Hamburgs unbekannter Stadtteil

Reichlich Betrieb auf dem nördlichen Grasbrook. Links ist die Immanuelkirche auf der Veddel, rechts ist der Energieberg in Georgswerder zu erkennen. Foto: MG
 
Blick von Westen auf eine Computeranimation des Grasbrooks. Bild: Hosoya Schaefer Architects

Auf dem Kleinen Grasbrook wird bekanntlich kein Olympiastadion gebaut,
aber es entstehen dort in einigen Jahren neue Wohnungen. Ein Ortstermin

Matthias Greulich, Kleiner Grasbrook
Der Wachmann möchte wissen, was wir da machen. „Fotos von der Kaffeeklappe, die können Sie gerne sehen!“, sagt der Fotograf. Nach einigen Belehrungen, dass Bilder vom Hafengelände nicht erwünscht seien, verschwindet er wieder. Wir stehen vor der letzten verbliebenen Kaffeeklappe auf dem Kleinen Grasbrook. „Der lütte Foffteiner“ hat seit sechs Uhr morgens geöffnet, jetzt macht die erste Schicht am Unikai Feierabend. Gegenüber lehnen vier Männer mit gelben Warnweste am Zaun und rauchen. Etwas später gehen sie ins Lagerhaus F und transportieren Paletten mit Gabelstaplern. „Hier ist immer Action“, sagt Magdalena Meierdirks, die quirlige Chefin des „Foffteiner“, während sie einige leere Kaffeebecher auf dem Bistrotisch am Eingang wegräumt.

1.190 Bewohnern leben derzeit auf dem Grasbrook

Seit 1999 gibt es den Imbiss, der vor sieben Jahren 200 Meter nach Süden versetzt wurde, um Platz für einen großen Lkw-Parkplatz zu schaffen. Alle dreißig Sekunden fahren Fahrzeuge, die mit Autos, Containern oder Bananen beladen sind, an der Bude vorbei, während die Gäste „Fofftein“ machen. Im gemütlichen Container wird nach Hafenart jeder geduzt. Egal, ob er Blaumann, Anzug oder die Uniform eines Sicherheitsdienstes trägt. Meierdirks sorgt mit ihrem Frühstücksangebot (drei halbe Brötchen mit einem Becher Kaffee für 3,90 Euro) für einen Fluchtpunkt im ansonsten unsentimentalen Wirtschaftsraum, mit dem die Stadt, ja ganz Deutschland, Großes vorhatte.
„Zunächst sollte hier die Hafen-Uni hinkommen, dann war Wirtschaftskrise, später Olympia und nun also Wohnungsbau“, zählt Meierdirks auf, die anderthalb Kilometer entfernt als eine von nur 1.190 Bewohnern auf dem Grasbrook lebt.
Schon einige Male hat sich das Hafenmuseum alte Werkzeuge, die im „Foffteiner“ an der Wand hängen, für eine Ausstellung ausgeliehen. „Von dort sieht man den Grasbrook am besten“, so Meierdirks. Über die dicht befahrene Haupthafenroute fahren wir also nach Westen an die Kaimauer des Museums, wo ein Angler auf einem Klappstahl auf die vorbei fließende Elbe schaut. Alte Waggons der Hafenbahn und ausrangierte Kräne der Firma Kampnagel stehen in einer Reihe. Zwei Radfahrer schieben ihre Fahrräder vor uns über die ausrangierten Gleise, direkt gegenüber dem Frachter Grande America aus Neapel packen die beiden Ausflügler ihre Brote aus und sehen zu, wie ameisengroße Arbeiter auf den Containern herumgehen.
Als ob es eines letzten Beweises für die Schönheit des Geländes bedurft hätte, beginnt sich auf dem anderen Ufer das Licht der Nachmittagssonne in den Fenstern der Elbphilharmonie zu spiegeln. Die Architekten von Gerkan, Marg und Partner hatte dieses Panorama veranlasst, die Tribünen des geplanten Olympiastadions in Richtung Nordwesten so abzusenken, dass man das Konzerthaus mit einem Stück Elbe aus der Arena heraus gut erkennen könnte.

Als Lascher hoch oben Container befestigt

Volker Ippig hat einige Jahre von oben gesehen, wie Autos und Container neben den Schiffen hin- und herbewegt werden. Auf dem Grasbrook hievte er Bananen-Kisten auf Förderbänder, fuhr Autos auf Schiffe oder von Schiffen herunter und befestigte als Lascher Container in schwindelerregenden Höhen.
Der 54-Jährige hat sich zunächst als Unständiger, wie Tagelöhner im Hafen heißen, in dieser rauen Welt durchgebissen. Mittlerweile hat er einen festen Vertrag und arbeitet einige Kilometer westlich am Burchardkai. Mit dem Profifußball, der bis 1992 als Torwart des FC St. Pauli sein Leben bestimmte, hat er nichts mehr zu tun.
Wenn er mit den Kollegen auf die Elbe blickte, hat sich Ippig häufiger vorgestellt, wie es wäre „hier einen Bauwagen hinzustellen und einfach zu leben“. In einigen Jahren können die Neu-Grasbrooker diesen Blick aus ihren Neubauwohnungen genießen.

Grasbrook

Geplant sind im neuen Stadtteil 3.000 Wohnungen für etwa 6.000 Bewohner. Laut Senat „junge Familien und Menschen jeglichen Alters und unterschiedlicher Herkunft“ sowie 16.000 Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten, eine Grundschule und Kitas. Ein Drittel der Wohnungen soll öffentlich gefördert werden. Geht es nach Bürgermeister Olaf Scholz, könnte der neue Grasbrook 2037 fertiggestellt werden. EW
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