Einmaliges Gesamtkunstwerk

Restaurierungsarbeiten: Seit 1994 arbeitet Stefanie am Erhalt des Bossardschen Werkes. Foto: Stahlpress Medienbüro
 
Die Arbeit ist immer noch spannend“: Stefanie Nagel hat die ideale Arbeit gefunden. Foto: Stahlpress Medienbüro
 
Ein fast kirchlich anmutender Bau: die Kunststätte Bossard von außen. Foto: Stahlpress Medienbüro

Die Arbeit an der „Zeitkapsel“ endet nie: Stefanie Nagel ist Restauratorin an der Kunststätte Bossard in der Nordheide

Volker Stahl, Jesteburg. Ideen sind unvergänglich. Doch Kunst geworden, fängt das Material irgendwann an zu brö-ckeln, zu reißen, sich aufzulösen. Auch an aus Stein gehauenen Werken nagt der Zahn der Zeit. So in der Kunststätte Bossard, in deren Mittelpunkt die Tempelanlage mit ihren Bilderzyklen steht – eines der bedeutendsten Bauten des norddeutschen Backsteinexpressionismus. Die Restauratorin Stefanie Nagel arbeitet seit 20 Jahren gegen den Verfall des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Gesamtkunstwerks an. Denn nicht nur alle Lust, auch alle Kunst will Ewigkeit.
„Da bist du ja.“ Mit diesen Worten empfing die hochbetagte Jutta Bossard Anfang der 1990er-Jahre die junge Studentin, die ihr Praxissemester an der Kunststätte absolvieren wollte. „Die Begrüßung hätte befremdlich wirken können, schließlich kannten wir uns nicht“, erinnert sich Stefanie Nagel, „sie war aber in dem Moment ganz natürlich und ist mir als ein besonderer Moment im Gedächtnis geblieben.“ Die alte Dame habe sie „wohl in erster Linie nicht als Ausführende der
Restaurierungsarbeiten wahrgenommen, sondern als Teil des Haushalts“. Die Mahlzeiten wurden zusammen eingenommen und die Arbeiten in den Tagesablauf von Jutta Bossard eingepasst.
Seit 1994, dem Beginn der konservatorischen Arbeiten, ist Stefanie Nagel als Freiberuflerin für die Kunststätte Bossard tätig. Johann Bossard starb 1950, seine Frau Jutta 1996. In ihren letzten beiden Jahren erlebte sie die Gründung einer Stiftung, die sich dem Erhalt des Lebenswerks des Künstlerpaars und der Weiterführung als Museum verschrieben hat. „Das war ihr eine große Beruhigung. Sie hat auch die Restaurierungsbemühungen mit großem Interesse verfolgt“, sagt Stefanie Nagel.
Eine der aufwändigsten Arbeiten, an der die Restauratorin beteiligt war, war die Konservierung der drei Zyklen im 1926 errichteten Kunsttempel. 1928 erschuf Johann Bossard den Zweiten Tempelzyklus. Der beschäftigt sich mit der „Welt des Vororganischen“ und setzt sich aus vier großen, auf Sperrholz gemalten Bildern zusammen, die ausgeklappt werden können. „Die Restaurierungsarbeiten fanden im Tempel statt“, sagt Nagel. Wegen des fragilen Zustands des fast 70 Jahre eingelagerten Werks hatte sich die Kunststättenleitung gegen einen Transport und für die Sanierung vor Ort entschieden.

