Eine Stadt sieht einen Film

Tischfußball-Weltmeister 1998: Florian Lienkamp. Er doubelte die Kicker-Szene in „Absolute Giganten“. Foto: Lienkamp

14 Kinos der Stadt zeigen am 24. April Absolute Giganten, bei dem Florian Lienkamp die legendäre Tischfußball-Szene doubelte

Tag der Giganten: Mit einer bislang einmaligen Aktion feiern 14 Programmkinos einen der schönsten Hamburg-Filme überhaupt. Am Sonntag, 24. April, wird „Absolute Giganten“ ab 11 Uhr im 3001, Abaton, Alabama, B-Movie, Blankeneser Kino, Filmraum Eimsbüttel, Koralle, Lichtmeß, Magazin, Metropolis, Passage, Savoy, Studio und in den Zeise Kinos gezeigt. Wer dabei sein will, muss sich ranhalten: 500 Karten sind verkauft, die Vorstellung im Abaton ist bereits ausverkauft. Im Lichtmeß-Kino in Ottensen sind Regisseur Sebastian Schipper, Guido A. Schick (er spielt Dulle) und Kickerdouble und Weltmeister Florian Lienkamp um 14 Uhr zu Gast. Dort findet im Anschluss an die Vorführung ein Kickerturnier statt.
Terminübersicht unter www.eine-stadt-sieht-einen-film.de

Der Film: „Absolute Giganten“ gewann 2000 den Deutschen Filmpreis. In Hamburg waren die Vorstellungen gut besucht, doch bundesweit blieb er eher ein Geheimtipp. Als er einige Zeit nicht auf DVD erhältlich war, zahlten Fans 40 bis 70 Euro für eine Kopie im Internet.

Die Stadt als Filmkulisse:
Schipper drehte in Steinwerder, Langenfelde, auf St. Pauli und im Osdorfer Born. „Selten sah Hamburg so verführerisch und verlottert zugleich aus: vom Hafen über den alten Elbtunnel, von der Reeperbahn bis zur Hochhaussiedlung breitet sich die Stadt aus wie ein einziges großes Versprechen“, schreibt das Obdachlosenmagazin „Hinz & Kunzt“.

Die Schauspieler: Florian Lukas (Ricco) spielte in „Good Bye, Lenin“. Antoine Moinot junior (Walter) ist in „Ein Fall für zwei“ im ZDF zu sehen und als bärtige Werbefigur „Tech-Nick“. Julia Hummer (Telse) spielte 2005 in Christian Petzolds Film „Gespenster“. Frank Giering (Floyd) starb 2010 an einer Gallenkolik.

Der Tischfußball-Weltmeister: 1998 war das Jahr von Florian Lienkamp. Der Hamburger wurde Weltmeister im Doppel und durfte in „Absolute Giganten“ die berühmte Szene mit dem Torwarttrick doubeln.
Lienkamps Tischfußball-Lehrmeister Thorsten Petersen war 1993 und 1995 Europameister. Er beriet Schipper, der in seinem ersten großen Kinofilm von einer langen Kickerszene träumte. Schipper wollte das Spiel mit einem Torwarttrick beenden und freute sich wie ein kleiner Junge, als Lienkamp ihm sagte, dass er das hinbekommt.
Sie drehten die Szene von oben mit einer speziellen Kamera für die Superzeitlupe – nach 30 Sekunden war eine Filmrolle durchgelaufen. „Das Surren der Kamera war unglaublich laut“, erinnert sich Lienkamp. Er traf mehrere Male, Schipper entschied sich für einen Schuss, bei dem der Ball fast noch aus dem Tor herausrollte.
Der Tisch stand in der Zoë Bar in der Clemens-Schultz-Straße, die mittlerweile „Möwe Sturzflug“ heißt. Lienkamp, Inhaber einer Sitzplatzdauerkarte beim FC St. Pauli, feierte mit der Crew des Films anschließend eine Party in Rufweite zum Stadion. Einige Jahre später drehte Fatih Akin Teile von „Gegen die Wand“ im Zoë. Gibt nur wenige Kneipen, die Schauplätze zweier solcher Filme sind. Die Szene aus Schippers Debütfilm gilt immer noch als die schönste verfilmte Tischfußball-Sequenz überhaupt.
Als „Absolute Giganten“ 1999 Premiere hatte, saß Lienkamp im Publikum. Beim Torwarttrick gab es Szenenapplaus. Er schaute sich den Abspann bis zum Ende an. Wirklich jeder, der bei den Dreh-arbeiten dabei war, wurde namentlich erwähnt – bis auf ihn. „Ich dachte schon: Schade, die haben dich vergessen.“ Als alles vorbei war, stand da mit großer Schrift: „Danke an den Tischfußball-Weltmeister Florian Lienkamp.“

