Ein Vertrag mit Neptun

Er war Marineoffizier an Bord des Segelschulschiffs Gorch Fock: Kapitän Torben Hass. Fotos: Stahlpress Medienbüro
 
Ohne geht es nicht: Das Schiffstagebuch.

Die 1931 erbaute Undine ist das einzige Segelfrachtschiff Deutschlands. Für das Elbe Wochenblatt mit an Bord: die Landratte Volker Stahl.

Von Volker Stahl. Der Himmel über der Hansestadt ist grau in grau, leichter Nieselregen, Temperaturen um den Gefrierpunkt – Hamburger Schietwetter. Trotzdem haben sich zahlreiche Schaulustige versammelt, um den 37 Meter langen Gaffelschoner zu bestaunen. Ein Mann fragt: „Gibt es auch Einzelkabinen? Meine Frau braucht das!” Der Kapitän Torben Hass reagiert belustigt, schlägt vor: „Mieten Sie doch den ganzen Kahn!“
An Bord haben sich neben der vierköpfigen Mannschaft acht segelerfahrene Mitreisende und die Landratte eingefunden. Um 14.30 Uhr legt das mit Kaminholz und einem Fass Rum beladene Schiff im Museumshafen Oevelgönne ab. Zwei Schweinswale bilden ein Spalier – bis das Knattern des 120 PS starken Dieselmotors sie langsam vertreibt. Die Maschine schlucke zehn Liter pro Stunde, erzählt der Kapitän, aber das sei nichts im Vergleich zu den irrsinnigen Mengen, die Lastwagen auf der Straße verbrauchten. Sein Ziel: vier Fünftel der Strecke zu segeln. „Im Sommer schaffen wir das wohl“, sagt der Kapitän, der mit dem Prädikat „guaranteed handsailed“ wirbt.
Die Fahrgäste bezahlen für den Törn 99 Euro. Hass’ Haupterwerbsquelle ist aber das Verschiffen von Ladung. „Ich transportiere zum selben Preis wie auf der Straße“, sagt der Kapitän. Maximal 70 Tonnen kann er auf einer Tour mitnehmen, darunter Strandkörbe, Olivenöl, Spirituosen, Steine, Antiquitäten – kurzum: fast alles außer Gefahrgut. Das darf die Undine nicht laden, und Tiefkühlwaren kann sie nicht laden.
Weil es an Deck bitterkalt ist, haben sich die meisten im Roof (dem Deckshaus) eingefunden. Auf dem Tisch stehen zwei große Kannen mit Kaffee, darüber baumeln rustikale Becher an Haken. Die Enge in dem Aufenthaltraum mit Kombüse schafft Nähe. Erste verbale Lockerungsübungen. Bodo, ein kräftiger Rentner mit sonnigem Gemüt, führt sich mit einem Spruch ein: „Meine Eltern haben mir einen kurzen Namen gegeben. Die dachten sich wohl: den kann er sich wenigstens merken, wenn er nicht so schlau ist.“
Es dauert nicht lange, dann ist Bodo, der zwischen 1963 und 1973 selbst zur See gefahren ist, mit jedem per Du. Zuerst geht er auf Tuchfühlung mit Heike aus Niebüll. „So einer hat uns hier noch gefehlt“, sagt die Raumausstatterin trocken. Weitere Mitreisende: der selbstständige Gärtner Holger mit Ehefrau Vera, Werner und Ulrike, zwei Rentner aus den Norden Hamburgs, Stadtplaner Gerhard aus Flensburg und Freundin Simone, die Sport studiert hat.
Während die Undine am Steuerbord liegenden Blankeneser Süllberg vorbeituckert, wärmt sich der Kapitän bei einem Pott Kaffee im Roof auf. Kurz darauf ertönt im Willkomm Höft in Wedel die Nationalhymne für ein vorbeifahrendes Containerschiff. Als kurz vor dem Atomkraftwerk Brokdorf das Segel gesetzt wird, fliegen kleine Eissplitter aus dem Stoff. Mit dem Tidenhub und zehn Knoten Geschwindigkeit wird das Schiff aus der Elbe rausgedrückt. „Wir haben das Gröbste geschafft“, sagt der 22-jährige Decksmann Marvin, der zusammen mit dem Enddreißiger Dirk, ein gelernter Sozialarbeiter, als Matrose auf der Undine angeheuert hat. Beide hören auf das Wort von Anaken-Elisa, die von allen nur „Kena“ genannt wird. Die 1. Offizierin ist 29 und hat das Kapitäns-Patent bereits in der Tasche.
Zur Elbe hat der Kapitän ein besonders Verhältnis. Schon als Kind schipperte der Urenkel eines Werfteigentümers mit Freunden über die Elbe. Über seine Vorfahren hörte er die Geschichte, wie seine Urgroßmutter tagsüber die Fugen von Holzewern geteert hat. Torben Hass ging zur Marine und heuerte später auf der Gorch Fock als Offizier an. Nach einer Zeit als nautischer Sachverständiger wollte er wieder Schiffsplanken unter den Füßen haben und kaufte die Undine, die 30 Jahre lang mit schwer erziehbaren Jugendlichen auf Resozialisierungstour war.
Kurz vor 21.20 Uhr strahlen die Lichter von Cuxhaven, die Nacht ist sternenklar und frostig. Auf der Brücke ist Wachablösung. Dirk geht in die Koje. Geschlafen wird im Vier-Stunden-Rhythmus. Um 23.30 Uhr hat die Undine die Nordsee erreicht. Der Motor wird abgeschaltet, nachdem das Schiff die grüne Baake passiert hat. Jetzt wird gesegelt. Das Areal ist mit seinen vielen Sandbänken nicht ungefährlich. Deshalb verlässt sich der Kapitän nicht nur auf sein nautisches Können, sondern setzt auch auf moderne GPS-Technik. Um 23.45 Uhr kriecht die Kälte langsam wieder in den Roof. Kena legt einen Holzscheit nach. Holger assistiert, hält das Türchen des Bollerofens auf. Kurz nach Mitternacht sind die meisten Passagiere in ihren Kojen verschwunden.
Am nächsten Morgen ist Jungmannensand in Sicht. Gegenüber der Insel Amrum friert eine Gruppe Seehunde bei Windstärke 4. „Ostwind mögen die genauso wenig wie wir“, sagt Heike. Als das Schiff die Südspitze von Hörnum mit dem Leuchtturm am Horizont erscheint, erzählt Heike, dass man oben auf dem Turm „mit traumhaft schönem Ausblick heiraten kann“. Nur ein bisschen eng sei es dort.
Der Hörnumer Hafen ist tideunabhängig angelegt. „Die Schiffe können ohne Wartezeit rein, weil die Kaimauern so gebaut sind, dass das Wasser weder ab- noch zulaufen kann“, erklärt Heike. Das funktioniere wie ein Trichter. „Ne, ne“, ruft Bodo, „das läuft anders: Die haben einen Vertrag mit Neptun.“ Das Ziel ist erreicht. „Anker, Torben“, ruft Marvin.
Zum Abschied spendiert der Kapitän ein Gläschen Rum der Marke „Windjammer“, die das Flensburger Unternehmen Johannsen „zu Ehren der Undine“ abfüllt. „Bisan schot“, ruft Torben Hass und drückt jedem einen „Seemeilen-Nachweis“ in die Hand. Die „Reise 02A“ von Hamburg nach Hörnum ist nach „121,3 sm“ beendet.
Tage später kommt Post von Vera – eine DVD mit den schönsten Impressionen. Titel: „Eine Seereise, die ist lustig …“
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.