70 Jahre war Bossards Kunswerk eingelagert

Anders als noch vor 20 Jahren müssen die Mitarbeiter der Kunststätte den Besuchern heute viel mehr vermitteln. Denn ohne die Beschäftigung mit dem intellektuellen Überbau der Bossardschen Kunst – Expressionismus, Lebensreform, Christentum, nordische Mythologie – bliebe vieles im Dunklen. „Der Tempel ist nicht nur eine Zeitkapsel“, sagt die Restauratorin, „sondern auch eine perfekte Einheit aus Malerei, Bildhauerei, Architektur und Kunsthandwerk.“ Sogar die Fliesen wurden von eigener Hand gefertigt.
Allesamt kleine Kunstwerke, die erhalten werden wollen. Allein die Arbeiten am zweiten Zyklus dauerten drei Jahre. Eine Fachwerkstatt bereitete die Malschichtträger – Sperrholztafeln aus industrieller Produktion und Profilhölzer – auf, Stefanie Nagel führte die Arbeiten an der Malschicht durch. Wegen der Minderwertigkeit des Materials, Durchfeuchtung und unsachgemäßer Lagerung waren schon früh Schäden aufgetreten. „Bossard hat am Anfang seines Schaffens Baufehler gemacht“, sagt die 47-Jährige, „er hat zum Beispiel vergessen, Teerpappe zum Schutz der Bauten zu verwenden.“ So kam es an vielen Stellen zu aufsteigender Feuchte. Auch der wegen knapper finanzieller Mittel verwendete Bauschutt, vor allem Backsteinreste, habe dem Bauwerk nicht gut getan. Der Sockel saugte Wasser und platzte an einigen Stellen.

20.000 Kunstinteressierte pilgern jedes Jahr nach Lüllau

Seit der 1996 erfolgten thermischen Bausanierung des bis dato unbeheizbaren Gebäudes werden die Wände nun indirekt erwärmt. Die Hülle des Tempels wurde zuerst saniert. Das Dach aus Pappe war undicht geworden, es tropfte durch. Außerdem hatte Schädlingsbefall durch den „allgemeinen Holzwurm“ die Statik gefährdet. Noch heute wird im Tempel ständig nachgebessert. Stefanie Nagel spricht von „Wartungsarbeiten“. Die Salzausblühungen im Dachbereich sind mittlerweile gestoppt. Nun soll der Fries, die Zierstreifen oberhalb der Gemälde, res-tauriert werden. Er hat Risse.
„Erhalt des Ist-Zustands, aber keine Retuschen“ sei das Ziel der Arbeiten, sagt Nagel, die an der Fachhochschule Hildesheim Restaurierung studiert hat: „Es soll Bossard bleiben, der ästhetische Gesamteindruck nach Möglichkeit nicht verändert werden.“ Seit 1996 seien „unglaubliche Summen“ gestemmt worden, sagt sie. Die Stiftung könnte das allein nicht finanzieren. Eine wichtige Einnahmequelle seien deshalb Besucher, denen nach dem Tod von Jutta Bossard Zugang zum Gesamtkunstwerk gewährt wurde. Im ersten Jahr, noch ohne Werbung, kamen 5.000 Interessierte. In den vergangenen Jahren schon bis zu 20.000.
Dort werkelt Stefanie Nagel nun seit 20 Jahren. „Die Arbeit ist immer noch spannend“, sagt sie, „weil sich in meinem Beruf die Bereiche Kunst, Kunstgeschichte, Architektur, Geschichte, Handwerk und Wissenschaft miteinander verbinden und eine Vielzahl von Materialien und Techniken eine Rolle spielen.“ Der Job in der Kunststätte sei deshalb ihr
„Ideal“. Jutta Bossard hatte das wohl geahnt.

Kasten: Kunststätte Bossard

Auf einem abgelegenen, drei Hektar großen Waldgrundstück in Lüllau bei Jesteburg im Norden der Lüneburger Heide hat das Künstlerpaar Johann und Jutta Bossard zwischen 1912 und 1950 ein Gesamtkunstwerk erschaffen, das seinesgleichen sucht. Gegen die Konventionen des Bürgertums gerichtet, inspiriert von der Lebensreformbewegung, der Mythologie des Nordens und anthroposophischem Gedankengut schufen die Bossards einen sakral anmutenden Ort, an dem sich Kunst und Leben begegnen sollten. Fernab vom Lichtermeer der Großstadt Hamburg – dort arbeitete Bossard als Kunstprofessor – fanden seine Ideen zu Architektur, Kunstgewerbe, Bildhauerei und Gartenkunst hier ihren materiellen Ausdruck.VS
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.