Familie Maksimovic wird abgeschoben

Mutter Danijela Maksimovic (24).
 
Dokument der deutschen Ausländerpolitik: Familie Maksimovic müsste eigentlich jederzeit ausreisen. Die Duldung gilt bis Montag, 18. November, um 9.30 Uhr. Fotos: Ulrike Schmidt

Die Stadt Hamburg will, dass die Maksimovics im Winter zurück ins Kosovo gehen, wo sie obdachlos wären. Nun sucht der Petitionsausschuss der Bürgerschaft nach einer Lösung.

Von Roger Repplinger (Text) und Ulrike Schmidt (Fotos). Es riecht nach vollen Windeln. Dafür sorgt Nemanja. Nemanja darf das, der ist zwei Monate alt. Der Raum ist zwölf Quadratmeter groß, ein Container in der Lokstedter Höhe in Lokstedt. Auf den zwölf Quadratmetern leben fünf Menschen, vier sind da: Danijela Maksimovic, 24, die Mutter von Nemanja, Sara, vier, und Nikola, fast drei Jahre alt. Vater Aleksandar, 31, ist beim Anwalt. Der soll helfen die Abschiebung zu verhindern.
Nemanja soll geimpft werden, denn Danijela Maksimovic hat Angst, dass ihr Sohn dort, wohin sie abgeschoben werden, krank wird. Auch dass er in diesem Alter fliegen soll, macht ihr Sorgen. Danijelas Mann Aleksandar fragte die Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde, ob Kinder im Alter von zwei Monaten fliegen sollen. „Kein Problem“, sagte die Sachbearbeiterin. Auf die Frage, ob sie eine Familie mit einem Säugling im Winter in die Obdachlosigkeit schicken will, antwortete sie mit „ja“.
Die Familie wäre obdachlos, wenn sie nach Pristina ins Kosovo geschickt wird. Die Familie kommt aus Klokot, einem Dorf in der Nähe der Stadt Vitina, südwestlich von Pristina. Der Vater von Aleksandar war Roma. Die Familie war wohlhabend, hatte einen Laden unten im Haus, und einen in der Stadt, dazu Getreidefelder. Aleksandar hat die Mittlere Reife, eine Ausbildung als Schlosser, spricht gut Russisch und etwas Englisch. Seine Frau ist Friseurin und spricht auch etwas Englisch. Im Jahr 1999 begann der Krieg. „Vor 1999 war das Leben ganz normal“, sagt Danijela Maksimovic. Nach dem Krieg versuchten die im Süd-Kosovo wohnenden Albaner alle Nicht-Albaner los zu werden: Serben, Türken, Roma. Die Albaner versuchten sich in den Besitz der Häuser und Felder der Nicht-Albaner zu bringen. „Das Kosovo gehört uns, Serben und Zigeuner haben hier nichts verloren – so reden die Albaner“, sagt Danijela Maksimovic.
Die Mutter von Aleksandar wurde bei der Arbeit auf dem Feld ermordet. Aleksandar redet nicht darüber. Er lebte danach mit seinem Vater im Haus. Im Jahr 2001 starb der Vater an einem Herzinfarkt. Aleksandar, damals 19, war allein.
Anfang 2008 heirateten er und Danijela, ein paar Monate später wurde das Haus angezündet. „Wer nicht Albaner ist, wird tyrannisiert, bis er sein Haus verkauft, weit unter Wert, und das Land verlässt“, sagt Frau Maksimovic. Ihr Mann wollte nicht verkaufen. Nebenan stand ein Haus leer, das einem Serben gehörte, der das Land verlassen hatte, um nicht wiederzukommen. Aleksandar gelang es, mit dem Serben Kontakt aufzunehmen, der erlaubte den Maksimovic', in seinem Haus zu wohnen. Das Haus wurde mit Steinen beworfen, die Kinder auch. Als Danijela schwanger war, wurde sie nur deshalb nicht vergewaltigt, weil Aleksandar rechtzeitig nach Hause kam. Bei einer anderen Gelegenheit wurde Aleksandar verprügelt. Die wirtschaftliche Basis der Familie verschlechterte sich. Der eine Laden abgebrannt, im anderen kauften die Albaner nicht mehr. Der Serbe, in dessen Haus sie wohnten, entschloss sich, es zu verkaufen. „Dann wären wir obdachlos gewesen“, sagt Danijela Maksimovic.
