Fixie-Rennen: Mit 50 Sachen ohne Bremse

Schneller Rundkurs: Die durchschnittsgeschwindigkeiten lagen bei bis zu 37 Stundenkilometern. Fotos: cvs
 
„Ich will radikale, schnelle Rennen fahren!" Leon (20, Braunschweig) mit seinem Fixie-Bike.

Zum ersten Mal in Hamburg: „Street Hunt“ am Großmarktgelände.

Von Christopher von Savigny. Sein Fahrrad hat keine Gangschaltung und keinen Freilauf. Schutzbleche und Beleuchtung fehlen sowieso. Noch nicht einmal das nach Expertenmeinung wichtigste am Rad ist vorhanden: Bremsen. Man muss schon ganz schön durchgeknallt sein, um sich mit so einem Drahtesel auf die Straße zu trauen.
Leon (20) aus Braunschweig tut es trotzdem. „Risiko?“, fragt er. „Das ist ist doch gerade der Kick an der Sache.“ Etwa 200 junge Leute tummeln sich auf einem brachliegenden Hafengelände zwischen Großmarkt und Elbbrücken – und mindestens ebensoviele Fahrräder. Möwen kreischen, Schiffe tuten, Züge des nahe gelegenen Güterbahnhofs rattern vorbei. Die Sonne brennt vom Himmel. Postkartenmotiv mit rauem Industriecharme. Ideale Bedingungen für Hamburgs erstes Fahrrad-Rundstreckenrennen, das sich „Street Hunt“ (zu deutsch „Straßenjagd“) nennt, weil es gefährlich klingt und nach Nervenkitzel. Leon fährt dabei in der Fixie-Klasse mit. „Ein Platz unter den ersten Zehn wäre schön", sagt Leon.
Es ist ein ziemlich ungewöhnliches Projekt, das sich Veranstalter Ingo Engelhardt da ausgedacht hat: Radrennen für verrückte Typen an verrückten Orten. „Wir wollen den Zuschauern ein Spektakel bieten“, berichtet er. Die Fläche zwischen alten Kontorhäusern im Hafen hat er mehr oder weniger durch Zufall gefunden. „Genau die richtige Kombination zwischen urban und abgerockt“, schwärmt Engelhardt. „Als ich die Location gesehen habe, bin ich fast durchgedreht!“

Sie brettern über Bordsteinkanten

Zum Rennablauf: Gestartet wird in zwei Kategorien - „Open“ und „Fixie“. Oder auch: mit Bremsen und ohne Bremsen. Jeweils sechs Fahrer treten in den Vorläufen gegeneinander an, gefahren werden zehn Runden eines 950 Meter langen Rundkurses. Nur jede zweite Runde geht in die Wertung ein. Das heißt: Hier darf – und muss im Zweifelsfall – ordentlich gesprintet werden. Jeweils die Hälfte der Fahrer qualifiziert sich für den Folgewettkampf: Das Semifinale geht über acht Runden, das Finale hat sechs Runden. Helme sind Pflicht. Für weibliche Teilnehmer wird ein Extra-Rennen angesetzt.

Startschuss: Unter Beifall und Gejohle macht sich die erste Gruppe auf den Weg und nimmt rasch Fahrt auf. Mit knapp 50 Sachen heizen die Fahrer durch den engen Parcours, an manchen Stellen über Kopfstein-pflaster und Bordsteinkanten.
Muss ein Fixie-Fahrer abbremsen (auch das kommt vor!), stemmt er sich mit all seiner Körperkraft gegen die Laufrichtung der Pedale. Ergebnis: Das Hinterrad blockiert, der Fahrer „skiddet“ ein Stück über den Asphalt und lässt ein bisschen Gummi zurück. Aber nicht alle Fahrer nehmen die Veranstaltung so bierernst. Einer ist sogar auf dem Hollandrad gestartet und lässt sich - als Schlusslicht - gebührend feiern. Dabei sein ist eben alles, und zu gewinnen gibt es eh nur Ruhm und Ehre.

Seit letztem Jahr veranstaltet Engelhardt mit seiner Münsteraner Rad Race GmbH solche und ähnliche Radrenn-Spektakel in ganz Deutschland: Mal wird der Gewinner beim Sprint auf den 880 Meter hohen Feldberg im Taunus ermittelt („Bergfest“), ein anders Mal fahren die Teilnehmer einen zuvor abgesteckten Stadtrundkurs über 42 Kilometer ab („Marathon Racing“).

Der Renner heißt: „Last Man Standing“

Absolutes Highlight ist derzeit das Rennen „Last Man Standing“. Das Prinzip: Jede Runde fliegt einer raus – so lange, bis nur noch einer übrig ist. „Zuletzt in Berlin hatten wir 130 Teilnehmer“, berichtet Engelhardt. In Hamburg seien es leider nur 50 gewesen. „Das Konzept ist hier noch nicht so angekommen. Aber das entwickelt sich!“, sagt er optimistisch.
Und Leon? Am Ende ist der junge Mann ein bisschen geknickt: „In der ersten Runde rausgeflogen, schade!“ „Die eine oder andere Kurve hätte man sicher besser nehmen können.“ Dennoch: Es wird nicht sein letztes Rennen gewesen sein. „Hat trotz allem sehr viel Spaß gemacht!“, sagt er.

Fixies: Seit einigen Jahren sind besonders unter Fahrradkurieren Eingangräder schwer in Mode. Diese Räder ohne angschaltung werden Fixies genannt, was sich vom eng-lischen „fixed gear“ (fester Gang) ableitet.
Bei Fixies wird auch gelegentlich auf Bremsen verzichtet. Die Radler bremsen dann dadurch, dass sie Gegendruck auf die Pedale ausüben.
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