Hamburg zu Verschenken

Außen hui, innen pfui: "HSV Perlen"

Acht Bücher aus unserer Nachbarschaft

Von Volker Stahl. Es ist nicht leicht, bei der Fülle der Publikationen mit Hamburg-Bezug die Übersicht zu behalten. Auch in diesem Jahr sind zahlreiche Bücher zur Geschichte der Stadt, zum Sportgeschehen und aktuellen Entwicklungen an Elbe, Alster und Bille erschienen. Wir haben uns durch Bücherstapel gekämpft und stellen acht Werke vor – gelungene und weniger gelungene.



150 Jahre HTB
Klasse hat die opulent gestaltete und inhaltlich überzeugende Darstellung der Geschichte des Harburger Turnerbunds. Der Autor skizziert kompetent die Entwicklung des anfangs von „vaterländischer Gesinnung“ geprägten Turnvereins zum „sozialen Dienstleister“ und spart dabei die Entwi-cklung des Klubs im Nationalsozialismus nicht aus. Nicht nur die aktuell 2.200 Mitglieder dürfen sich über eine gelungene Vereinschronik freuen, sondern auch alle an der hiesigen Sporthistorie Interessierten.


Klaus Buchholz: Die HTB-Chronik. 150 bewegte Jahre, Kaltenkirchen 2015, 230 Seiten, 20 Euro – Bezug über die HTB-Geschäftsstelle unter Tel. 79 14 33 23.


Aus Altonas Vergangenheit
Wer sich für die Geschichte der bis 1937 selbstständigen Stadt Altona interessiert, wird diesen aufwändig gestalteten und wissenschaftlich fundierten Band nicht so schnell aus der Hand legen. Er schildert etwa Altonas dänische Vergangenheit, lädt zu einem Rundgang über den kulturgeschichtlich bedeutsamen jüdischen Friedhof an der Königstraße ein, erzählt vom „Altonaer Blutsonntag“ und skizziert die Stadtentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Czech/Hirsch/Kopitzsch: 350 Jahre Altona, Dresden 2015, Sandstein Verlag, 312 Seiten, 28 Euro.


Geschichten aus dem Stadtpark
Zwei Beispiele: Der Schriftsteller Peter Schütt erklärt in einem Lesestück, wie der auffällige „Kandelaberbaum“, der in der Nähe des Sierich’schen Forsthauses wächst und aussieht wie ein mehrarmiger Kerzenleuchter, zu seiner ungewöhnlichen Form gekommen ist. Die alte Kastanie war bereits vor der Eröffnung des Parks gepflanzt worden. Im Zweiten Weltkrieg krachte eine Stabbombe mitten in seine Krone. Der Baum überlebte seine schweren Verletzungen und ist zu einem natürlichen Antikriegsdenkmal herangewachsen.
Und Rolf von Bockel hat interessante Pressemitteilungen aus der Nachkriegszeit zusammengestellt, in denen der Stadtpark eine Rolle spielt. So ist 1949 im „Hamburger Abendblatt“ vom Abbruch der Behelfsunterkünfte zu lesen – und vom reparierten Planschbecken. Trotz aller materiellen Mängel fanden schon bald nach dem Krieg spektakuläre Veranstaltungen im Park statt – etwa seit 1947 regelmäßig Motorradrennen, die einst Berühmtheiten wie Zarah Leander anlockten.

Rolf von Bockel und Peter Schütt (Hrsg.): Stadtpark mon amour. Nicht nur Romanzen aus dem Hamburger Stadtpark, Neumünster 2015, von Bockel Verlag, 291 Seiten, 14,80 Euro

Spannender Innenstadtführer
Bis ins 20. Jahrhundert hinein war die Hamburger Innenstadt dicht besiedelt. Heute leben nur noch etwa 16.000 Menschen in dem Gebiet zwischen den ehemaligen Wallanlagen und der Norderelbe. Seit der Cholera-Epidemie 1892 gab es Pläne, die dicht besiedelten Arbeiterquartiere im Innenstadtbereich mit ihren verheerenden Wohnverhältnissen zu beseitigen. Während man beim Abriss der ehemaligen Gängeviertel in der Neustadt noch Ersatzwohnungen für die vertriebenen Arbeiter zur Verfügung stellte, ging man beim Bau der Mönckebergstraße in der Altstadt rigoroser zur Sache: Die alten Wohnviertel verschwanden ersatzlos: Es entstand an gleicher Stelle eine moderne „City“ – ein reines Geschäftsviertel mit nur wenigen Wohnmöglichkeiten.
Ein Extra-Kapitel widmet sich „Leuten aus Hamburg“, die eine besondere Beziehung zur Innenstadt hatten. Der Leser erfährt etwa, dass der Philosoph Arthur Schopenhauer einen Teil seiner Kindheit und Jugend in Hamburg verbrachte. Er lebte am Neuen Wandrahm 92 auf dem Gebiet der heutigen Speicherstadt, wo sein an Depressionen leidender Vater 1805 in ein Fleet stürzte und starb. Ein spannender Stadtführer, der viele Geschichten erzählt!

