Hamburg zu verschenken

Ralf Lange: Das Hamburger Kontorhaus: Architektur. Geschichte. Denkmal. Hamburg 2015, Dölling & Galitz, 288 Seiten, 39,90 Euro

Geschenktipps für Weihnachten: Bücher aus unserer Nachbarschaft

Von Volker Stahl. Es ist nicht leicht, bei der Fülle der Publikationen mit Hamburg-Bezug die Übersicht zu behalten. Auch in diesem Jahr sind zahlreiche Bücher zur Geschichte der Stadt, zum Sportgeschehen und aktuellen Entwicklungen an Elbe, Alster und Wandse erschienen. Wir haben uns durch Bücherstapel gekämpft und stellen sieben empfehlenswerte Werke vor.

Hamburg im Spiegel der Globalisierung
Die Autoren stellen die Auswirkungen der Globalisierung auf die Metropole Hamburg in den Mittelpunkt. In den einzelnen Beiträgen werden die Rolle des kolonialen Erbes und die internationalen Beziehungen Hamburgs kritisch betrachtet. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit den sozialen Problemen der Hansestadt in den Bereichen Wohnen, Arbeiten und Leben als Folge einer wirtschaftsorientierten Ent-
wicklung.
Wer gehört zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern der neoliberalen Globalisierung? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die jeweiligen Aufsätze. Die Herausgeber Reiner Basowski und Gerd Pohl beleuchten neokoloniale Abhängigkeiten. Am Beispiel „Kaffeehandel“ verdeutlichen sie, dass sich seit Gründung der Hamburger Kaffeebörse im Jahr 1887 für die Erzeuger in den Herkunftsländern wenig geändert hat. Zwar wurden Sklaverei und Zwangsarbeit abgeschafft, jedoch wandern – damals wie heute – die teilweise exorbitanten Gewinne in die Taschen der Kaffeebarone. Die Löhne der Plantagenarbeiter dagegen sind gering, die Arbeitsbedingungen katastrophal.

Reiner Basowski/Gerd Pohl: Hamburg: Internationale Metropole. Vom kolonialen Erbe zur Globalisierung: Wirtschaft, Wohnen, Arbeiten, Leben. Hamburg 2016, VSA Verlag, 174 Seiten, 14,80 Euro


Wenn Kiezgrößen zu St. Pauli-Experten werden

Marc Halupczok fallen sage und schreibe 111 Gründe ein, warum er seinen Verein, den FC St. Pauli, liebt. Bei genauerem Lesen entpuppen sich die meisten „Gründe“ allerdings als alte Geschichten im neuen Gewand. Manch ein Grund ist auch fragwürdig, der 85. zum Beispiel. In dem Text kultet der Autor die „Drag Queen“ Olivia Jones, die sich an alles ranschmeißt, womit Geld zu verdienen ist, und lässt mit „Kiezgröße Kalle Schwensen“ eine dubiose Rotlicht-Gestalt als „Sankt-Pauli-Experten“ zu Wort kommen. Moralisch mindestens fragwürdig, passt aber prächtig ins Klischee vom Kiezclub, der sich heute allerdings weniger über sein Kieztum als über seine kritische Fangemeinde definiert.

Marc Halupczok: 111 Gründe, St.-Pauli-Fan zu sein. Eine Liebeserklärung unterm Totenkopf, Schwarzkopf&Schwarzkopf, Berlin 2016, 224 Seiten, 9,99 Euro


Fußball schauen und davon leben ...

... für viele ein Traum. Für Tobias Escher aus Hamburg ist er wahr geworden. Der Mitbegründer des Taktikblogs Spielverlagerung.de verdient sein Geld hauptberuflich mit Analysen von Fußballspielen. In seinem Buch rekonstruiert er kompetent die Taktikgeschichte des deutschen Fußballs – von der süddeutschen Flachpass-Schule bis zur heute vorherrschenden Gegenpressing-Philosophie, der alle Bundesligavereine anhängen.