Trailer des Films

Absolute Giganten

Der erste Kinofilm des Regisseurs Sebastian Schipper ist 76 Minuten lang, zehn davon sind ein Showdown am Kickertisch. Floyd zieht die ganze Nacht mit seinen Kumpels Ricco und Walter durch Hamburg. Es ist das vorläufige Ende ihrer Freundschaft. Floyd hat auf einem Containerschiff angeheuert, das am nächsten Morgen ablegen wird.
In einem dunklen Keller fordern sie den Schnauzbartträger Snake. Es geht um 420 Mark. Ihr letztes Geld. Snake sieht Floyd vor dem Einwurf lange in die Augen. Der versucht, dem Blick standzuhalten. Schuss der Mittelreihe: 1:0. Kameramann Frank Griebe filmt in Originalgeschwindigkeit von oben: Snakes Angriff trifft links unten, 2:0. Ricco im Tor schaut hoch, als sich Snake am Ohr kratzt. Als er den Torwart loslässt, heißt es 3:0. Ein mieser Trick. Floyds Angriffsreihe rettet wenigstens die Ehre: Nur noch 3:1. Snake, Mitte, und Snake, Angriff, es steht 5:1. Beim nächsten Gegentor sind die Jungs ihr ganzes Geld los. Ricco, der nicht an mangelndem Selbstvertrauen leidet, versucht den Torwarttrick und haut sich den Ball selber rein. Snake steckt die Geldscheine in seinen Lederhandschuh ein und haut mit seinem Milchshake ab.
Walter holt ihn zurück, legt einen Autoschlüssel auf den Tisch. Er setzt seinen Ford Granada, Baujahr 1974, Vinyldach, erweitert um ein australisches V8-Motor-Aggregat. Die Jungs schwitzen, es geht um alles. Die Kamera geht nun ganz dicht dran, ist auf Ballhöhe. 5:4 für Snake, aber in diesem Spiel gelten Spezialregeln. Torwarttore zählen doppelt. Ricco muss es also noch mal versuchen mit dem Torwarttrick, der eigentlich ein Angeberschuss ist. Jeder kleine Kratzer in der Oberfläche ist zu sehen, als die Plastikkugel über der Torlatte eingeklemmt ist. Superzeitlupe von oben. Es klackt zweimal, als der Ball im Tor hin- und herrollt.
Schipper hat jeden einzelnen Spielzug zuvor eigenhändig aufgezeichnet. Der Perfektionist weiß: Wenn die da oben mit dem Gesicht etwas anderes machen, als die Hände am Tisch, würde es nicht funktionieren. Aber es funktioniert, weil Schipper den Schauspielern Spielzug für Spielzug erklärt, wie die Tischfußballer schießen werden. Auch die Kamerafahrten von Griebe sind fantastisch: Mit einer Art Schnorchel filmt er den Ball mitten im Tisch und seitlich durch eine Plexiglasscheibe. Neben Thorsten Petersen und Florian Lienkamp spielen Hermann Bredekorn und Stefan Schatz, die beide im Abspann allerdings nicht erwähnt werden. MG
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