Eine große Persönlichkeit

Kleiner Mann mit viel Autorität bei großen Tieren: Walter Wulf im Alter von 20 Jahren mit seinen Elefanten beim Circus Hagenbeck (1950).
 
Walter Wulf in Hut und Mantel seines Großvaters. Da war der Junge vier Jahre alt, und es wurde langsam deutlich: Er war für sein Alter auffallend klein.
 
Walter (l.) als Zwölfjähriger - der älteste Bruder von acht Geschwistern. Neben ihm sein Vater, seine Schwester Irmgard, elf Jahre alt, und sein Bruder Heinrich, der auf dem Foto fünf Jahre alt ist. Walter wird kurze Zeit später als „unwertes Leben“ in eine Klinik nach Kiel gebracht - das „Kinder-KZ“, wie er es heute nennt. Noch immer leidet er an den furchtbaren Erinnerungen aus jener Zeit.

Hitlers Helfershelfer wollten ihn als „unwertes Leben“ töten, später wurde er
ein Star beim Zirkus: Der kleinwüchsige Walter Wulf (84) hat ein riesiges Selbstvertrauen.

Von Christiane Handke-Schuller
„Walter, haben die gesagt, du bist so klein, du kommst jetzt mal mit, wir müssen dich untersuchen. Und ich hab gedacht: Gut, denn man los! Ich bin freiwillig mitgegangen.“ De lütt Wulf, wie er in seinem Heimatdorf Altenkrempe genannt wurde, war 1942 zwölf Jahre alt und noch nicht einmal einen Meter groß.

Die sechs Monate danach wird Walter Wulf, heute 84 Jahre alt, nie vergessen. In einem großen schwarzen Auto wurde er in eine „Klinik“ nach Kiel gefahren und dort mit drei anderen Jungen in ein Zimmer gesperrt. Fenster verklebt, kein Türgriff an der Innenseite der Tür. Vier Betten, ein Tisch, kein einziger Stuhl. Wochenlang saßen die Kinder auf dem Fußboden, lehnten sich mit dem Rücken an die Betten, hatten nichts am Leib außer Nacht-hemd, Turnhose und Pantoffeln.

Wulf kam 1942 ins „Kinder-KZ“

Nach den „Untersuchungen“ beim Arzt wachte Walter aus der Bewusstlosigkeit auf, mit roten und blauen Markierungen am Körper, deren Sinn er nicht verstand. Nach jeder Untersuchung ging es ihm schlechter. Wer fragte, bekam Ohrfeigen. „Das war ein Kinder-KZ“, sagt der alte Herr. Seine Stimme zittert als er von den Krankenschwestern spricht, die ihm nicht halfen, sondern immer einen Grund fanden, die Kinder zu quälen. „Manchmal kommt mir das noch hoch ... diese Schwestern ...warum? Hatten die keine Kinder?“ Walter Wulf schweigt, fährt sich mit der Hand übers Gesicht, wie um einen bösen Spuk zu verscheuchen.
Dieser Hölle entkam er nach einem halben Jahr – nur durch großes Glück und den Einfluss eines Ehepaares, das den kleinen Wulf ins Herz geschlossen und in der Partei etwas zu sagen hatte. „Was aus den anderen geworden ist? Ich habe es nie erfahren. Später habe ich den Vater getroffen von einem Jungen, der bei mir im Zimmer war. Der sagte, er habe Nachricht bekommen, sein Sohn sei bei einem Bombenangriff gestorben. Ich hab später nachgeforscht: In dieser Gegend von Kiel ist nie eine Bombe runtergekommen.“

Unwertes Leben? In Altenkrempe, wo Walter aufwuchs, dachte das keiner. Walter war der älteste von acht Geschwistern, fleißig und findig, als einziger in der Familie kleinwüchsig. Schon mit zehn Jahren musste er sich um drei jüngere Schwestern kümmern.

Die Schule war für den intelligenten Jungen ein Leichtes. „Ich wurde sogar als Hilfslehrer eingesetzt für die Jüngeren.“ Hörten die auf ihn? „Ich hatte nie Probleme mit Kindern. Und selbstbewusst war ich“, sagt er und fügt trocken hinzu: „Musste ja.“ Im Dorf konnte der Junge, der viel an Verantwortung mittrug, sich die Anerkennung leicht verdienen.

