Familie Vangelista ist weg aus der Schanze

Der Imbiss am Schulterblatt 109/ Ecke Max-Brauer-Allee. Fotos: pr
 
Hat ausgeräumt: Giuseppe Vangelista am letzten Tag in seinem italienischen Bistro am Schulterblatt. Er hat von seinem Laden aus den Wandel des Schanzenviertels miterlebt, nun wurde ihm gekündigt. Foto: cv

Nach 40 Jahren ist Schluss für die Gastronomen Angelo und Giuseppe Vangelista am Schulterblatt.

Von Carsten Vitt. Helmut war Autoverkäufer. Klaus ein Kneipier aus dem Viertel. Wolfgang kam mit seinem Laster aus der Nagelsallee. Alle schon tot. Angelo Vangelista und Vera Voß kennen die ehemaligen Stammgäste und deren Geschichten noch. „Guck mal hier“, sagt Voß, „Das ist doch Karl Krüger. Der hatte eine Auto-Werkstatt in der Susannenstraße.“ Ein Haufen Fotos liegt vor den beiden auf dem Tisch, der Gastronom und die Stammkundin der ersten Stunde kramen in Erinnerungen aus vier Jahrzehnten am Schulterblatt im Schanzenviertel.
Angelo Vangelista, 70, eröffnete 1973 seinen „Grill-Imbiß“ am Schulterblatt 109. In einem einfachen Verschlag, einer „Holzbude“, wie er es heute nennt. Der gebürtige Sizilianer war 1967 nach Hamburg gekommen, hatte zunächst als Maurer malocht. Dann kam die Gastronomie. Am Schulterblatt nahe der S-Bahnstrecke kaufte er diese „Holzbude“ für knapp 7.000 Mark.
Das Viertel, das heute neben der Reeperbahn die beliebteste Ausgehmeile ist, war noch recht einfach geprägt. „Hier wohnten Menschen vieler Nationalitäten. Einfache Arbeiter, Leute mit ein bisschen Geld, Studenten.“ Man traf sich im Imbiss an der Ecke Schulterblatt/Max-Brauer-Allee. Zum Knobeln, zum Quatschen, zum Essen. Einen Galao kannte hier keiner, man trank Filterkaffee, Bier und Korn. Wenn Vangelista erzählt, wie er die Haxen knusprig gebraten hat, holt er mit den Armen weit aus. Voß
nickt. Und – na ja – auch das muss gesagt werden: „Wenn im Sommer die Mädchen in kurzen Röcken vorbeiliefen, hat er sich auf eine Kiste gestellt, um hinterher gucken zu können.“ Vangelista lacht, als Voß das über ihn, den Italiener, sagt.
Links neben Angelos Geschäft handelte Back & Boldt mit Autos, rechts war die Taverna Bacchus, ein griechisches Restaurant, dann kam die Bäckerei Kumpfmüller. Der Imbiss war Teil einer Gewerbezeile.
Ende der 1980er-Jahre gab es Pläne, für das Musical „Phantom der Oper“ ein modernes Theater am Schulterblatt zu bauen. Dem historischen Flora-Gebäude, in das „1000 Töpfe“ eingezogen war, drohte der Abriss. Die alte Flora wurde besetzt – die Geburtsstunde der Roten Flora, um die heute wieder gerungen wird.
Das Musicaltheater wurde schließlich gegenüber vom S-Bahnhof Holstenstraße gebaut, die Parkplatzfläche am Schulterblatt kam trotzdem: 1991 musste Vangelista seinen Laden räumen, die Zeile wurde abgerissen.
Der Gastronom fing hundert Meter weiter neu an. Im Schulterblatt 98 eröffnete er 1992. Fast wäre das gescheitert: Als der Laden nach einem halben Jahr des Renovierens fast fertig war, brannte es. Ein Kurzschluss im Kühlschrank, das Feuer zerstörte den ganzen Laden. „Da hast Du nur noch geweint", sagt Angelo Vangelista. Aber die Stammgäste
packten mit an: Einer war Elektriker, ein anderer Klempner, jeder konnte was helfen. Im März 1992 begann der zweite Abschnitt im Gastro-Leben von Vangelista.
Sohn Giuseppe, 45, war häufig dabei: „Ich bin im Laden mit aufgewachsen.“ Die Familie wohnte in Eimsbüttel, Giuseppe ging auf die Schule Rellinger Straße. Später lernte er Koch.
2003 übernahm der Junior den Laden von seinem Vater – und machte daraus ein italienisches Bistro, das er nach seinen beiden Kindern „Elia e Max“ nannte. Gute Pasta, hervorragender Café. Familiäre und herzliche Atmosphäre. Er ging ein bisschen mit der Zeit: Die Schanze drumherum hatte sich noch stärker verändert. Das ehemals recht abgerockte Quartier war aufgebretzelt worden. Immer mehr schicke Läden eröffneten, das Viertel wurde hip.
Rund um die Rote Flora gab es häufiger Demonstrationen und manchmal auch Straßenschlachten, die dann meist direkt auf dem Kopfsteinpflaster vor „Elia e Max“ stattfanden. So auch kurz vor Weihnachten, als sich Autonome und Polizei zuletzt gegenüber standen. Giuseppe Vangelista kennt das schon länger. Richtig getroffen wurde sein Laden nie. Sein Thema ist das nicht so.
Sein Thema ist der Rausschmiss: Eigentlich hätte er in diesen Tagen das zehnjährige Bestehen gefeiert, doch nun ist sein Laden zu. Der Mietvertrag wurde gekündigt. Ende Januar war Schluss. Der Gastronom hat seinen Laden mit Plakaten beklebt, die den Schuldigen für die Schließung beim Namen nennen: den im Viertel berüchtigten Vermieter Ernst-August Landschulze. „Wir haben in den 20 Jahren hier im Schulterblatt 98 zweimal auf eigenen Kosten renoviert, der Vermieter zahlte keinen Cent dazu. Es geht ihm um maximalen Gewinn.“ Seinem Vater wurde in den 90er Jahren die Miete um 110 Prozent erhöht. Während es ehemals 2.200 Mark waren, zahlte der Gastronom zuletzt 3.000 Euro – für knapp 40 Quadratmeter. Das sind etwa 75 Euro pro Quadratmeter.
Vater Vangelista ist wütend über die Kündigung, Sohn Giuseppe sieht es ein bisschen gelassener. „Es ist für mich zum Teil ein Abschluss, aber es ist unschön, mit einem Fußtritt vor die Tür gesetzt zu werden. Vor 20 Jahren wurden wir von der Stadt vertrieben, nun von einem gierigen Vermieter.“ Er will nicht klein beigeben: Der Streit mit Landschulze wird wohl noch vor Gericht ausgetragen.
Einen neuen Laden hat Giuseppe Vangelista nicht. Für die Vangelistas ist die Geschichte am Schulterblatt vorerst vorbei – von 40 Jahren bleiben nun ein Haufen Bilder, jede Menge gute und ein paar schlechte Erinnerungen.
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