Erinnerung an den alten Rothenbaum? „Keine Tafel, nichts!“

Autor Werner Skrentny. Foto: stahlpress medienbüro
 
Die erste Holztribüne des SC Victoria, die 1921 abbrannte. Im Jahr darauf baute der Verein eine neue Tribüne, die bis heute genutzt wird. Fotos: Stahlpress Archiv
 
Die erste Holztribüne des SC Victoria, die 1921 abbrannte. Im Jahr darauf baute der Verein eine neue Tribüne, die bis heute genutzt wird. Fotos: Stahlpress Archiv

Interview: Der Hamburger Autor Werner Skrentny kann den geschichtslosen Umgang der Stadt mit ihren Traditions-Fußballstadien nicht fassen

Von Volker Stahl.
Elbe Wochenblatt am Wochenende: Gab es einen Anstoß zu Ihrem Buch „Es war einmal ein Stadion“ – etwa die Tränen von „Old Erwin“, Vater von Uwe Seeler, beim Abriss des Rothenbaums?
Werner Skrentny: Da ich die Stadion-Landschaft für meine in mehreren Auflagen erschienenen Bände Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien seit langem verfolgt habe, ist mir natürlich aufgefallen, dass immer mehr traditionsreiche Spielstätten verschwanden. Das naheliegende Beispiel war das Stadion Rothenbaum des HSV – eine ganz traurige Geschichte. Viele Politikerinnen und Politiker, die den Abriss 1994 voran getrieben hatten, sind heute kein Begriff mehr. So wie Traute Müller von der SPD als Senatorin für Stadtentwicklung, die am Ort des Rothenbaum Sozialwohnungen versprach. Das Gegenteil entstand dort, in einer Kooperation von SPD und STATT-Partei, letztere heute eine Fußnote der Hamburger Geschichte. Auch kläglich: Bis heute gibt es dort vor Ort nicht die geringste Erinnerung an die Spielstätte des bedeutendsten Hamburger Fußball-Vereins. Keine Tafel, auch sonst nichts! Obwohl zu diesem Thema politische Gremien mehrmals getagt haben – ergebnislos.

EW: Wie schwierig war die Recherche, ist genügend Material vorhanden?
Werner Skrentny: Es gilt: Wer sucht, der findet. Die führenden Hamburger Vereine haben sich zeitweise gar nicht oder desinteressiert um die Archivierung ihrer Vergangenheit gekümmert. Beim HSV hatte man vieles in Umzugskisten deponiert, die der damalige Fanbeauftragte und spätere HSV-Museumsleiter Dirk Mansen noch sichern konnte, bevor die Bagger kamen. Das hat sich glücklicherweise geändert. Der Hamburger SV, der immerhin auf das Jahr 1887 zurückgeht, besitzt nach meiner Kenntnis eines der besten Vereinsarchive der Bundesliga. Der FC St. Paulibaut ein Museum auf, Altona 93 besaß zeitweise ein solches, der Eimsbütteler TV hat insbesondere auch seine Vergangenheit in der NS-Zeit aufgearbeitet, der SC Victoria ist bei der Traditionspflege seit langem hervorragend aufgestellt und unterhält ein geradezu lückenloses Archiv.

EW: Und wie sieht es bei den kleinen Klubs aus?
Werner Skrentny: Manchmal hilft bei der Recherche auch der Zufall. Bei Spaziergängen zum Eppendorfer Moor ist mir immer eine Hinweis-Tafel Klgv. beim Stadion, das heißt: Kleingartenverein, aufgefallen. Wo sollte denn dort ein Stadion gewesen sein, habe ich mir gedacht? Über einen alten Stadtplan habe ich dann den Standort des Stadions der Sportvereinigung Polizei Hamburg gefunden: Es befand sich am Ende der Borsteler Chaussee, heute Kleingartenverein 437 Stadion e. V. Liest man die Chronik der Spvg. Polizei nach, so fehlt allerdings die Information, dass diese Sportstätte am 26. Mai 1933 im Beisein von 10.000 Zuschauern in Adolf-Hitler-Kampfbahn umbenannt wurde.