Jörn Tietgen: Hamburgbuch. Altstadt, Neustadt, HafenCity, Hamburg, Junius-Verlag 2014, 224 Seiten, 16,80 Euro.


Alles handgemacht
Altes Handwerk hat es im Zeitalter der industriell produzierten Massenware schwer. Es gibt sie aber noch – die Hutmacher, Kaffeeröster, Privatbrauer, Glasbläser und Schirmmacher. Wo sie ihre Waren feilbieten, verrät dieses verdienstvolle Buch. Attraktive Weihnachtsgeschenke sind garantiert!

Mathias Thurm: Hamburg handmade. Altes Handwerk & neue Manufakturen, Hamburg 2015, Junius Verlag, 128 Seiten, 19,90.


Punkiges Ottensen
Wer verstehen will, wie Ottensen wurde, was es ist, braucht dieses Buch: „Mitten durch Ottensen“ lässt zahlreiche Zeitzeugen zu Wort kommen. Vom ehemaligen Bezirksamtsleiter bis zum Punk vom Bauwagenplatz.

Stadtteilarchiv Ottensen (Herausgeber): Mitten durch Ottensen, Hamburg 2015, 224 Seiten, 24,80 Euro, plus zwei Euro Versandkosten im Internet
unter www.stadtteilarchiv-ottensen.de

Neues aus dem Leben eines „Kopfballungeheuers“
Es gibt nur wenige Fußballer, die sich einen Spitznamen mit stärkerer Aussagekraft als „Manni“ oder „Stani“ erworben haben. Die heißen dann „Kaiser“, „Bomber der Nation“ oder „Kopfballungeheuer“ – so wurde der Stürmer Horst Hrubesch in seiner aktiven Zeit genannt. Und der „nickname“ ist noch heute ein Begriff – nicht nur, weil der Hobbyangler ein „kerniger Typ“ ist (Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach), sondern „authentisch, offen, ehrlich und direkt“ (Günter Netzer). Eine andere HSV-Legende – Uwe Seeler – attestiert dem Europameister von 1980 zudem einen „unbändigen Willen“. Und der war bitter nötig, um aus dem nicht gerade hochtalentierten Kicker aus Essen einen etablierten Nationalspieler zu machen. Auch als Trainer traute man dem gelernten Dachdecker nicht viel zu – bis er seine Kritiker als erfolgreicher Bundestrainer der deutschen U21-Auswahl eines Besseren belehrte. Für seine Spieler ist ihr Trainer eine
Vaterfigur.
Dem Autor Andreas Schier gelingt es, Hrubeschs weiten Weg von der Zechensiedlung in Hamm bis zur Audienz beim fußballaffinen Papst nachzuzeichnen; der begrüßte ihn mit den Worten: „Hamburgo, Juventus, 1:0.“ HSV-Fans wissen, was das bedeutet ...

Andreas Schier unter Mitwirkung von Rainer Schäfer: Horst Hrubesch. Die Biografie, Gütersloh 2015, Gütersloher Verlagshaus, 19,99 Euro.


HSV-Legenden
Außen hui, innen pfui. So lässt sich die Qualität dieses Werks über die HSV-Legenden beschreiben. Ansprechende Grafik, aussagekräftige Fotos und flockig formulierte Porträts werden leider von groben Schnitzern, die sich durch das gesamte Buch ziehen, kontrastiert: Geschichtsvergessen wird der Nazi-Begriff „Machtergreifung“ nicht in Tüddelchen gesetzt, Heinz Spundflasche soll die erste Norddeutsche Meisterschaft im Alter von nur 13 Jahren (!) errungen haben, der HSV hat seinen ers-ten deutschen Meistertitel angeblich erst 1979 geholt (so steht es im Porträt über Peter Nogly), der 1954er-Weltmeister Jupp Posipal mutiert auf einem Bild zu Carl-Heinz Mahlmann und – Uwe, jetzt bitte schnell umblättern – Ilka Seeler wird in „Inka“ umgetauft. Ohne diese Schlampigkeiten wäre es ein nettes Buch über große Spieler des HSV gewesen.

Tim Jürgens: HSV Perlen.
Von Kopfballungeheuern und Bananenflanken, Bielefeld 2015, Delius Klasing, 144 Seiten, 29,90 Euro.
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