Gans viel Auslauf

Junior Jorge Prigge mit einem seiner Lieblinge: „Wenn er die Gänse ruft, kommen sie sofort angewatschelt und folgen ihm auf dem Fuße“, lobt Jörg Prigge seinen Sohn. Fotos: sd und pr
 
Gänseexperten unter sich: Henner Schönecke (r.) vom gleichnamigen Geflügelhof in Neu Wulmstorf verkauft seinen Kunden ausschließlich die Gänse von Jörg Prigge aus Holinde.

Bauer Jörg Prigge aus dem Landkreis züchtet Weihnachtsgänse.

Von Sabine Deh.
"Kommt, putt, putt, putt“, mit einschmeichelnder Stimme sprechen Landwirt Jörg Prigge und sein Sohn Jorge mit einigen Gänsen. Sie sondern sie so vom Rest der Herde auf der Weide ab. Geduldig dirigieren sie die Tiere in Richtung Stall. Im Kalender ist heute „Schlachttag“ eingetragen, denn für den Nachmittag hat sich Geflügelhändler Henner Schönecke angekündigt und es gibt noch viel zu tun. Also nicht lange schnacken, sondern Ärmel hochkrempeln und ran an die Arbeit.
Weihnachten, das ist für viele der Duft von gebratenen Gänsen. Seit Anfang November herrscht auf dem Hof von Landwirt Prigge im sonst so beschaulichen Holinde im Landkreis Harburg Hochbetrieb, die Nachfrage nach Freilandgänsen ist auf dem Höhepunkt. Deutschlandweit werden in der Vorweihnachtszeit rund zehn Millionen Gänse verkauft. Nur 15 Prozent stammen aus heimischer Aufzucht, das Meiste wird aus Polen und Ungarn importiert. Diese Gänse wurden in einer kurzen Lebenszeit von nur wenigen Wochen auf Kampfgewicht gemäs-tet. „Finger weg von importierten Gänsen. Zu viel Fett und Wasser, wenig Geschmack“, rät Barbara Heidemann von der Verbraucherzentrale Hamburg.
Wer sein Geflügel im Supermarkt kauft, sollte auf das „D/D/D-Prädikat“ achten. Das heißt, die Vögel sind in Deutschland geschlüpft, wurden hier gemästet und geschlachtet. Noch besser ist es, mit „bäuerliche Freilandhaltung“ oder „ökologische Tierhaltung“ gekennzeichnete Gänse zu kaufen rät der Deutsche Tierschutzbund.
Bauer Prigges Gänse hatten im Vergleich zu ihren Kollegen aus der osteuropäischen Turbozucht ein langes, glückliches und artgerechtes Leben, bevor sie in den Verkauf kommen oder in den Landgasthöfen der Umgebung serviert werden. Gemeinsam mit seinem Sohn Jorge (20), der gerade seine Ausbildung zum Landwirt abgeschlossen hat, und seiner 46-jährigen Frau Antje bewirtschaftet Jörg Prigge den Familienbetrieb in zweiter Generation. „Gänse sind gesellige, unternehmungslustige Tiere, die viel Auslauf brauchen, wenn die Qualität stimmen soll“, weiß Prigge, ein hochgewachsener, ruhiger Mann, dem man seine 56 Lenze nicht ansieht. Seinen 800 Gänsen steht ein Areal von 80 Hektar mit Freiflächen, Baumbewuchs zum Bürzelschubbern und einem Tümpel zur Verfügung. Das ist deutlich mehr Platz als die von der EU im Gesetz vorgeschriebenen vier bis zehn Quadratmeter pro Tier bei Auslaufhaltung. Die Gänse aus Holinde watscheln seit Juni über grüne Wiesen und haben jetzt im Winter ordentlich Mus-kelmasse aufgebaut. „Doppelte Lebenszeit bedeutet kaufmännisch aber auch doppelte Futtermenge“, weiß Prigge. Auf der Speisekarte seiner Lieblinge stehen Leckerbissen wie selbst angebautes Getreide, saftiges Gras und Maiskörner. Soviel Aufwand hat dann auch seinen Preis. Die Prigge-Gänse kosten 13,90 Euro pro Kilo. Die Mastgans aus Osteuropa gibt es bereits zum halben Preis.
Die Federn von Prigges Gänsen wandern in die Kissen und Decken einer Bettenmanufaktur. Vorher werden die Gänse nicht wie üblich nach einem Komplettbad in siedendem Wasser nass gerupft, sondern die Federn wurden über heißen Dampf gelockert und erst dann entfernt. „Diese arbeitsintensive Technik tut dem Geschmack der Gans sehr gut“, weiß Henner Schönecke (38) vom gleichnamigen Geflügelhof in Neu Wulmstorf. Bei der von ihm verschmähten Rupfvariante dringt Wasser in Haut und Fleisch ein. Dieses würde zwar zusätzliches, künstliches Gewicht bringen, beim Braten aber wieder austreten. Die Folge: Die Gans schrumpft im Ofen, das Fleisch wird zäh und trocken. Schönecke ist ein großer Fan von Prigges Aufzuchtmethode und verkauft seinen Kunden seit Jahren ausschließlich Gänse aus Holinde.
Was die Hege und Pflege der Gänse angeht, sind sich Landwirt und Geflügelhändler einig, bei der Zubereitung einer Weihnachtsgans liegen allerdings Welten zwischen ihren Vorlieben: Henner Schönecke brät seine Gans völlig pur, ohne jeglichen Schnickschnack und greift am liebsten zur Keule. Jörg Prigge schwört auf eine Füllung aus gehackter Leber, Äpfel, Rosinen und Semmelbröseln und bevorzugt das magere Brustfleisch.
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