Ein Held nach 70 Jahren

Später Triumph: Ludwig Baumann vor dem Deserteur-Denkmal am Stephansplatz. Fotos: Stahlpress Medienbüro
 
Am Stephansplatz sehen das 76er-Denkmal neben dem Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka. Foto Stahlpress Medienbüro

Nach jahrzehntelangem Streit hat Hamburg jetzt ein Denkmal für Deserteure wie Ludwig Baumann (94) eingeweiht

Von Volker Stahl. Für den heute in Bremen lebenden Ludwig Baumann war die Einweihung des Deserteur-Denkmals am Stephansplatz in seiner Heimatstadt Hamburg ein später Triumph. Im Alter von 19 Jahren wegen „Fahnenflucht im Felde zum Tode verurteilt“, entkam er seinem Henker nur mit viel Glück. Jahrzehntelang setzte sich Baumann als Vorsitzender der „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ für die Rehabilitation der Deserteure ein. Mit der Errichtung des Gedenkorts für Deserteure und andere Opfer der braunen Militärrichter durch den Künstler Volker Lang geht für Baumann ein Traum in Erfüllung. Neben dem neuen Denkmal steht seit 1936 das von Richard Kuöhl erschaffene 76er-Denkmal (siehe Kasten rechts) und das vor 30 Jahren eingeweihte, unvollendet gebliebene Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka.
Diejenigen, die sich an die in den 1980er-Jahren heftig ausgetragenen Auseinandersetzungen um die von vielen Stadtregierungen vehement abgelehnten Denkmale für Deserteure erinnerten, konnten eine gewisse Rührung nicht verbergen. Da erschien Bürgermeister Olaf Scholz nicht nur persönlich zur Denkmaleinweihung, er huldigte auch dem greisen Weltkriegs-Deserteur neben dem „Kriegsklotz“ aus der Nazizeit: „Die Jahre nach dem Krieg müssen für Ludwig Baumann bitter gewesen sein“, sagte Scholz, „während die Militärrichter Karriere machten, musste er sich beschimpfen lassen.“ Der Sozialdemokrat erinnerte daran, dass Baumann bis 2002 als „vorbestraft“ galt. Die 70 Jahre, die bis zu einer angemessenen Würdigung vergangen sind, seien eine „verstörend lange Zeit“, so Scholz, der das von Volker Lang geschaffene Denkmal als „unmissverständliches Zeichen gegen Kriegsverherrlichung und für Zivilcourage“ bezeichnete. „Hamburg hat umgedacht, und das unwiderruflich.“
Sinnbild dieses Umdenkens ist das fragil wirkende, begehbare Kunstwerk in Form eines gleichschenkligen Dreiecks, das den mächtigen Kuöhl-Klotz auf subtile Weise kontrastiert. Zwei von drei Wänden des transparenten Baukörpers werden aus bronzenen Schriftgittern gebildet. Der Text der zusammengeschweißten Versalien stammt aus dem Werk „Deutschland 1944“ des Dichters Helmut Heißenbüttel – im Denkmal auch als Audioinstallation hörbar.

Seine letzten Worte waren „Nie wieder Krieg“

„Die zitierten Beispiele der Willkür des Vernichtungskriegs waren Motive der Desertion. Ihre Darstellung in Form eines Gitters und das gesprochene Wort schaffen eine Differenz zu den beiden anderen Denkmälern“, erklärt der Bildhauer Volker Lang die hinter dem Kunstwerk stehende Idee. Langs Gedenkort vollendet Hrdlickas Versuch, mit dem Bronzerelief „Hamburger Feuersturm“ und der Marmor-skulptur „Fluchtgruppe Cap Arcona“ Kuöhls kriegsverherrlichenden Kalksandsteinklotz mit dem Leiden der Opfer zu konfrontieren, auf intelligente Weise.
Der körperlich gebrechliche, aber geistig hellwache Baumann gedachte anlässlich der Denkmal-Einweihung in einem in freier Rede gehaltenen bewegenden Wortbeitrag an seinen zum Tode verurteilten Freund Kurt Oldenburg: „Seine letzten Worte waren: ,Nie wieder Krieg!’ Das ist mir ein Vermächtnis geworden.“ Doch anfangs sei es ein Kampf gegen Windmühlen gewesen, konstatierte der in der Bundesrepublik lange geächtete Deserteur: „Ich bin beschimpft und von ehemaligen Soldaten verprügelt worden. Ich ging zur Polizei und wurde nochmal zusammengeschlagen.“

Einst als „Vaterlandverräter“ geächtet, heute vom Senat geehrt

Galten Deserteure des Zweiten Weltkriegs noch vor einem Vierteljahrhundert vielen als „Vaterlandsverräter“, so wird Baumann heute mit einem Senatsempfang geehrt. Mit dabei im Rathaus war auch Unterstützer René Senenko vom „Bündnis für ein Hamburger Deserteursdenkmal“. Ihm war es vorbehalten, in seiner Rede daran zu erinnern, dass das Thema Fahnenflucht immer noch hochaktuell ist: „Desertion wird in Deutschland als Asylgrund nicht anerkannt. Wir setzen uns dafür ein, dass Deserteure aller Armeen endlich Asyl bekommen.“ Diese „Kampfansage“ werden die aktuell Regierenden wohl nicht so gerne gehört haben ...

Der „Kriegsklotz“

„Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“: Dass die martialische Inschrift auf dem im März 1936 eingeweihten Denkmal zu Ehren des Infanterie-Regiments Nr. 76 ausgerechnet von einem sogenannten „Arbeiterdichter“ stammt, wissen wohl nur die Wenigsten. Worte wie Donnerschläge, in Stein gemeißelt und von den Initiatoren mit Bedacht auf der stark frequentierten Fußgängerweg auf der Längsseite des Denkmals angebracht.
Die Zeile stammt aus dem Gedicht „Soldatenabschied“ von Heinrich Lersch (1889-1936). Der gelernte Kesselflicker galt seinen Zeitgenossen als politisch unsicherer Kantonist, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit seinen „fanatisch nationalistischen, religiös verbrämten Gedichten“, so die Autoren der 1979 publizierten Broschüre „Ein Kriegsdenkmal in Hamburg“), in die allgemeine Kriegspropaganda einstimmte. Später hing Lersch pazifistischem Gedankengut an, 1933 erfolgte die Rolle rückwärts: Nun besang er die „Soldaten der braunen Armee“ und wurde dafür von der NS-Kulturpropaganda gehätschelt.
Schöpfer des 76er-Denkmals ist der Bildhauer Richard Kuöhl (1880-1961), der zahlreiche Spuren in Hamburgs öffentlichem Raum hinterlassen hat. Kuöhls Baukeramik passte perfekt zu den von Oberbaudirektor Fritz Schumacher präferierten Klinkerbauten. Und so prangt Kuöhls Kunst noch heute an der Finanzbehörde am Gänsemarkt, dem Krematorium auf dem Ohlsdorfer Friedhof und an der Davidwache. Folgerichtig wurde der meistbeschäftigte und bekannteste Bildhauer Hamburgs 1934 mit der Gestaltung des Kriegerdenkmals am Stephansplatz beauftragt.
Bis heute musste der von seinen Gegnern so genannte „Kriegsklotz“ unzählige Male gereinigt werden, weil Protestler ihn mit aufgemalten Parolen und Farbbeutelwürfen traktierten. In den 1980er-Jahren tauchte der Vorschlag auf, das kriegsverherrlichende Denkmal mit einem Gegendenkmal zu kommentieren und so zu befrieden. Das ist mit Alfred Hrdlickas Ensemble und Volker Langs gelungen. VS
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