„Hauptziel ist, Obdachlosigkeit zu vermeiden“

„Bringe Erfahrung im Krisenmanagemt mit“: Anselm Sprandel. Foto: Bina Engel

Interview mit Hamburgs Flüchtlingskoordinator Anselm Sprandel

Von Volker Stahl.

EW: Herr Sprandel, Sie gelten als ausgewiesener Kenner der Hamburger Verwaltung. Was hat Sie dazu bewogen, den politisch brisanten Job des Flüchtlingskoordinators zu übernehmen?

Anselm Sprandel: Die Leitung des Zentralen Koordinierungsstabes Flüchtlinge ist ausdrücklich kein politischer Job, sondern eine Managementaufgabe. Mich reizt es, an der Bewältigung einer der größten Herausforderungen der letzten Jahre für Hamburg und für Deutschland mitzuwirken und dabei meine Erfahrungen als Verwaltungsmanager einzubringen.

EW: Was qualifiziert Sie für diese heikle Aufgabe?
Anselm Sprandel: Ich bringe Erfahrung im Krisenmanagement mit. Zum Beispiel habe ich vor gut zehn Jahren dazu beigetragen, dass das begonnene Kita-Gutschein-System, das einige Startschwierigkeiten hatte, auf ein geordnetes Gleis kam. Außerdem bringe ich als langjähriger Verwaltungsleiter der Sozialbehörde viel Erfahrung darin mit, unterschiedliche Menschen und unterschiedliche Dienststellen zu einem produktiven Miteinander zusammenzubringen.

EW: Bitte umreißen Sie kurz Ihren Aufgabenbereich!
Anselm Sprandel: Unser Hauptziel ist es, allen Menschen, die zu uns kommen und Schutz suchen, erst einmal ein Dach über dem Kopf zu bieten, um Obdachlosigkeit zu vermeiden. Außerdem soll eine leistungs- und durchhaltefähige Arbeitsstruktur geschaffen werden, die es ermöglicht, die benötigten Unterbringungskapazitäten in der erforderlichen Geschwindigkeit bereitzustellen.
Weiterhin sollen die mit der Integration der Flüchtlinge zusammenhängenden Themen wie Wohnen, Gesundheit, Bildung und Arbeit bei uns koordiniert werden.
Wir müssen auch die Rahmenbedingungen für die
Kooperation von ehrenamtlichem und hauptamtlichem Engagement optimieren. Vom ehrenamtlichen Engagement können wir Hauptamtliche lernen.

EW: Das Credo der Bundeskanzlerin in Bezug auf die Unterbringung der Asylbewerber lautet: „Wir schaffen das!“ Sind Sie genauso optimistisch?
Anselm Sprandel: Bisher haben wir es immer geschafft und daher bin ich mir sicher, dass wir es auch weiterhin schaffen. Unser Ziel muss es aber sein, zukünftig „vor die Lage“, wie die Polizei es nennt, zu kommen. Das heißt, wir wollen zukünftig bei der Planung und Vorbereitung von Unterkünften dazu kommen, ausreichende Versorgung für alle in Hamburg Schutz suchenden Menschen vorzuhalten. Dies lässt sich aber nicht von heute auf morgen realisieren, sondern wird sich noch über Wochen und Monate hinziehen.

EW: Was haben Sie zuerst angepackt?
Anselm Sprandel: Als erstes haben wir zusätzliche Kolleginnen und Kollegen eingestellt, die weitere Standorte für Flüchtlingseinrichtungen finden, planen und auf den Weg bringen sollen. Wir müssen weiterhin alle Flüchtlinge, die nach Hamburg kommen, versorgen und gleichzeitig die Stabsstelle aufbauen. Dafür sind neben der Verzahnung von Fachstellen zweier Behörden auch die Integration der neuen Kolleginnen und Kollegen und der Aufbau einer funktionsfähigen Infrastruktur notwendig. So betrachtet sind wir quasi dabei, einen neuen Betrieb zu etablieren, während das Tagesgeschäft auf Hochtouren weiterläuft.

EW: Wie viele Mitarbeiter gehören zu Ihrem Stab?

Anselm Sprandel: Derzeit sind es rund 70 Beschäftigte. Es sollen aber noch bis zu 20 weitere hinzukommen.

EW: Viele Anwohner fühlen sich über Unterbringungsmaßnahmen in ihrem Umfeld schlecht informiert. Das schürt Ängste. Was ist zur Verbesserung der Kommunikation geplant?
Anselm Sprandel: Informationsveranstaltungen. Ich verstehe, dass es einigen Menschen unheimlich vorkommen kann, wenn in ihrer Nachbarschaft Unterkünfte entstehen und sie nicht wissen, was genau auf sie zukommt. Manchmal müssen Maßnahmen sehr kurzfristig umgesetzt werden, sodass es schwer ist, rechtzeitig zu informieren. Daher wollen wir jede Gelegenheit zu Information und Aufklärung nutzen und generell für Verständnis werben, verfolgten Menschen in unserer Stadt Schutz zu bieten. Auch die sozialen Medien müssen wir hier noch stärker einsetzen. Dies ist aber ein Prozess, keine Maßnahme, die sofort wirken kann. Ich setze dabei auch auf die guten Erfahrungen, die die vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer machen. Dies trägt sicher enorm dazu bei, Ängste abzubauen und die Integration zu fördern.

EW: Der Zuwanderungsstrom wird 2016 voraussichtlich nicht abebben. Wann sind die Aufnahmekapazitäten der Hansestadt erschöpft?

Anselm Sprandel: Wir können noch viele Kapazitäten schaffen. Und durch ein verbessertes Aufnahmeverfahren sowie durch die Verstärkung des Personals, und das gilt auch für die Beschäftigten, die für die Bearbeitung der vielen Registrierungen und Asylanträge auf Bundes- und Landesebene zuständig sind, wollen wir Strukturen schaffen, die es uns erlauben, mehr Ruhe und Planbarkeit in das System zu bringen.

EW: Wo wünschen Sie sich Unterstützung durch die Zivilgesellschaft?

Anselm Sprandel: Wir erhalten schon jetzt unglaublich viel Unterstützung von Stiftungen und aus dem ehrenamtlichen Bereich. Zukünftig ist geplant, Flüchtlinge noch stärker auch an private Unterkünfte zu vermitteln, wenn sie aus der Erstaufnahme ausziehen und einen Aufenthaltsstatus haben. Dann sollen die Angebote privater Haushalte, die derzeit an uns herangetragen werden, systematisch genutzt und auch durch eine zentrale Anlaufstelle vermittelt werden.
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1 Kommentar
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Jens Bend aus Eissendorf | 12.01.2016 | 16:06  
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