EW: Der Rothenbaum, das Stadion Marienthal in Wandsbek, der Wilhelm-Rupprecht-Platz in Barmbek sind Geschichte. Bald soll die legendenumwobene Adolf-Jäger-Kampfbahn dem Wohnungsbau weichen – hat Sport-Tradition in Hamburg keine Chance?
Werner Skrentny: Manches mal können Vereine wie der damalige SC Concordia in Wandsbek-Marienthal ihre Anlage nicht mehr finanziell unterhalten. Man muss feststellen, dass die Politik – egal, wie die Regierungsparteien heißen –, bislang kein Interesse an der Bewahrung fußballsportlicher Traditionsorte hat. Das Beispiel Rothenbaum hatte ich erwähnt, auch dass es dort keine Erinnerungsarbeit gibt. Sehen Sie mal in Rothenburgsort nach: Dort stand die Hanseatenhalle, damals größte Sporthalle Europas wenn nicht der Welt, in der Max Schmeling geboxt hat. Keine Info- oder Gedenktafel – nichts!

EW: Wie sieht es bundesweit aus – gibt es regionale Unterschiede beim Schutz alter Sportstätten?

Werner Skrentny: Vorbildlich ist aus meiner Sicht Nordrhein-Westfalen, wo, um nur zwei Beispiele zu nennen, die Tribüne der Glückauf-Kampfbahn auf Schalke in Gelsenkirchen und die Kampfbahn Rote Erde in Dortmund Denkmalschutz genießen.

EW: In Hamburg ist das offensichtlich anders ...

Werner Skrentny: Ja, hier ordnet sich der Denkmalschutz meiner Ansicht nach politischen Interessen eigentlich durchgehend unter. Das hat man anhand der Eppendorfer historischen Mitte erneut erlebt. Es genügen im Übrigen geringe bauliche Veränderungen, etwa der Einbau einer Kegelbahn, dann ist auch die Tribüne von Victoria Hamburg aus dem Jahr 1922 auf der Hoheluft nicht mehr denkmalwürdig. Wobei diese übrigens nicht die älteste Holztribüne Norddeutschlands ist, wie oft geschrieben wird: Die steht mit Baujahr 1919 bei Kilia Kiel.

EW: Welche sind die Perlen in der Hamburger Stadionlandschaft?
Werner Skrentny: Man muss zur Kenntnis nehmen, ob es einem gefällt oder nicht, dass Fußball in der Bundesliga zum sogenannten Event geworden ist. Also: Neubauten, VIP-Logen und so weiter. Inzwischen scheint es egal zu sein, wie der Verein spielt: Man geht halt hin, weil es zum Wochenende gehört. Im Amateurfußball, der eigentlich so keiner mehr ist, gibt es noch „Biotope“. Dazu zählte das Stadion Marienthal des früheren SC Concordia, eine Anlage, auf der ich mich immer sehr zuhause gefühlt habe. Und dann natürlich „Vicky“, der SC Victoria auf der Hoheluft. Was hat diese Spielstätte für eine Tradition: Fünf Länderspiele, auch die des Arbeitersports und dessen Endspiele, die erwähnte Tribüne und so weiter. Leider ist, als die 4. Liga, die Regionalliga, auf der Hoheluft spielte, das Stadion „verunstaltet“ worden, mit Zäunen, abgesperrten Zuschauer-Zonen und Polizei-Beobachtungsturm. Ziemlich sinnlos, wenn auf der Gegengerade mal 20 Fans aus Plauen stehen.

Werner Skrentny

geboren 1949, war Tageszeitungs-Redakteur in Ulm und kam 1978 durch seine damalige Freundin und heutige Ehefrau nach Hamburg. Seitdem arbeitet er als freier Autor. Veröffentlichung zahlreicher Reiseführer, von New York bis Tschechien, darunter „Zu Fuß durch Hamburg“ mit 21 Stadtteilrundgängen. Er schrieb etliche Bücher zur Fußballgeschichte, auch zum HSV, sowie 2012 die Biografie „Julius Hirsch. Nationalspieler. Ermordet.“ VS

Buch

Werner Skrentny: „Es war einmal ein Stadion. Verschwundene Kultstätten des Fußballs“ mit Tribünensportplatz Eimsbüttel, Polizei-Stadion, Stadion am Rothenbaum, Stadion Marienthal, ehemalige Stadien des FC St. Pauli, Union-Sportplatz und Adolf-Jäger-Kampfbahn.
176 Seiten
24,90 Euro
ISBN: 978-3-7307-0192-8
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