Ein Jahr im Himalaya: Meine Begegnung mit einem weisen Sünder

Skalzang Norbu ist 83 Jahre alt und die meisten seiner Zähne wurden gezogen, was ihn aber nicht vom Lachen abhält. Foto: Meret Hoyer

Nach dem Abi ins Ausland: Was Meret aus Harburg in einem Krankenhaus in Indien erlebt – zweiter Teil unser neuen Kolumne

Von Meret Hoyer, Ladakh. Im Sommer blüht der Garten des Altersheimes in allen Farben, und in der Mitte spendet ein großer Baum Schatten, unter dem sich alle 30 Bewohner zwischen 24 und 90 Jahren auf dünnen Decken versammeln. Dort verbringen alle Frauen und Männer den Großteil ihres Tages mit singen, beten und essen.
Auch Skalzang Norbu sitzt im Schneidersitz direkt neben dem dicken Stamm des Baumes, hält in seiner rechten Hand eine Gebetsmühle, die er dreht und murmelt vor sich hin. Auf seinem Schoß liegt die „Dikshak", ein Buch mit buddhistischen Gebeten, das er mit seinem linken Zeigefinger Zeile für Zeile durchgeht.
Der jetzt 83 Jahre alte Mann aus Changtang erzählt, dass er zum Leben das Salz, welches aus Changtangs Salzseen gewonnen wurde, in Leh verkauft hat. Dafür musste er 200 Kilometer zu Fuß zurücklegen und ließ die großen Säcke Salz von seinem Vieh tragen, das er nur mit einem Stock und Schlägen zusammenhalten konnte. Skalzang erzählt mir mit gesenktem Blick, dass er sich für diese Arbeit schämt und durch das Schlagen von Lebewesen Sünden gesammelt hat.
Diese Sünden möchte er loswerden und hat sich von Mönchen das Lesen beibringen lassen, damit er sich auf dem Campus ausschließlich auf das Beten konzentrieren kann. Seit zehn Jahren lebt Skalzang im Mahabodhi Old Age Home und liest seitdem jeden Tag elf Mal die Dikshak.
Und noch in der Sekunde, in der ich mich verabschiede, senkt er seinen Kopf wieder und liest leise vor sich hin. Heute möchte er sein Buch noch sieben weitere Male durchlesen.

Kolumne

Einmal im Monat berichtet Meret Hoyer im Elbe Wochenblatt am Wochenende aus Indien, was sie bei ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr in Indien erlebt. Sie arbeitet im „Mahabodhi Old Age Home" für obdachlose alte, psychisch oder physisch kranke Menschen, deren Familien sich nicht um sie kümmern können.
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