„Gegen Vermietherwillkür“

Der heutige Bürgermeister Olaf Scholz 2001 als Innensenator im Gespräch mit dem Mietervereins-Vorsitzenden Eckard Pahlke (r.). Foto: Archiv Mieterverein
 
Lange residierte der Verein im Meßberghof. Foto: Archiv Mieterverein
 
Eckard Pahlke. Foto: Stahlpress Medienbüro

Der Mieterverein zu Hamburg blickt inzwischen auf eine 125-jährige Geschichte zurück

Von Folke Havekost. Als der Mieterverein zu Hamburg am 15. April 1890 gegründet wurde, war der Zusammenschluss zunächst ein exklusiver. Dem ersten, siebenköpfigen Vorstand des im Kaiserreich aus der Taufe gehobenen „Miether-Vereins“ gehörten fünf promovierte Akademiker an – drei Juristen, ein Arzt und ein Angestellter einer Buchdruckerei. „Wir müssen uns gegen Vermietherwillkür und gesundheitsschädliche Wohnverhältnisse zusammenschließen“, lautete ihr Credo.
Schließlich war Hamburg niemals so sehr „wachsende Stadt“ wie in der Zeit vor 125 Jahren. Die Erfordernisse von Industrie und Hafenwirtschaft führten zu einem rasanten Bevölkerungsanstieg und der Umsiedlung vieler Hamburger, deren alte Wohnungen der neuen Speicherstadt oder der Innenstadt geopfert wurden. In kurzer Zeit und ohne nennenswerte Bauaufsicht wurden Mietskasernen hochgezogenen, in denen die Arbeiterfamilien der werdenden Millionenstadt oft unter schwierigen hygienischen Bedingungen hausen mussten. Der Spazierstockfabrikant Isaac de David Pardo aus St. Georg reagierte darauf mit der Gründung des Mietervereins, dessen erster Vorsitzender der Zahntechniker Dr. Goldschmidt wurde.
Trotz seines gutbürgerlichen Anstrichs zog der Mieterverein mit seinem Engagement für mehr öffentliche Kontrolle in der allein dem Markt überlassenen Wohnungswirtschaft schnell das Misstrauen der Behörden auf sich, wie zahlreiche Polizeiakten aus jener Zeit bezeugen. Selbst über Tanzfeste fertigten die Ordnungshüter Berichte an. Die Rechtsberatung seiner Mitglieder, die der Hamburger Verein als erster in Deutschland anbot, war den Hauswirten ein Dorn im Auge. Aber auch die erstarkenden Sozialdemokraten betrachteten die Arbeit des Mietervereins mit Skepsis. Schließlich war die SPD damals noch der Auffassung, einzig ein revolutionärer Umsturz der kapitalistischen Verhältnisse könne die Not der Arbeiter beseitigen – da erschien ihnen die Aktivität des Mietervereins als bloßes Herumdoktern an Symptomen. „Eine endgültige Klärung der Wohnungsfrage wurde erst mit der Revolution erwartet“, beschreibt die Historikerin Christine Hannemann die damalige Haltung der SPD.

Wohnungsbau konnte Not nur teilweise lindern

Weitreichende Erfolge verzeichnete der Mieterverein erst nach dem Ersten Weltkrieg, als die nunmehr die Stadtpolitik mitgestaltende SPD sich vom Klassenkampf verabschiedet hatte. Bis zu 6.000 Mieterberatungen pro Woche führten die geschulten Mitarbeiter des Vereins durch, dessen Mitgliederstruktur inzwischen stärker die Hamburger Gesellschaft abbildete.
Die 1920er-Jahre waren auch wohnungspolitisch Jahre des Aufbruchs, die teilweise bis heute nachwirken. Der Mieterverein gründete einige der rund 30 heute noch bestehenden Hamburger Wohnungsbaugenossenschaften mit, drei davon sogar maßgeblich: Die größte, die Kaifu Nordland eG mit heute 5.000 Wohnungen, wurde als „Baugenossenschaft innerhalb des Mietervereins zu Hamburg“ 1921 ins Genossenschaftsregister eingetragen. „Der verstärkte Wohnungsbau im goldenen Zeitalter der Baugenossenschaften konnte die Wohnungsnot der einkommensschwachen Teile der Hamburger Bevölkerung aber nur teilweise lindern“, bilanziert Siegmund Chychla, der heutige Geschäftsführer und Stellvertretende Vorsitzende des Mietervereins.

