Gefundenes Fressen

Wenn Bananen braun werden, heißt das, dass sie reif sind. Für Supermärkte heißt das: Ab in den Müll!
 
Max Reinke prüft den Lauch: Nur die äußeren Blätter sind etwas angetrocknet. Fotos: cvs

Leben aus dem Müll: Unterwegs mit einem Containerer in Hamburg.

Von Christopher von Savigny.
Nachts, wenn alle Geschäfte geschlossen sind, geht Max Reinke (54) einkaufen. Sein Ziel sind die Abfalltonnen der Supermärkte in der Umgebung. Dort sammelt er weggeworfene Lebensmittel ein, die noch essbar sind. Max ist Containerer. So nennt sich die Szene der selbst ernannten Resteverwerter, die sich dem Konsumkreislauf der Wegwerfgesellschaft verweigern. Manchmal aus purer Geldnot – meist jedoch aus Überzeugung. „Ich will etwas ändern“, sagt Max. Sein Ziel: „Wenn irgendwann mal nichts mehr weggeschmissen wird, dann haben wir etwas erreicht.“
Ein Novemberabend irgendwo in Hamburg. Max schiebt sein Fahrrad aus dem Haus, das mit einem selbst gebauten Lastenkorb bestückt ist. Am Lenker befindet sich eine weiterer Fahrradkorb, zusätzlich trägt der 54-Jährige einen Rucksack auf dem Rück-en, in dem weitere Taschen parat liegen. Es ist 23 Uhr. „Vorher hat es keinen Zweck loszufahren“, erklärt Max. „Die Supermärkte machen zwar um 22 Uhr zu, aber das Personal geht eine Stunde später nach Hause.“ Vor vier Jahren hatte Max einen Arbeitsunfall, anschließend bekam er keinen Job mehr. In der Folge lebte er von Hartz IV. „Mehr schlecht als recht“, sagt er. „Man kann davon leben. Aber es ist auch ganz schön, wenn etwas übrigbleibt.“
Mit dem Rad geht es durch menschenleere Straßen. Erste Station: ein Aldi-Markt. Zielstrebig kurvt Max über den Parkplatz und fährt eine Laderampe hinunter. An deren Ende stehen zwei einsame Plastikcontainer. Deckel auf – es stinkt. „Am Anfang musste ich mich echt überwinden, da reinzugreifen“, berichtet der Lebensmittelsammler. Inzwischen hat er sich daran gewöhnt. Einmalhandschuhe und ein sehr professionell aussehender Greifarm machen das Rumwühlen im Dreck etwas erträglicher.
Die Ausbeute ist zunächst mager: ein paar schrumpelige Paprikaschoten, ein paar Netze mit angematschten Mandarinen – das wars. Doch der nächs-te Supermarkt ein paar Straßen weiter ist gleich ein Volltreffer: Berge von Lauch, Tomaten, Möhren, Äpfeln und Orangen warten auf den Containerer– fast könnte man meinen, ein gut gefülltes Supermarktregal vor sich zu haben. „Wenn ein Stück Obst matschig ist, werfen sie gleich das ganze Netz weg“, erklärt Max. Das sei offenbar billiger, als die Ware neu einzutüten. Auch die Eier sind noch in Ordnung: Was angeknackst ist, kommt wieder in die Tonne. Viele Lebensmittel, besonders Fertiggerichte, wandern bereits vor dem Ablaufdatum in den Müll. „Dabei kann man sie noch lange essen“, sagt Max. „Aber das wissen die wenigsten.“
Nach einer Untersuchung der Universität Stuttgart vom März 2012 werden in Deutschland pro Jahr rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt. Verbraucherschutzorganisationen fordern daher mehr Anreize für Verbraucher, Produkte zu kaufen, deren Ablaufdatum kurz bevorsteht – etwa durch Preisnachlässe. „Nur in zwei von elf Geschäften gab es effektive Maßnahmen zum Abverkauf von Lebensmitteln mit nahendem Mindesthaltbarkeitsdatum“, berichtet Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg über einen „Marktcheck“ des Instituts.
Nach einem Fischzug wie heute lädt sich Max gerne Freunde ein, die mit ihm gemeinsam Gemüse schnippeln. Gekocht wird dann zum Beispiel Soljanka, eine osteuropäische Spezialität. „Total lecker“, schwärmt Max. Alles übrige wird eingemacht – oder verschenkt. Übrigens: Seit Kurzem gibt es sogar eine Internettauschbörse für Lebensmittel. Infos: www.foodsharing.de

Containern – ist das legal? Rechtlich gesehen gilt die Mitnahme von Lebensmitteln aus Containern als Diebstahl, jedoch wird sie nur in Ausnahmefällen verfolgt. Steigt der Containerer jedoch über einen Zaun oder bricht gar ein Schloss auf, handelt es sich um (strafbaren) Hausfriedensbruch. In Österreich stellt Containern keine Straftat dar, da Müll als „herrenlose Sache“ gilt.
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1 Kommentar
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Rudolf Lessing aus Wilhelmsburg | 02.01.2013 | 00:47  
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