Gezockt bis nichts mehr ging

Uwe Schmelzer heißt in Wirklichkeit an- ders. „Um meine Spielsucht mache ich kein Geheimnis“,sagter.„Aberesmussnicht jeder wissen, dass ich im Bau war.“ Foto: cvs
 
Sieg, Platz, Zweier- oder Dreierwette: Das Wetten auf Rennpferde ist eine Wissenschaft für sich.

Anonymer Spieler: Uwe Schmelzer wurde obdachlos und hatte alles verloren.
Ganz unten angekommen gelang es ihm, die Krankheit zum Stillstand zu bringen.

Von Christopher von Savigny. Manchmal kommt die Erinnerung hoch: Wie neulich, als ohne Vorwarnung ein bunter Spielautomat auf dem Display des Handys auftauchte. Für die meisten wäre das nicht mehr als eine belanglose Werbeeinblendung, doch im Kopf von Uwe Schmelzer* begannen sofort die Walzen zu rotieren. Zahlen und Symbole formierten sich vor seinem geistigen Auge, Knöpfe wollten gedrückt werden. „Ich hatte schon angefangen, davon zu träumen“, berichtet der 51-Jährige. Konsequenz: Die Spiele-App, die die Werbung verursacht hatte, musste weg – so schnell es ging. Trotzdem habe es eine ganze Weile gedauert, bis die Bilder aus seinem Kopf verschwunden seien.
„Ich bin süchtiger Spieler“, sagt Schmelzer über sich selbst. Und das, obwohl er seit 26 Jahren keinen „Daddelautomaten“ mehr angefasst hat, keine Spielkarten in der Hand gehalten und keinen Würfelbecher umgedreht hat. Schmelzer erklärt: „Spielsucht ist eine unheilbare Krankheit. Aber man kann sie zum Stillstand bringen.“ Viele schaffen es nicht. Die meisten müssen erst bis zum Hals im Dreck stecken. „Kapitulation“, nennt es Schmelzer. „Man muss einsehen, dass man es alleine nicht mehr schafft.“
Schon früh in seinem Leben begeisterte sich der Hamburger für Glücks- und Kartenspiele jeglicher Art: In der Pause ließen er und seine Mitschüler Groschen gegen den Bordstein „ditschen“, nach dem Fußball wurde Skat gekloppt. Nur um etwas zu erleben, ging Schmelzer auf Diebestour, klaute Spielzeug und Videokassetten, die er für ein paar Mark verhökerte. Immer häufiger landeten die Jugendlichen in der Spielhalle. „Ich war absorbiert, wie in meiner eigenen Welt“, berichtet Schmelzer.
Viele süchtige Spieler entwickeln diverse „Techniken“, mit denen sie glauben, der Wahrscheinlichkeit ein Schnippchen schlagen zu können: Sie fangen an, Knöpfe und Tasten in einer bestimmten Art und Weise zu drücken. Sie beobachten die Geräte und wählen eines aus, das länger keinen Gewinn ausgeschüttet hat. Manche befühlen den Automaten sogar: Ist er warm, wird lieber ein anderer genommen. Uwe Schmelzer spielte irgendwann nur noch um des Spielens willen. „Es war mir egal, ob ich gewann oder verlor. Ich war wie im Rausch.“
Nachdem er zuvor schon einige Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, landete der junge Mann mit 18 Jahren im Gefängnis. Das Urteil: 13 Monate wegen schweren Diebstahls und Fahrens ohne Führerschein. Danach beschloss er, ein besserer Mensch zu werden: Er fand einen Job als Getränkefahrer, zog mit seiner Freundin zusammen. Doch die guten Vorsätze hielten nicht: Schmelzer ging wieder in die Spielhalle, wo er seinen gesamten Arbeitslohn verzockte. Um erneut an Geld zu kommen, dachte er sich Lügengeschichten aus, erbettelte vom Arbeitgeber einen Vorschuss nach dem anderen, bis er gefeuert wurde. Die Freundin, die schon längst keine Miete mehr von ihm bekam, setzte ihn auf die Straße – Schmelzer war obdachlos. „Das war der Moment, wo ich dachte, ich kann nicht mehr“, berichtet er.
Der Weihnachtsabend 1987 steht für die ultimative Niederlage – und für einen Neubeginn: Schmelzer lässt sich in die Psychatrie in Ochsenzoll einweisen. Zusammen mit anderen Abhängigen, darunter viele Drogen- und Alkoholsüchtige, macht er eine dreimonatige Therapie. Tägliche Einzel- und Gruppengespräche stehen auf dem Programm. Schmelzer muss sich erstmals im Leben an feste Regeln halten. „Wichtig war die totale Abstinenz.“ Auch Sport ist therapiefördernd – auf sportlichen Wettkampf muss der junge Mann allerdings verzichten: „Ich konnte kein Tischtennis spielen, weil ich sofort wieder süchtig wurde.“ Doch die Therapie zeigte Erfolg: Schmelzer ist bis heute „spielfrei“, wie er sagt. Einmal pro Woche besucht er eine Selbsthilfegruppe der Anonymen Spieler, die sich auch „Gamblers Anonymous“ nennen. Der regelmäßige Austausch trägt entscheidend dazu bei, dass die Teilnehmer ihre Finger vom Spielen lassen.
Nach Auskunft der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS) zeigen rund ein Prozent aller Deutschen zwischen 16 und 65 Jahren ein problematisches oder krankhaftes Glücksspielverhalten. „Die Übergänge sind fließend“, sagt HLS-Geschäftsführerin Christiane Lieb. Zur Klärung könne ein Selbsttest beitragen: „Typische Anzeichen für eine Sucht sind, wenn die Geldbeträge immer höher werden, und wenn man anfängt, seine Freunde zu belügen, um an Geld zu kommen.“ Doch nicht nur die Häufigkeit des Spiels sei ausschlaggebend, sondern auch das Umfeld des Spielers. „Die Kontakte gehen nach und nach verloren“, so Lieb.
Heute hat Schmelzer wieder einen Freundeskreis. Er ist verheiratet und arbeitet im öffentlichen Dienst. Er gärtnert gerne, joggt und singt im Chor.
Draußen scheint die Sonne. Der Sommer ist in Hamburg angekommen. „Ich gehe jetzt laufen“, sagt Schmelzer.
* Name geändert

Kontakt und Infos: Im Internet www.anonyme-spieler.org, Tel. 01805/10 40 11 (mo-so von 19-21 Uhr, sonst AB)
Hamburger Helpline Glücksspielsucht, Tel. 23 93 44 44 (mo-do von 10-18 Uhr, fr 10-15 Uhr)
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