Nach 1933 arrangierte sich der Verein mit den Mächtigen

In der politisch zersplitterten Weimarer Republik war auch die Mietervertretung gespalten. Neben dem Mieterverein existierten einige parteipolitisch gebundene Organisationen, die sich erst in der Endphase der ersten deutschen Demokratie 1932 zu einem gemeinsamen Bündnis gegen die Aufweichung von Mieterrechten zusammenfanden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 war das Bündnis bereits wieder gegenstandslos, denn in der NS-„Volksgemeinschaft“ durfte es offiziell keine Konflikte zwischen Mietern und Vermietern geben. Der Mieterverein existierte auf Sparflamme fort, seine Baugenossenschaften arrangierten sich und schlossen 1938/39 ihre jüdischen Mitglieder aus. „Wie so viele andere schwieg auch der 1890 von jüdischen Bürgern gegründete Mieterverein zu Hamburg“, schreibt dazu der Historiker Holmer Stahncke, der zum 125. Geburtstag eine Jubiläumsschrift verfasst hat. Der hochbetagte Vereinsbegründer Pardo wurde 1941 ins Ghetto Lodz deportiert, wo sich seine Spur verliert.
Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus begleitete der 1948 von zunächst 80 Mitgliedern neugegründete Mieterverein den Wiederaufbau in der vom Zweiten Weltkrieg schwer getroffenen Stadt. Nun stand vor allem Lobbyarbeit zugunsten von Mietern und Wohnungssuchenden auf dem Programm: Der Mieterverein forderte staatliche Mittel zur Wohnungsbauförderung sowie Gesetze gegen Bodenspekulation und Mietwucher. Der seit 1974 amtierende Vorsitzende Eckard Pahlke (siehe Interview) warb erfolgreich um neue Mitglieder, derzeit verfügt der Mieterverein über rund 65.000 Mitgliederhaushalte. Im Fokus stehen heute Themen wie die abermals „wachsende Stadt“ und ihr unzureichender Wohnungsneubau, die Gentrifizierung einzelner Viertel oder die problematischen Nebenwirkungen der energetischen Sanierung in den Mittelpunkt getreten sind. „Wir wollen auf den Senat einwirken, dass möglichst schnell die Mietpreisbremse eingeführt wird und rechtzeitig für Stadtteile wie Barmbek, Eimsbüttel oder Altona soziale Erhaltungsverordnungen erlassen werden“, gibt Pahlkes Stellvertreter Siegmund Chychla als Ziele für das 126. Jahr des Mietervereins aus.

Interview


Eckard Pahlke ist seit 1974 Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg. Im
Gespräch zieht der 72-Jährige eine persönliche Bilanz.


125 Jahre Mieterverein mit 41 Jahren Pahlke als Vorsitzendem – Ihr Fazit?
Pahlke: Es erfüllt mich mit etwas Stolz, dass ich fast ein Drittel der Geschichte des Mietervereins mitgestalten durfte. Diese Zeit war wohl auch entscheidend. Nicht nur das Anwachsen des Mitgliederbestandes um das Achtfache ist hervorzuheben. Der Verein ist aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben unserer Stadt nicht mehr wegzudenken.

Ihr größter Erfolg?
Der gewonnene Kampf um den ersten Mietenspiegel 1976. Erst eine Strafanzeige gegen eine Kammer des Landgerichts mit persönlich riskantem Einsatz brachte dem Mietenspiegel die allseitige Anerkennung durch alle Gerichte zum Vorteil der Mieter. Dann erinnere ich mich an den Kampf gegen die Umwandlungen von Wohnungen in Eigentum in den 1980er-Jahren. Diese gingen ja mit Mieterverdrängungen großen Ausmaßes einher. Hier besonders den wohnungsspekulativen Scientologen den Garaus gemacht zu haben – übrigens mit Unterstützung des Grundeigentümer- und Maklerverbands –, war eine große und finanziell riskante Herausforderung.

Wachsende Stadt, akute Wohnungsnot, gierige Vermieter – was wäre Hamburg ohne den Mieterverein?
Ich bin sicher, dass es um Hamburgs Mieter ohne ihren Mieterverein – jeder Zehnte ist immerhin Mitglied – schlecht bestellt wäre. Das lässt sich messen zum Beispiel in der Tatsache, dass Transferleistungsempfänger dann eine niedrigere Miete als andere zahlen, wenn sie Mitglied im Mieterverein sind. Auch ist der Mieterverein der größte Streitschlichter in unserer Stadt. Nur zwei Prozent der tausendfachen Beratungsfälle landen vor Gericht.

Sie haben den SPD-Senat für seine Anstrengungen beim Wohnungsbau gelobt. Jetzt regieren die Grünen mit ...
Schön für die Grünen und sicherlich auch für unsere Stadt, wenn sie politisch die Geschicke mit bestimmen. Nur darf Ökologie den dringend benötigten Wohnungsneubau nicht allzu sehr bremsen.

Gab's auch Geburtstagsgrüße von der Konkurrenzorganisation „Mieter helfen Mietern“?
Geburtstagsgrüße zum 125. Geburtstag unseres Mietervereins wird es viele geben. Von „Mieter helfen Mietern“ vielleicht auch; immerhin hatte der alternative Konkurrenzverein zur Eröffnung unseres „Mieterhauses“ am Berliner Tor vor gut zehn Jahren einen Blumentopf gespendet.
Interview Folke Havekost
www.mieterverein-hamburg.de
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