Erst Schauspiel, dann Tischtennis

Neu in dieser Spielzeit: weiße, wegweisende Sterne auf dem Asphalt. „Es gab Besucher, die versehentlich ins benachbarte Junge Schauspielhaus gelaufen sind“, erklärt Henrik Woelk. Fotos: cvs
 
Erste Probe auf der Originalbühne: Regisseurin Anne Lenk (re.) mit Bühnenbildnerin Judith Oswald.

Zu Beginn der neuen Spielzeit: Ein Besuch im Thalia Gaußstraße

Von Christopher von Savigny. Wer mit Henrik Woelk (47) ins Gespräch kommt, könnte meinen, den Theaterleiter persönlich vor sich zu haben: „Das Thalia Gaußstraße ist ein guter Ort“, sagt Woelk beispielsweise über seine Arbeitsstelle. Innerhalb der letzten Jahre habe sich vieles entwickelt, was an anderen Bühnen nicht möglich gewesen wäre.
„Hier scheinen die Möglichkeiten zu wachsen“, findet
Woelk. Dabei ist der Altonaer im echten Berufsleben „bloß“ als Vorderhausinspektor angestellt, reißt Eintrittskarten ab und steht als Ansprechpartner für sein Publikum zur Verfügung. Aber das Theater interessiert ihn eben. Zum einen, weil er schon seit 15 Jahren dabei ist und zum anderen, weil er sich in seiner Freizeit als Schriftsteller betätigt. „Schauspieler gehen innerlich an ihre Grenzen“, sagt Woelk. „Das geht mir beim Schreiben auch nicht anders.“
Schauspieler und Publikum an der Tischtennisplatte
Das Foyer des Thalia-Theaters in der Gaußstraße ist in ein schummriges, gelbes Licht getaucht, was hauptsächlich an den großen, orangefarbenen Vorhängen liegt. Zum Zeitpunkt des Besuches sind es nur wenige Tage zum Start der neuen Spielsaison. Hinter einem dunklen Tresen putzt Barbetreiber Baschar al Ali seine lange nicht benutzte Kaffeemaschine. „Ich warte gerade auf eine Getränkelieferung“, erklärt er und lächelt freundlich.
Henrik Woelk fängt an, Stühle und Tische hin- und herzuräumen. „Es ist alles noch etwas unordentlich“, entschuldigt er sich – obwohl weit und breit keine Unordnung zu entdecken ist. Was auffällt, ist das hübsche Jugendstil-Fliesenmuster des Fußbodens, der in Wirklichkeit gar nicht aus Fliesen besteht, sondern aus bemalten Spanplatten. Typisch Theater: Alles nur Staffage! Aber geschickt gemacht, das muss man neidlos anerkennen. Häufig – und besonders gern nach gelungenen Premierenabenden – rollt
Woelk eine Tischtennisplatte aufs gemusterte Parkett: Das Thalia Gaußstraße dürfte so ziemlich das einzige Theater sein, wo Besucher nach Vorstellungsschluss gegen renommierte Schauspieler zum Rundlauf antreten. Etwas zum Abreagieren nach dem nervenaufreibenden Premierenauftritt.

„Ungefähr gleich“ hinterfragt unser Wirtschaftssystem

Durch eine hohe Stahltür gelangt man in den Vorstellungssaal. Der erste Blick fällt auf die Bühne, die über und über mit kupfern glänzenden Cent-
stücken bedeckt ist. Vor kurzem war die Premiere des Stücks „Ungefähr gleich“ von Jonas Hassen Khemiri. Etwas salopp ausgedrückt geht es um eine Handvoll Menschen, die versuchen, mit ihrem Geld (beziehungsweise ohne!) über die Runden zu kommen. Eine „kritisch-humoristische Hinterfragung des Wirtschaftssystems“ nennt es Regisseurin Anne Lenk, die gerade auf den Zuschauerrängen Platz genommen hat und sich mit Bühnenbildnerin Judith Oswald bespricht.
Heute wird erstmals auf der richtigen Bühne geprobt, die Schauspieler sollen die Gelegenheit bekommen, sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen. Ganz weit oben im Saal und hinter den Besucherplätzen versteckt drehen derweil die beiden Tontechniker Jacob Rothstein und Christoph Oerding an ihren Klangreglern, um die richtige Aussteuerung für den Premierenabend hinzubekommen.

Seit 15 Jahren gibt es den Standort Bahrenfeld

Die Gaußstraße ist ein modernes, technikaffines Theater: Alle Schauspieler sind verkabelt, es gibt Musik- und Videoeinspielungen. „Jetzt beginnt die heiße Phase“, sagt Oerding.
Als Nachfolger des „TiK“ (Thalia in der Kunsthalle) öffnete im Jahr 2000 der Spielort in Bahrenfeld seine Pforten.
Henrik Woelk studierte seinerzeit Anthropologie und suchte einen Job. „Anfangs habe ich noch gedacht: Das mache ich, bis ich was Vernünftiges habe.“ Recht bald habe er dann gemerkt, dass die Arbeit seinen Interessen entgegenkam.
„Es gefällt mir, da ich viel mit Menschen zu tun habe, die kreativ arbeiten oder sich für Kunst interessieren.“ Eines seiner Bücher trägt übrigens den Titel „Ansichten eines Kartenabreißers“. Nein, kein Erfahrungsbericht in dem Sinne, wehrt
Woelk ab. „Die Texte in dem Buch sind nur angebliche Beschreibungen des Theaters, in Wirklichkeit sind sie aber rein fiktiv.“

Thalia Gaußstraße

Aufführungen (Auswahl, genannt ist jeweils der nächste Termin):
- „Ungefähr gleich“, Sonntag, 20. September, 19 Uhr
- „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“, Sonnabend,
3. Oktober, 19/21 Uhr
- „Ankommen“ (Theaterprojekt mit jugendlichen Flüchtlingen), Sonnabend,
24. Oktober, 17/19.30 Uhr

Adresse: Gaußstraße 190,
Tel. 32 81 44 44
www.thalia-theater.de
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