Küche, der Küchenchef hatte richtig was auf dem Kasten.

Wie funktionierte das technisch?
Alles, was oben im Restaurant gegessen wurde, musste mit dem ganz normalen Personallift hochgefahren werden. Im Keller war die Produktionsküche, da wurden Tiere zerlegt, Steaks eingeschweißt, Gemüse geschnitten, alle Torten gebacken und eingefroren. Nicht nur für uns, sondern auch für andere Hotels. Das Personal konnte im Keller umsonst in der Kantine essen. Da gabs auch die Duschen.

Und oben, wo die Gäste saßen?
Für die Gäste gab es zwei andere Fahrstühle. Mit denen wurde viel Geld gemacht: zwei Mark kostete das. Mittags waren wir immer voll, manchmal sogar zweimal besetzt: von 12 bis 13.30 Uhr und ab 14 Uhr bis zur Kaffeezeit. Dann war eine Stunde frei, schnell eindecken und dann „Kaffee und Kuchen satt“.

Kaffee und Kuchen satt – das war berühmt, nicht wahr?
Ja, da standen die Leute unten an den Fahrstühlen Schlange. Und wenn die oben waren, rasten sie alle zu den Fenstern. Hammelherde ist gar nichts. Da musste man lenken und leiten und sagen: Da ist auch noch Platz. Und dann gab es je eine Stunde Kaffee und Kuchen satt - von 15.30 Uhr bis 16.30 Uhr und von 16.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Wir hatten eine Liste ausgehängt, wer Fresskönig war: 15 Stück Torte. Manche hauten richtig rein, und dann gings auf die Toilette – naja. Im Gästebuch stand „Schnell geschlungen – Flucht gelungen“. Das hat Ulrike Meinhof geschrieben, die dann als Terroristin berühmt-berüchtigt wurde.

Und das Restaurant drehte sich ...
Ja, deswegen musste man den Gästen sagen, dass sie nichts auf die Fensterbank stellen sollen, die Handtasche oder so. Und sich auch nicht selbst draufstellen oder -setzen, weil ihr Tisch dann ohne sie weiterfuhr. Denn die Fensterbank drehte sich nicht mit, da war die Heizung drin. Die Kellner waren darauf geschult, Stöcke und Regenschirme und Taschen einzusammeln. Wir haben oft Witze gemacht, weil wir so viele Krücken eingesammelt haben: Der Fernsehturm ist ein richtiger Gesundbrunnen, die Leute kommen am Stock und gehen ohne.

Wie orientierte man sich in einem sich drehenden Restaurant?
Die verschiedenen Abschnitte waren in verschiedenen Farben gehalten. Wenn ein Kunde von der Toilette kam, erinnerte er sich: „Ah, ich habe in einem gelben Sessel gesessen“ und suchte den gelben Salon. Es gab fünf Salons, die hatten alle verschiedene Farben. Die Kellner in der Küche sahen die Salons an sich vorbeifahren: oliv, grün, blau, rot, gelb. Und farbige Lampen dienten den Kellnern zur Orientierung: Was war wo bestellt worden, und wo musste was an welchen Tisch gebracht werden. Außerdem wusste man, in welcher Reihenfolge die Farben aufeinander folgten und konnte so immer den kürzesten Weg nehmen.

Sie haben einen großen Wunsch ...
Ja. Ich möchte erleben, dass das Restaurant im Fernsehturn wieder eröffnet ist, wenn die Olympiade nach Hamburg kommt. Ich biete jedem, der daran arbeitet, meine Hilfe an. Ich weiß alles über den Telemichel. Als Restaurantleiter habe ich die Schulungen für Notfalleinsätze geleitet, kenne die Fluchtwege und die technischen Strukturen. Ich kann erklären, wie die Fahrstühle funktionieren, wie man evakuiert, ich kenne die logistischen Herausforderungen der Anlieferung an die Küche, technische Details der Toiletten oder der Garderoben – einfach alles.
Wenn dieses Wissen helfen kann, den Fernsehturm wieder zu eröffnen – das wäre das Schönste für mich.

Der Telemichel

Mit 271,5 Meterm bis zur Antennenspitze ist er Hamburgs höchstes Bauwerk, sein Drehrestaurant befindet sich auf einer Höhe von 132 Metern: der Hamburger Fernsehturm, genannt Telemichel. Sein richtiger Name: Heinrich-Hertz-Turm.
Der von 1966 bis 1968 erbaute Turm wurde 2001 für die Öffentlichkeit geschlossen. Seitdem melden sich – zwar nicht oft, aber immer wieder – Investoren zu Wort, kochen neue Ideen hoch, gibt es Anläufe, Restaurant und Aussichtsplattform zu öffnen.
Zuletzt machte der Unternehmer Martin Dencker damit Schlagzeilen. Ob Dencker an dem Projekt noch dran ist, ist nicht ganz klar. In einem Telefongespräch mit dem Wochenblatt sagte er: „Wissen Sie, der Fernsehturm an sich interessiert mich gar nicht – mich interessiert es, Projekte umzusetzen, die als unmöglich gelten.“
Da wäre der Telemichel allerdings genau das richtige ... CH
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