Zwei Tage vor der Flucht nach Deutschland kamen Albaner ins Haus und erklärten Aleksandar: „Wenn ihr nicht verschwindet, bringen wir euch um.“ Da haben die Maksimovic' für 1.200 Euro den Traktor verkauft, den Hausrat, den sie noch hatten, und die Ersparnisse zusammen gekratzt. Sie zahlten einem Schlepper 2.000 Euro, um nach Deutschland zu kommen. „Keiner will uns haben“, sagt Danijela Maksimovic, „nicht dort, wo wir herkommen, nicht dort, wo wir hinkommen.“ Warum Deutschland? „Für uns“, sagt Danijela Maksimovic, „war es wichtig, von dort weg zu kommen, wohin war nicht so wichtig.“
Im Süden des Kosovo, sagt Zaklin Nastic, Abgeordnete der Linksfraktion der Bezirksversammlung Eimsbüttel, „läuft eine ethnische Säuberung und niemanden in Europa kümmert es“. Nastic, die serbisch spricht, weil sie Slawistik studiert hat und ihr Mann Serbe ist, setzt sich für Familie Maksimovic ein. Die Familie hat eine Petition an die Hamburgische Bürgerschaft geschrieben, mit der die Abschiebung aufgeschoben werden soll.
Familie Maksimovic gilt als Roma-Familie, und für Roma, so sieht es für Zaklin Nastic aus, „gibt es, entgegen der Genfer Konvention, keine Einzelfallprüfung. Alle Roma werden abgeschoben“. Sie hat die Unterlagen der Familie gelesen, dort stehe, dass Danijela Maksimovic albanisch spricht. „Stimmt nicht“, sagt Danijela. Nastic war bei einem Gespräch bei der Ausländerbehörde dabei und hörte, wie die Übersetzerin nicht präzise das, was die Sachbearbeiterin sagte, ins Serbische übersetzte. Als Nastic intervenierte, habe die Sachbearbeiterin gesagt: „Sie halten sich raus, wir wissen, was wir tun.“ So haben die Maksimovics bis zum Ende des Gesprächs nicht erfahren, „dass sie zwangsabgeschoben werden sollen und zwei Jahre Einreisesperre für den Schengen-Raum bekommen“, sagt Nastic. Am 18. November soll Familie Maksimovic auf der Behörde ihre Ausreiseunterlagen abholen, zwei, drei Tage später soll sie abgeschoben werden. „Bundesländer wie Schleswig-Holstein schieben im Winter nicht ab. Das könnte hier in Hamburg auch so sein, ist aber offensichtlich politisch nicht gewünscht“, sagt Nastic.
Danijela und Aleksandar Maksimovic haben keine Eltern mehr, niemanden in Serbien, der ihnen helfen kann. Auf der Lokstedter Höhe gibt es Hilfe. Eine ältere Frau bringt Kleider und Spielsachen, zusammen mit einer Nachbarin kocht Danijela. Über den zwölf Quadratmeter großen Container hat sie noch nie ein schlechtes Wort gesagt. Wenn jemand das nicht macht, muss es dort, wo er herkommt, schlimm sein.

Abschiebung: Norbert Smekal, Sprecher der Hamburger Ausländerbehörde, sagt gegenüber dem Elbe Wochenblatt zur Abschiebepraxis: „Die Ausländerbehörde ist verpflichtet, geltendes Recht anzuwenden. Wenn jemand nicht aufenthaltsberechtigt ist, muss er ausreisen.“ Auf Krankheiten werde aber Rücksicht genommen, so der Sprecher: „Die Reisefähigkeit wird auf jeden Fall geprüft.“ RS
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.