„Es ist gut, hier zu spielen“

Spaß beim Fußballcamp ist garantiert. Foto Stahlpress Medienbüro
 
Zwei Dutzend Mädchen auf dem Sportplatz Perlstieg: Die Teilnehmerinnen des Camps mit Cordula Radtke (mit Sonnenbrille). Foto Stahlpress Medienbüro
 
Verstehen sich: Bundespräsiden Gauck und FFC-Präsidentin Radke. Foto: PR

Fairplay und Toleranz in den Sommerferien: Besuch beim Fußballcamp des 1. FFC Elbinsel

Von Folke Havekost. Mit der Sonne kommen die Wespen, die sich besonders für die Melonenscheiben neben dem Fußballfeld interessieren. Das Obst liegt bereit zur Stärkung zwischendurch, wenn die Hütchen vom Dribbelparcours umkurvt sind. „Ihr sollt nicht vor denen weglaufen, die gehen von alleine“, ruft eine Teilnehmerin ihren Mitstreiterinnen zu, die mit den Armen fuchteln. Ein guter Tipp, schließlich soll es darum gehen, das „Tormonster“ zu jagen oder „Passköniginnen“ zu krönen, wie zwei der vielfältigen Übungen heißen.
Am Donnerstag herrschen trotz Wespenplage beste Voraussetzungen für das Elbinsel-Fußballcamp, der dreitägigen Nachmittagsveranstaltung, die der Frauenfußballklub 1. FFC Elbinsel Wilhelmsburg ausrichtet. Rund zwei Dutzend Mädchen zwischen fünf und 18 Jahren trudeln ab 15 Uhr auf dem Grandplatz am Perlstieg ein.
„Uns ist wichtig, dass die Kinder Spaß haben, sich bewegen und auch Bewegung lernen“, erklärt die umtriebige Vereinsvorsitzende Cordula Radtke. „Im Winter in der Halle sieht man, dass es oft gerade daran mangelt. Schon eine Rolle vorwärts fällt vielen schwer, rückwärts schaffen sie vielleicht gerade drei von 50 Kindern.“ Das diesjährige Motto lautete: „Willkommen bei Freundinnen“.
„Ich war schon als kleines Mädchen da“, sagt Malin Schwans in einer Pause und berichtet von den Anfängen des 2010 gestarteten Mädchenfußballcamps. Inzwischen ist die 16-Jährige Mittelfeldspielerin beim FFC Elbinsel. Der im Oktober 2006 gegründete Frauen- und Mädchenfußballverein mit 130 Mitglieder hat nach einigen Platzwechseln am Perlstieg seine Heimat gefunden – und richtet nicht nur dort mit Unterstützung von Saga/GWG sein Camp aus, sondern engagiert sich auch im Kicking-Girls-Projekt der benachbarten Grundschule Perlstieg. Schon 2008 wurde der junge Klub mit dem allerersten Integrationspreis des Hamburger Fußball-Verbands ausgezeichnet.

Radtke: „Wir wollen den Kindern Chancen aufzeigen“

Beim Kopfballtraining wird der Ball den Mädchen zugeworfen, das Tor ist mit Bauarbeiterband geviertelt, um beim platzierten Kopfstoß Orientierungshilfe zu geben. „Viele hier können gut Fußball spielen“, sagt Noah Sorvor: „Es gibt auch Mädchen, die noch nie gespielt haben, aber viel Potenzial besitzen. Doch das Wichtigste ist, dass alle sehr viel Freude am Spiel haben.“ Sorvor, der selbst beim SVS Mesopotamien in der Bezirksliga kickt, hat viele Übungen vorbereitet. Er ist einer der Junior-Coaches, der die Trainings- und Spielformen betreut.
„Wir bilden Junior-Coaches aus, damit sie Dinge wie das Camp mitorganisieren und sich in die Gemeinschaft einbringen“, sagt Radtke: „Hier lässt sich praktisch erleben, was man theoretisch vermittelt. Außerdem ist das sicher ein Pluspunkt bei Bewerbungen oder auf der Suche nach einem Praktikumsplatz.“ Neben fußballerischen Fertigkeiten sollen beim Camp auch Teamgeist, Toleranz, Offenheit, Ehrlichkeit und Fairplay gestärkt werden. Radtke benennt die Prioritäten: „Es geht um kontinuierliche Entwicklung. Nicht darum, unbedingt in der höchsten Klasse zu spielen, sondern den Kindern
ihre Chancen aufzuzeigen.“

