Einmal Lokführer sein

Nick (6, Glinde) erkundet das Führerhaus einer „T3“-Tenderlok, seinerzeit als die „Königin der Neben- und Kleinbahnen“ bekannt. Letzte Exemplare waren bis etwa 1970 im Einsatz. Fotos: Christopher von Savigny
 
Diese wunderbar restaurierte Vorortbahn von 1927 gilt als historisch sehr wertvoll. Sie war bis 1955 im Hamburger S-Bahn-Netz unterwegs. Das Besondere: Jedes Abteil besaß eine Außentür („Abteilwagen“)
Aumühle: Eisenbahnmuseum Aumühle |

Im Eisenbahnmuseum Aumühle werden historische Züge von Ehrenamtlichen restauriert.

Von Christopher von Savigny. Beinahe liebevoll fährt Claus Thiele mit der Hand über die Innenausstattung des Eisenbahnabteils. M„Sehen Sie sich mal diese Leiste an“, sagt er. „Das ist nicht irgendeine Leiste, das ist eine eine preußische Leiste mit speziellen Abmessungen. So etwas wird von uns in Handarbeit nachgebaut!“ Unterwegs auf dem Gelände des Eisenbahnmuseums Aumühle: Als Besucher fühlt man sich in dem Personenwagen der Preußischen Staatsbahn um mindestens 100 Jahre zurückversetzt: Dick gepolsterte Sessel, urige Lampen und ein grobmaschiges Gepäcknetz, in dem ein alter Lederkoffer liegt. Die rot-weiß la-ckierte Notbremse über dem Außenfenster ist mit Jugendstil-ornamenten verziert. Kaum vorstellbar, dass so ein kleines Gerät mit so simpler (Gestänge) -Mechanik einmal dazu gedient haben soll, im Notfall einen ganzen Zug zum Stehen zu bringen. „Dieses Abteil ist weitgehend erhalten geblieben“, erklärt Thiele, Vorstandsmitglied im Verein Verkehrsamateure und Museumbahn (VVM). „Ansonsten gibt es aber noch viel zu tun!“

Zu Demonstrationszwecken öffnet er die Tür der benachbarten Zugtoilette. Dahinter: ein Klo, zugestellt mit Werkzeugen und Ersatzteilen, ein angerostetes, abklappbares Waschbecken aus emailliertem Eisen und an der Wand lauter hübsch verzierte Keramikfliesen, die aber leider ziemlich kaputt sind. „Mit der Reparatur sind zwei Leute von uns drei Jahre lang beschäftigt“, schätzt Thiele. Im Grunde könne man froh sein, den Wagen überhaupt noch gerettet zu haben. „Eigentlich haben wir zu spät mit dem Sammeln begonnen“, erklärt er. Denn in vielen Fällen habe die Bahn ausrangierte Personenwaggons zu Bauzügen umgebaut. „Auf die Weise sind viele wertvolle Originale auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“

Für Kinder ist das Museum ein Mitmach-Paradies

Seit 1971 betreiben Claus Thiele und sein Verein mit derzeit rund 300 Mitgliedern das Eisenbahnmuseum „Lokschuppen Aumühle“, dass sich in fußläufiger Entfernung von der S-Bahnstation Aumühle befindet. Ausgestellt sind Triebwagen und Waggons des Personennah- und Regionalverkehrs wie sie zwischen 1870 und 1950 in Norddeutschland im Einsatz waren. Zu den wichtigsten Exponaten zählen eine preußische „T3“-Tenderlokomotive (Baujahr 1902), eine große Dampflok mit der Bezeichnung „ELE 14“ (1929), sowie eine ganze Reihe von Waggons, die für die Beförderung der Fahrgäste vorgesehen waren. Außerdem S- und Kleinbahnen aus Hamburg und Umgebung. Zum Museum gehören zwei Außenstellen bei Kiel und in Wohldorf.

Sonntags, wenn das Museum geöffnet hat, finden regelmäßig bis zu 300 Interessenten den Weg nach Aumühle. Der Eintritt kostet nichts, Ehrenamtliche wie Thiele geben gerne Auskünfte. Insbesondere für Kinder ist das Museum ein Paradies, da (fast) alles angefasst und ausprobiert werden darf. Zum Mitfahren stehen eine kleine Feldbahn und eine Hebeldraisine zur Verfügung. Zusatzveranstaltungen sowie ein Café in einem historischen Speisewagen runden das Angebot ab. „Die Ausstellung wird einem sehr schön nahe gebracht. Sie geben sich wirklich viel Mühe“, lobt Besucherin Ute van der Linde das Museumskonzept.

Sechs Jahre um einen Zug auf Vordermann zu bringen


Rund 30 der Ehrenamtlichen bilden den harten Kern, die – wann immer es ihre Zeit zulässt – zu Flex, Schweißbrenner oder Pinsel und Farbe greifen, um die Züge auf Vordermann zu bringen. Besucher schlackern regelmäßig mit den Ohren, wenn sie hören, wieviel Zeit allein auf einen einzigen Waggon verwendet wird: „Mit Glück fünf bis sechs Jahre – ohne Einbauten“, sagt Walter Greiffenberger, der gerade ein Stück Blech eingesetzt und mit der Flex glattgeschmirgelt hat. Aber es macht ihm einfach Spaß: „Ich habe mich schon als Kind für Eisenbahnen begeis-tert.“
Neueste und wichtigste Errungenschaft des Museums ist ein stabiles Blechdach auf Stahlstützen, das seit 2012 einen Teil der Gleise vor Regen und Unwetter beschützt. Ohne wäre es nicht mehr gegangen, weil frisch renovierte Waggons viel zu schnell wieder zu rosten begannen. 450.000 Euro hatte die Anschaffung damals gekostet – eine
Unsumme, die allein dank großzügiger Spenden und Fördergelder aufgebracht werden konnte. Auch wenn der Eintritt nichts kostet, ist das Eisenbahnmuseum immer auf Zusatzeinnahmen angewiesen. „Heute zum Beispiel hat sich eine Gruppe von Oldtimer-Fahrern angemeldet“, berichtet Thiele. „Wir veranstalten eine Rallye für die, und hinterher gibt's Kaffee und Kuchen. Dafür kriegen wir dann gutes Geld!“

Eisenbahnmuseum Lokschuppen Aumühle

Am Mühlenteich, 21521 Aumühle, geöffnet sonntags 11-17 Uhr. Außer an besonderen Veranstaltungstagen ist der Eintritt frei. Spenden sind
erwünscht.
www.vvm-museumsbahn.de
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