Tobias Escher: Vom Libero zur Doppelsechs, Rowohlt, Hamburg 2016, 304 Seiten, 12,99 Euro

Uns Uwe beim Tennis und am Kopfballpendel
Dieser Buchtipp gebührt einem Jubilar: HSV-Ikone Uwe Seeler, der vor kurzem 80 Jahre alt geworden ist. Das Autoren-Trio langweilt nicht mit Altbekanntem, sondern hat weitgehend unbekannte Foto-Schätze ausgegraben. Die Bilder zeigen Seeler beim Tennis mit Boris Becker, mit hochroter Birne am Kopfballpendel und als angehenden Speditionskaufmann. Köstlich ist der Text der Uwe-Hymne, die Billy Sanders 1963 trällerte: „Gib doch den Ball zu Uwe Seeler, da machst du niemals einen Fehler.“ Nun ja, stimmt leider nicht. Ausgerechnet Seeler verdaddelte den Ball im Halbfinale des Europacups 1961 gegen den FC Barcelona Sekunden vor Schluss. Sein Fehlpass zu Klaus Neisner kostete die Finalteilnahme ...

Roman Köster, Alexander Laux, Dieter Matz: Danke, Uwe. Das Jubiläumsalbum, 224 Seiten, Hamburg 2016, 22,95 Euro


Architekturschatz Kontorhäuser
Kontorhäuser gehören zu Hamburg wie Alster, Elbe und Michel. Kaum eine andere Stadt kann so viele bedeutende Bauten dieser Architekturgattung vorweisen. Der Bautyp entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert. Er bezeichnet ein gemeinsames Büro- und Geschäftshaus
hafenabhängiger Unternehmen. Als Prototyp gilt der 1886 fertiggestellte und heute leider nicht mehr existierende Dovenhof des Architekten Martin Haller.
Das damals mehr als 10.400 Quadratmeter große, innovative Gebäude verfügte über Zentralheizung, elektrische Beleuchtung und war mit einem Paternoster ausgestattet – seinerzeit der erste Umlaufaufzug in Kontinentaleuropa!
Im Zuge der Sanierung der südlichen Altstadt entstand in den 1920er-Jahren das heutige Kontorhausviertel. Die in dieser Zeit errichteten Bauten zeichnen sich durch ihre Backsteingotik und die expressionistischen Formen aus, allen voran Fritz Högers 1924 fertiggestelltes Chilehaus.
Der Autor Ralf Lange hat ein einzigartiges Standardwerk über die Entwicklung der Kontorhäuser geschaffen, das mit seinen mehr als 500 Abbildungen, den ausführlichen Texten, einer vollständigen Liste aller erhaltenen Kontorhäuser sowie den Biografien ihrer Architekten jeden Cent wert ist.

Ralf Lange: Das Hamburger Kontorhaus: Architektur. Geschichte. Denkmal. Hamburg 2015, Dölling & Galitz, 288 Seiten, 39,90 Euro


Spannende Rundtour durch Wandsbek
Auf dem ersten Rundgang lernt der Spaziergänger die geistige Zentralfigur Wandsbeks kennen. Gleich zwei Skulpturen in Bahnhofsnähe würdigen Matthias Claudius (1740-1815), der nicht nur das bekannte Lied „Der Mond ist aufgegangen“ ersann, sondern auch von 1771 bis 1775 für den über Wandsbeks Grenzen hinaus bekannten Wandsbeker Bothen verantwortlich zeichnete. Für die Zeitung schrieben seinerzeit
literarische Größen wie Klopstock, Herder und der junge Goethe.
Gegenüber dem Bahnhof befand sich bis 1861 ein imposantes Wasserschloss, von dem heute nur noch Überbleibsel im Bezirksamt zu finden sind. 1597 vom Statthalter des dänischen Königs errichtet, wurde es – zum allgemeinen Entsetzen der Bevölkerung – im Zuge von Immobilienspekulationen einfach abgerissen. Die stattdessen errichteten Wohnhäuser für eine zahlungskräftige Kundschaft führten zur Gründung des Stadtteils Marienthal.
Die dreistündige Radtour von Friedrichsberg nach Rahlstedt führt entlang der Wandse, einem 20 Kilometer langen Nebenfluss der Alster, und gewährt Einblick in das jüdische Erbe des Bezirks sowie in die Geschichte seiner Industrialisierung. Alle Touren sind mit vielen spannenden Informationen angereichert. Tipps zu
Gastronomie, Einkauf, Sport und Kultur runden den Stadtführer ab.

Katja Nicklaus: Wandsbekbuch. Mit Volksdorf, Steilshoop, Wandsezug, Duvenstedter Brook und Ohlsdorf, Hamburg, Junius 2016, 176 Seiten, 16,80 Euro
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