Shukri (17) hat zuletzt in Somalia gekickt

Inzwischen spielt eine Gruppe auf Kleinfeld Vier gegen Vier. Die meisten im orangen T-Shirt, das die Camp-Teilnehmerinnen bekommen haben; es jagen aber auch „Neymar“ und „Messi“ dem Ball hinterher. Der FFC steht mit seinem kostenlosen Angebot für Kinder in der Ferienzeit nicht allein da. Im nahen Rothenburgsort organisierte Robert Hillbrecht die fünftägigen „Lorbeer-Fußball-Ferien“ für 20 Kinder aus
finanzschwachen Familien, darunter auch Betroffene des Bunkerbrands. Beim SV Eidelstedt kickten zwei Dutzend Kinder aus Flüchtlingsfamilien eine Woche lang in der „Fußball-Sommerakademie“.
In diesem Jahr richtete auch der FFC Elbinsel sein Angebot ausdrücklich an Mädchen und junge Frauen aus Flüchtlingsfamilien. Shukri Abdilahi Ibrahim ist aus der Erstaufnahme Dratelnstraße an den Perlstieg gekommen und beweist ihr Talent nicht nur am Ball, sondern auch als Torfrau. „Es ist gut, hier zu spielen“, sagt die 17-jährige Somalierin: „Ich schaue gerne die Premier League und die Bundesliga im Fernsehen an und mag es sehr zu trainieren.“
„Hier kriegt sie keinen Stempel aufgedrückt, sondern macht einfach mit“, freut sich Jacqueline Piper. Die Lehrerin, Schiedsrichterin und FFC-Spielerin hilft wie alle Beteiligten ehrenamtlich mit. „Ich habe schon viele Sportvereine erlebt, aber so wie hier war es noch nie“, preist sie ihren Klub: „Egal, ob du Stress bei der Arbeit hast oder einen Job suchst, es ist immer ein Ohr für dich da.“ Für die familiäre Atmosphäre bei den Elbinsulanern steht auch Tim Hübner, der alljährlich beim Hallenfußballturnier Saga-Cup in der Dratelnstraße als DJ stundenlange Ausdauer beweist. Seine Schwester Anni spielt und pfeift beim FFC, beim Camp betreut er einige Übungen.
Zum Abschluss der drei Stunden verteilt Radtke Stirnbänder und Notizheftchen, kleine Aufmerksamkeiten für die Teilnehmerinnen. Piper erkundigt sich derweil, was „Auf Wiedersehen“ auf Arabisch bedeutet. Dann heißt es „Ma’salama“, Shukri Abdilahi Ibrahim antwortet mit „Tschau“. Schon im Oktober plant der FFC Elbinsel ein Jugendturnier für Mädchen und Jungen.

Kleiner Riese

Auszeichnungen gab es einige für den 1. FFC Elbinsel: 2013 wurde der Klub in Berlin mit dem „Stern des Sports“ in Gold ausgezeichnet. „Was für eine sensationelle Wertschätzung unserer Vereinsarbeit“, freute sich Vereinsvorsitzende Cordula Radke, nachdem sie die Urkunde von Bundespräsident Joachim Gauck und dem damaligen Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes, Thomas Bach (inzwischen Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, überreicht bekommen hatte.
Der FFC gehörte mit seinen damals 127 Mitgliedern eher zu den kleineren Vereinen. Bei seiner Arbeit im Bereich Mädchen- und Frauenfußball setze er aber Maßstäbe, und in Sachen Integration von Menschen aus vielen Kulturen sei er ein wahrer Riese, begründete die Jury ihre Entscheidung.
www.ffc-wilhelmsburg.de EW
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