Er bewahrt Eisenbahngeschichte

Als er bei der Bahn anfing, war die Fahrprüfung auf einer Dampflok obligatorisch: Günter Lange (76). Fotos: Stahlpress Medienbüro
 
Eisenbahngeschichte im Harburger Binnenhafen.

Günter Lange hat jahrzehntelang im Ausbesserungswerk in der Schlachhthofstraße gearbeitet.

Von Folke Havekost. Der Hbis-ww 299 ist einsam. Der zweiachsige Schiebebandwagen steht auf der Harburger Schloßinsel, um Eisenbahngeschichte anschaulich zu machen. „Diesen Wagen betrachten wir wie einen Harburger“, sagt Günter Lange über das Modell, das seit März 2013 auf dem Lotsekai zu sehen ist.
Der 76-jährige Lange hat sein Arbeitsleben mit der Eisenbahn verbracht, in seinem keinesfalls ruhigen Ruhestand widmet er sich der Geschichte vom Aufstieg und Fall der Schienenfahrzeuge in Harburg, wo die Deutsche Bahn vor 25 Jahren ihr Ausbesserungswerk schloss. Sein Ziel ist, eine vergangene Zeit vor dem Vergessen zu bewahren. „Der Wandel Harburgs von der Industriestadt zur Wissensstadt ist der jungen Generation heute gar nicht mehr so bewusst“, meint Lange mit Blick auf den Hbis-ww 299. Ab 1966 wurden von seinem Typ gut 8.500 Stück gefertigt, auf 34 Quadratmetern ließen sich bis zu 25 Tonnen Fracht befördern. Luftkissen füllten den Freiraum zwischen Transportgut und Schiebewänden aus, um eine Beschädigung der Fracht durch Verrutschen zu verhindern – das „System Daberkow“, wie es im Eisenbahnerdeutsch heißt.
Die Gründung der Technischen Universität 1978 markierte am deutlichsten den Wandel des Stadtteils. „Ohne die Bahn wäre die ganze Entwicklung in Harburg aber nicht möglich gewesen“, betont Lange mit Verweis auf die Industriegeschichte des Harburger Hafens, die Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt und ohne Räder und Schienen kaum denkbar gewesen wäre.

Drei verschiedene Güterwagen – das wäre ideal am Lotsekai

Sein Wunschtraum ist es daher, den vorhandenen Schiebebandwagen durch einen älteren gedeckten Güterwagen und einen jüngeren Flachwagen zu ergänzen. Dann würde ein Ensemble der Schienentransportgeschichte entstehen: Von der Verladung mit Sackkarren über das Paletten-System hin zum modernen Container. Neben Ausstellungszwecken könnte die Dreiergruppe dann auch Konzerten dienen, schwebt Lange vor: „Ich möchte das Interesse der jungen Generation wecken.“
Deshalb sind Sponsoren erwünscht, denn allein für den Transport der Wagen – die Kosten für den Schrottwert der Boliden nicht gerechnet – wäre ein hoher vierstelliger Betrag fällig: für die Erinnerung an knapp anderthalb Jahrhunderte, in denen der Schienenverkehr den heutigen Hamburger Stadtteil prägte.
1885 entstand die Königliche Eisenbahn-Hauptwerkstatt, später Bundesbahn-Ausbesserungswerk genannt, in der Schlachthofstraße – über Jahrzehnte der Arbeitsplatz für Lange, der sich ab 1956 zunächst zum Schlosser ausbilden ließ. Die obligatorische Fahrprüfung absolvierte er noch auf einer Dampflok. In den 1960er-Jahren bildete er sich zum Werkingenieur fort. Die meiste Zeit seines Bahnerlebens hat Lange im Harburger Ausbesserungswerk verbracht, wo die Wagen alle drei bis fünf Jahre eine Grunduntersuchung durchliefen. Die zentrale Radsatzwerkstatt erledigte Aufträge weit über Harburg hinaus.

Seit Maschen existiert ist Harburgs Anlage nutzlos

Der Güterumschlag über die Schiene brummte bis weit ins 20. Jahrhundert. „Wurde die Kohle per Bahn angeliefert, rangierte die Deutsche Bundesbahn auf Abruf jeweils sieben bis acht Waggons zum Entladen ans Anschlussgleis von Mulch am Lotsekai“, wird die Betriebsamkeit in einem Buch zum Strukturwandel im Harburger Binnenhafen nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieben. Mit der neuen Zentralanlage in Maschen wurde der alte Rangierbahnhof allerdings ab 1977 nutzlos, und in den 1980er-Jahren gab sich die Bahn im Kampf um das Gros des Güterverkehrs den Lkw geschlagen.
1990 schloss die Bahn ihr Harburger Ausbesserungswerk – nach 105 Jahren. Auf dem alten Güterbahnhof am Schellerdamm entstehen auf 7,5 Hektar unter dem Titel „Harburger Brücken“ Wohnungen und Gewerbebauten. „Bei den Baumaßnahmen dort hat man Dinge gefunden, die mit der Eisenbahn zusammenhängen und erhalten bleiben sollten“, wünscht sich Lange und erzählt von den „kleinen Relikten“: Eine Drehscheibe, ein fast zugeschütteter Prellbock, ein kleines Stück Schienenrest. „Der Binnenhafen soll ja ein besonderes Flair erhalten“, argumentiert der Eisenbahner, „und diese Dinge stehen für Tradition inmitten moderner Wohnblocks.“
Der in Wilstorf aufgewachsene Lange setzte eine Familien-tradition fort. Schon sein Vater war bei der Bahn beschäftigt. „Wir sind nicht zur Arbeit gegangen, wir sind ins Werk gefahren“, erzählt der Eisenbahnchronist, der mit „gefahren“ das Fahrrad meint – ein weiteres Gefährt, für das er sich einsetzt.

Lange macht sich auch noch für Zweiräder stark

Als Mitglied des Seniorenbeirats macht er sich für die fahrradfreundliche Entwick-lung seines Stadtteils stark, wie sie unter anderem vor einem Jahr in der Ideenwerkstatt „Harburg neu denken“ entwi-ckelt wurde.
„Es gibt viele Jungsenioren, die Fahrrad fahren wollen, aber es gibt auch Stellen, wo es sehr gefährlich ist“, merkt Lange an und nennt als Beispiel die Ecke Winsener Straße/Reeseberg.
Nach der Schließung des Ausbesserungswerks ging Lange bis zu seiner Pensionierung nach Eidelstedt und führte im dortigen ICE-Betriebswerk Umweltschutzschulungen durch. „Wenn Sie einmal die Idee intus haben, die Natur zu schützen, werden Sie die nie wieder los“, sagt er. „Ich habe auf meinem Niveau so viel Glück gehabt im Leben und möchte davon etwas zurückgeben“, spricht Lange über seinen Antrieb, „und ich merke, dass das auch Spaß macht“.

Eisenbahn in Harburg

Ab 1847 rollte die Königlich Hannöversche Staatseisenbahn von Celle nach Harburg. Aus der Nordsee kamen Güter vom Schiff auf die Schienen, Harburg war der nördlichste Punkt der Bahnverbindungen. Lange spricht beispielhaft über die „Anlandung von Seefisch in großer Menge“ in Cuxhaven. Hamburg war damals noch schlecht angebunden und auf den Elbhandel konzentriert. Wer Güter von Harburg nach Hamburg bringen wollte, musste die Fähre nutzen. Erst mit der Eisenbahnbrücke nach Hamburg verringerte sich ab 1872 die überragende Bedeutung Harburgs als Verkehrsknotenpunkt für Schiff und Bahn. FH
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