Das war in Hamburg anders. Dort kannte ihn keiner, als er 18-jährig zur Ausbildung nach Hagenbeck kam – zum Circus Hagenbeck, den es heute nicht mehr gibt. „Damals war ich kleiner als ein Sechsjähriger - und sah auch so aus. In der Straßenbahn hieß es immer: Steh mal auf und lass’ die Erwachsenen sitzen! Und der Schaffner sagte, ich darf nicht allein auf dem Perron stehen – nur in Begleitung eines Erwachsenen.“ Wie reagierte er? „Wütend! Dass die Leute nicht genau hinsahen und erkannten, dass ich erwachsen war!“

Mit 35 wuchs er auf 1,45 Meter

Mit 18 Jahren und 104 Zentimetern begann er bei Hagenbeck. Weitergewachsen ist er bis zum Alter von 35 Jahren. Heute misst Walter Wulf 145 Zentimeter. Immer noch zu klein für den gewöhnlichen Alltag. Aber er lacht drüber: „Bei meinem Arzt gibt es keine Liege zum Rauf- und Runterfahren - also werde ich auf dem Boden untersucht oder auf einem Stuhl.“ Und die Oberschränke in seiner Küche öffnet er mit Hilfe eines langen Schuhlöffels.

Gelernt hat er bei Hagenbeck Tierdressur und Artistik. Schnell erwies sich: Walter Wulf hatte ein Herz und ein Händchen für Tiere. Und die dankten es ihm. De lütt Wulf wurde mit seinen Auftritten in der Manege berühmt, seine Tiernummern suchten ihresgleichen. „Ob Elefanten oder Ziegen – das ist das gleiche: Ich muss den Charakter des Tieres kennenlernen und es muss meinen kennenlernen.“ Angriffen von Menschen war Wulf immer wieder ausgesetzt, „aber ich habe kein einziges Mal einen Angriff von Tieren erlebt“.

1953 wechselte er zu Schneiders Liliputaner Zirkus, einer fahrenden Revue, die ausschließlich mit kleinen Menschen arbeitete. Walter Wulf brachte seine Tiere und all sein Wissen mit. Inzwischen war er so gut in das Zirkusgeschäft eingearbeitet, dass er die graue Eminenz hinter Zirkusdirektor Erich Schneider wurde. Wulf war der Mann, der alles konnte und machte, der Ideen in die Praxis umsetzte, Menschen und Tiere auf Trab hielt. Erfolg hatte er, sogar Macht, weil Schneider auf ihn angewiesen war. Wulf war jemand, Zeitungen schrieben über ihn. Wirklich zufrieden war er nicht: „Wir Kleinen wurden doch nur als Geldmaschine gebraucht. Das mit der glücklichen Familie der kleinen Leute – das war nur nach außen hin, nur gespielt.“

„Liebe Liliputaner, ich heirate!“


Dazu kam: De lütt Wulf hatte sich verliebt. In Ilse, eine wunderschöne Artistin, 1.65 Meter groß. Und Ilse liebte ihn. Es kam zum Krach mit Zirkusdirektor Schneider, der Ilse fragte: „Schöne Frau, was finden Sie bloß an dem kleinen Gnom?“ Walter Wulf grinst noch heute, wenn er erzählt, was dann passierte: „Sie hat ihm gesagt, der kleine Gnom sei ihr lieber als jeder andere. Und hat ihn angespuckt.“ Von dem Tag an wusste Wulf: Die Zeiten bei Schneiders Liliputaner Zirkus waren vorbei. Schweren Herzens ließ er 1958 seine Ponies zurück und sagte seinen Mitarbeitern: „Liebe Liliputaner, ich bleib zu Hause und heirate meine Ilse.“ Es wurde, bis zu Ilses Tod 1997, eine lange, glückliche Ehe.

Auch als sesshafter Mensch blieb de lütt Wulf erfolgreich und kreativ, arbeitete bei Coca Cola und bei der Holsten Brauerei, zuletzt als Schildermaler. Aber das ist eine andere Geschichte ... Heute lebt er um die Ecke von der Holsten Brauerei, umsorgt von seinem Sohn Peter, der seinen Vater in der Größe am Tag der Einschulung überholt hat und heute 1.90 Meter groß ist. Wie war es, so einen kleinen Vater zu haben? Peter: „Darüber habe ich mir nie auch nur einen einzigen Gedanken gemacht.“

„de lütt Wulf“: Walter Wulfs Autobiographie „de lütt Wulf“ ist für 15 Euro inklusive Verpackung und Versand erhältlich. Bestellungen und Informationen: info@web-wulf.de oder Tel. 0176 49 43 05 15

Kinder-„Euthanasie“ im Nationalsozialismus: Als Folge der NS-Rassenideologie wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs mit der organisierten Tötung von geistig und körperlich behinderten Kindern und Jugendlichen begonnen. Sie galten als „unwertes Leben“. In über 30 sogenannten „Kinderfachabteilungen“ starben mindestens 5.000 Menschen, in Hamburg unter anderem im Kinderkrankenhaus Rothenburgsort. An den Kindern wurden vor der Tötung „medizinische Forschungen“ durchgeführt. Nur wenige der beteiligten Ärzte und Mitglieder des Pflegepersonals wurden später vor Gericht zur Verantwortung gezogen. Die meisten Täter konnten nach dem Krieg weiter medizinisch tätig sein.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.