Grüne Oasen für den Gemeinschaftssinn

Vorfreude ist die schönste Freude: Gabi Plangger denkt schon an ein leckeres Rote-Bete-Carpaccio in der Gartendeck-Essecke. Fotos: Drechsler
 
Säen kann man überall: Die Milchtüten-Ecke auf dem Gartendeck.

„Urban Gardening“ ist für die meisten Aktivisten mehr als nur Gemüseanbau in der Stadt

Von Jakob Drechsler. In der Schubkarre liegen Karotten, Rote Bete, Kartoffeln und Kopfsalat. Sieht frisch und kna-ckig aus. Die Schubkarre mit ihrer Ernte schiebt Gabi Plangger vorsichtig um die Ecke. So weit, so gewöhnlich. Würde sich diese Szene nicht vor einer Wand voller Graffiti mitten in Hamburg abspielen. Mitten in der Stadt. Mitten auf St. Pauli, auf einer Brachfläche nur einen Steinwurf entfernt vom lärmenden Kiez.
Wir sind auf dem Gartendeck, einem von mittlerweile rund einem Dutzend Hamburger Schauplätzen für Gärtnern in der Stadt, „Urban Gardening“ genannt. Genau bemessen lässt sich die Größe der wachsenden Bewegung für alles, was mit landwirtschaftlicher Nutzung auf engem, städtischem Raum zu tun hat, nicht. Dafür aber die Fläche, die dem Gartendeck zur Verfügung steht: auf mehr als 1.100 Quadratmetern werden hier seit 2011 in mobilen Plastikkisten, Reissäcken oder Eimern Kürbisse, Bohnen, Rucola und mehr gezogen. Oder die Menschen kommen vorbei, um auf einer der Bänke einfach nur die ungezwungene Atmosphäre zu genießen. „Von solchen Plätzen gibt es inzwischen doch viel zu wenige auf St. Pauli“, sagt Karin Davies.
Die Grafikerin ist von der ersten Stunde an auf dem Gartendeck aktiv. Mit Selbstversorgung hatte sie vorher nicht viel zu tun. Inzwischen hat sie sich wie die meisten ihrer Mitgärtner ein großes Grundwissen angeeignet. Einen Alltag ohne „Urban Gardening“ kann sich die Hamburgerin nicht mehr vorstellen – schon gar nicht ohne die geliebten mexikanischen Mini-Gurken. „Das ist schon ein Exot hier“, sagt Davies und steckt sich ein weiteres Fingerkuppen kleines Gewächs in den Mund. Da stört auch die herbe Wolke nicht, die aus dem benachbarten Bottich mit Brennessel-Jauche herüberweht.
Düngemittel werden auf dem Gartendeck ebenso selbst produziert wie die Samen für die nächste Aussaat. Selbst etwas Honig fällt zwischen den Häuserfronten auf der Großen Freiheit ab. Drei Bienenvölker haben auf dem Gartendeck ein Zuhause gefunden und dienen gerade auch Schulklassen als Anschauungsunterricht für einen funktionierenden gärtnerischen Kreislauf. „Ohne Bienen läuft nichts“, sagt Gartendeck-Hobby-Imker Carsten Stöppler, während er einen der Bienenkästen wieder abdunkelt. Schließlich könne nicht alles mit Hand bestäubt werden wie dies in manchen Regionen Chinas angesichts der aussterbenden Insektenart bereits üblich ist.
„Bestäubung spielt eine große Rolle“, weiß auch Hartwig Spitzer. Der 75-Jährige macht in einem rund 900 Quadratmeter großen Garten in Ottensen seit 25 Jahren das, was man heute als „Urban Gardening“ beschreiben würde. In der „kreativen Unordnung“ fallen vor allem die Kartoffeln auf, die der Physik-Professor gerne auch einfach in Eimern anpflanzt. „Das kann jeder auf dem Balkon machen“. Rund zehn Kilo Kartoffeln erntet Spitzer pro Saison – genug für mehrere Gänge leckeren Gratins. Auf dem Pflanzenmarkt im Botanischen Garten versorgt sich der Autodidakt hin und wieder mit neuen Pflanzensorten.
Spitzer findet, dass die Stadtplaner mehr tun könnten. „Das Gärtnern in öffentlichen Zwischenräumen muss unbedingt gefördert werden“, findet Spitzer. An vielen Stellen sei die Bepflanzung durchaus möglich, etwa mit Walnussbäumen, die wegen ihrer guten Ernte besonders geeignet wären. Als ideologisches Vorbild nennt Spitzer eine Bewegung in Los Angeles, die vor 40 Jahren an etlichen Straßenrändern Orangenbäume für die Allgemeinheit durchsetzte. Der Gedanke, auch etwas für das Wohl der Gemeinschaft zu tun, treibt die meisten der städtischen Gärtner in Hamburg an.
„Die Keimzelle hat Symbolcharakter für ein gesellschaftliches Miteinander“, sagt Anke Haarmann und zieht noch einmal den Pinselstrich ihrer neuesten Botschaft nach. „Planungsgarten“ ist jetzt in bunten Lettern auf einem der hölzernen Beetkästen am Ölmühlenplatz im Karolinenviertel zu lesen. Mit Plänen beschäftigen sich die selbst ernannten Guerilla-Gärtner der Keimzelle nicht nur bei der Kalkulation ihres Anbaus, sondern auch im Hinblick auf die Zukunft ihres Projekts. Im nächsten Frühjahr soll unweit des heute genutzten Areals ein neuer Supermarkt stehen. Noch kämpft die Garten-Initiative um einen geeigneten Platz am Standort Alte Rindermarkthalle, die bis vor zwei Jahren den Real-Supermarkt beherbergte. Den angebotenen Platz halten Haarmann und ihre Mitstreiter für ungeeignet, da er zu schattig und nicht öffentlich zugänglich ist. Dabei gilt Offenheit als Grundprinzip der Bewegung des „Urban Gardening“.
Auf St. Pauli neigt sich der Tag dem Ende zu. In die blumige Grundnote über dem Gartendeck mischt sich ein anderes Aroma, das weitere Neugierige anlockt. „Heute gibt es ein Rote-Bete-Carpaccio“, sagt Gabi Plangger. In der Essecke hat sie die Tagesernte zusammen mit Birgit Hover zu einem üppigen Abendmahl verarbeitet. „Wer möchte, kann gerne mithelfen“, sagt Kerstin Davies. Gekocht wird jeden Mittwoch – ob mit oder ohne Sonnenlicht.
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