Erster Halt: Harburg

Maysam musste ihren kleinen Bruder in Syrien zurücklassen – nun möchte sie wissen, wie sie ihn nachholen kann. Bei solchen Fragen kann man der jungen Frau leider nicht weiterhelfen. Fotos: cvs
 
ieser Zettel wurde am vergangenen Mittwoch in der ZEA Harburg verteilt. Die Behörde plante, einen Großteil der Flüchtlinge nach Wilhelmsburg umzusiedeln. Viele Bewohner verstanden zunächst nicht, worum es ging.

Zukunft der Flüchtlinge auf dem Neuländer Platz ungewiss, eine Initiative hilft.

Von Christopher von Savigny. Dutzende von Menschen haben sich auf dem Neuländer Platz versammelt. Männer stehen beisammen, rauchen und unterhalten sich leise. Ein anderer telefoniert. Frauen mit Kopftüchern sitzen auf den backsteinernen Mäuerchen, die den Platz umgeben, und lassen sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Kinder spielen Fußball.

Der Sommer ist noch einmal nach Hamburg zurückgekehrt: 25 Grad und wolkenloser Himmel Ein Idyll, möchte man fast sagen. Doch die Zukunft der Flüchtlinge, die in der Zentralen Erstaufnahmeeinrichtung (ZEA) hinter dem Harburger Bahnhof eine provisorische Unterkunft gefunden haben, lässt frösteln: Spätestens, wenn der Herbst mit Wind und Regen kommt, dürfte es in den weißen Wohnzelten neben der Alten Post extrem ungemütlich werden. Man möchte nicht mit den Flüchtlingen tauschen. „Für mich sind das die ärmsten Schweine“, sagt Cornelius, einer der Freiwilligen, die sich vor Ort für die Gestrandeten engagiert.

Seine Gruppe, die sich „Refugee Welcome Initiative“ nennt und die im Harburger Kulturzentrum „WeltRaum“ zu Hause ist, hat neben dem abgezäunten Flüchtlingslager einen Stand aufgebaut, an dem die Asylbewerber über ihre Rechte informiert werden. Weil sich die allerwenigsten auskennen im deutschen Asylrecht, geschweige denn Deutsch oder zumindest Englisch sprechen. Und man will auch etwas gegen die Fremdenhasser tun, die zurzeit verstärkt auf Facebook unterwegs sind. „Wir dürfen denen nicht das Feld überlassen“, sagt Jan, Student und Refugee-Aktivist, der sich wie alle hier nur mit dem Vornamen anreden lässt.

Auf dem Tisch liegen Merkblätter in deutscher, englisch und russischer Sprache aus. Eine Traube von Neugierigen hat sich versammelt. Cornelius bemüht sich, einem radebrechenden Syrer das Asylverfahren zu erklären. „Anhörung – wie heißt das nochmal auf Englisch?“, fragt er seinen Nebenmann. „Ach so, hearing!“ Für die Flüchtlinge ist es existenziell wichtig, gut auf den Termin beim Amt vorbereitet zu sein. Eine Vertrauensperson darf man mitbringen, ebenso einen Dolmetscher – ungünstig sind Handy oder Bares. Denn Geld und Wertgegenstände können im schlimmsten Fall abgenommen werden, um die Kosten einer möglichen Abschiebung zu decken.

„Die Menschen in den Zelten sind sehr müde.“

Die Fremden freuen sich, dass jemand da ist, der sich um sie kümmert. Maysam, eine junge Frau, die ebenfalls aus Syrien stammt, erzählt ganz ohne Scheu ihre Geschichte. Von Ägypten aus sei sie übers Mittelmeer („very dangerous“) nach Italien gekommen. Weiter mit dem Zug nach Deutschland, erst München, dann Hamburg. Seit drei Wochen lebt sie nun auf dem Neuländer Platz. „Die Leute in den Zelten sind sehr müde, sie fühlen sich nicht wohl“, berichtet sie.

80 Flüchtlinge verlassen den Platz in Richtung Kirchdorf

Sabine Boeddinghaus wundert das nicht. „Syrer, Afghanen, Iraner, Iraker – die Bewohner hausen dort alle bunt durcheinander gewürfelt“, sagt die Politikerin, die für die Linken in der Harburger Bezirksversammlung sitzt und die ebenfalls bei der Initiative aktiv ist. „Kein Gedanke an Intimsphäre.“ Zudem gingen die Wachleute ruppig mit den Flüchtlingen um. „Der Sicherheitsdienst hat überhaupt keine Ausbildung im Umgang mit anderen Kulturen.“ Dies sei auch Inhalt einer Forderung, die ihre Fraktion an die Innenbehörde stelle.
Zum Schluss macht ein Zettel die Runde: „Transfer nach Wilhelmsburg“ steht dort in dicken Buchstaben geschrieben. In einer leerstehenden Schule am Karl-Arnold-Ring hat die Stadt eine neue ZEA-„Filiale“ für 300 Flüchtlinge einrichten lassen. 80 von ihnen sollen noch am gleichen Tag von Harburg auf die Elbinsel umziehen.
Die Behörde hat es eilig, weil die Harburger Zelte schon jetzt hoffnungslos überfüllt sind. So richtig können sich die Flüchtlinge auf dem Neuländer Platz noch nicht auf ihr neues Zuhause freuen. „Ich habe gehört, dass dort 30 Menschen zusammen in einem Zimmer schlafen müssen“, sagt einer. Achselzucken. Darauf weiß keiner eine Antwort.

Syrische Flüchtlinge

Das UN-Flüchtlingswerk schätzt, dass aktuell rund 2,9 Millionen Syrer im Exil leben. 1,1 Millionen leben zur Zeit im Libanon - bei einer Einwohnerzahl von 4,4 Millionen Menschen. Etwa 790.000 sind in die Türkei geflüchtet, mehr als 600.000 nach Jordanien und etwa 225.000 in den Irak. Etwa 138.000 Flüchtlinge haben sich nach Ägypten durchgeschlagen. Zudem sind Schätzungen zufolge weit mehr als 6,5 Millionen Syrer Vertriebene im eigenen Land.Nach Angaben des Bundesinnenministeriums (BMI) haben seit Beginn der Krise 2011 bisher etwa 43.000 Flüchtlinge in Deutschland Zuflucht gefunden, die Mehrheit davon sind Asylbewerber.
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