Ein Haus für 90 Männer

Funktioniert nicht mehr: Die Chinesin Jing Bai hat ihren kaputten Wasserkocher mitgebracht. Joachim Helm, genannt „Joe“, kümmert sich drum. Fotos: cvs
 
Sie engagieren sich ehrenamtlich für das Haus in der Rehhoffstraße: die Vereinsmitglieder Jade Jacobs und Andreas Kroneder, hier mit Bewohner Michael Stenger (v. li.).

Ehrenamtliche kümmern sich um milieugeschütztes „Ledigenheim“ in der Neustadt.

Von Christopher von Savigny, Hamburg. Im Gemeinschaftsraum des Ledigenhauses in der Rehhoffstraße hat Joachim Helm, genannt „Joe“, ein Arsenal von Lautsprechern aufgebaut. Zu den Prunkstücken zählen zwei knapp quadratmetergroße, ultraflache Teile, die sich „ESL“ oder „elektrostatische Lautsprecher“ nennen. Deren Tonqualität lässt HiFi-Fachleute regelmäßig in Verzückung geraten: „Bei Live-Aufnahmen kann man sogar hören, wenn das Mikro angeht“, schwärmt Joe, ein uriger Mittsechziger, der früher als Radioelektroniker gearbeitet hat. Seit knapp einem Jahr stellt Joe sein Wissen dem Verein Ros e.V. gratis zur Verfügung. Einmal pro Monat kreuzt er mit seinem Equipment in der Rehhoffstraße auf und hilft interessierten Laien bei der Reparatur von alten Plattenspielern und Tonbandgeräten. Im Wechsel dazu bietet er einen Elektronik-Workshop an.
Das Ledigenheim in der Hamburger Neustadt gilt als Paradebeispiel für genossenschaftliche Reformarchitektur – vergangenes Jahr ist der rote Backsteinbau 100 Jahre alt geworden. Anfangs dienten die 104 kleinen, nur acht Quadratmeter großen Zimmer Seeleuten und alleinstehenden Arbeitern als Unterkunft. Inzwischen besteht jedoch ein großer Teil der Bewohnerschaft aus ehemaligen Obdachlosen, die über das Sozialamt vermittelt werden. Die Folge: Kaum einer kennt den anderen, Streitereien sind nichts Ungewöhnliches. Die vor elf Jahren gegründete Initiative Ros. e. V. versucht, die Situation zu verbessern: „Unser Ziel ist es, ein Gemeinschaftsleben zu etablieren“, sagt Andreas Kroneder, einer der drei Köpfe der Gruppe.
Zusätzlich hat der Verein im April letzten Jahres ein Veranstaltungsprogramm auf die Beine gestellt, das das Ledigenhaus in der Öffentlichkeit bekannter machen soll: Dazu zählen der Elektronik- und der HiFi-Bastel-Workshop, Konzerte, Filmabende und gemeinsame Essen. Die einmal pro Monat angebotene „Voküisine“ hatte zuletzt rund 50 Gäste. Zubereitet werden ausschließlich vegetarische Gerichte mit Zutaten aus kontrolliertem Anbau. Alle Veranstaltungen sind kostenlos, Spenden werden gerne entgegengenommen. Damit finanziert der Verein seine Ausgaben und die Raummiete.
Joe hat die letzte halbe Stunde damit zugebracht, einen in die Jahre gekommenen Plattenspieler zu justieren. Geduldig erklärt er, wie das Gewicht des Tonarms und der Anti-Skating-Mechanismus eingestellt werden. Eine junge Frau hat ihren kaputten Wasserkocher mitgebracht. „Die Kontakte sind kaputt“, erklärt Joe nach kurzem Blick auf das Küchengerät. „Da ist leider nichts zu machen.“ Doch dann läuft der Kocher mit einem Mal wieder – einfach so, ohne das jemand etwas daran repariert hätte. Manchmal hilft es offenbar schon, wenn der Fachmann nur mal eben seine Hände dranhält.
Wie es mit dem Ledigenhaus weitergeht, ist unklar: Vor gut drei Jahren kaufte der dänische Investor Core Property Management das Gebäude in der Rehhoffstraße. Aus ihren Absichten macht die Firma, die etliche weitere Altbauten in der Neustadt besitzt, kein Geheimnis: „Ziel ist es, gut gelegene Liegenschaften (...) zu bekommen, die für eine Umwandlung in Eigentumswohnungen geeignet sind“, heißt es auf der Homepage. Doch die Planungen liegen auf Eis, weil der Bezirk Mitte eine soziale Erhaltungsverordnung erlassen hat. Größere Umbauten – und erst recht Verkäufe an Privatleute – werden dadurch praktisch ausgeschlossen. Derzeit leben 90 Männer im Ledigenhaus, ein großer Teil davon ist erst im letzten Jahr eingezogen. Die Mieten liegen zwischen 150 und 250 Euro pro Zimmer, je nach Alter des Mietvertrags. Der Zustand der Räume ist allerdings miserabel: An vielen Stellen platzt die Farbe ab, sämtliche sanitären Einrichtungen sind veraltet. Lediglich leerstehende Zimmer wurden notdürftig geweißelt. Langfristig möchte Ros e. V. das Haus in eine gemeinnützige Trägerschaft überführen. Core Property Management zeigte sich zuletzt gesprächsbereit. Offenbar laufen sogar schon Verhandlungen mit der Stadt, in denen es um einen Wiederverkauf geht.
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
237
Manfred Hagel aus Harburg | 18.02.2013 | 09:47  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.