Ein Flüchtlingsschicksal

Kolumne: Dem Harburger Flaneur fällt einiges auf …

Vom Harburger Flaneur. Auf dem Schwarzenberg hausen einige hundert Flüchtlinge. Die Harburger sind gepalten. Einige haben Angst vor Überfremdung. Einige sind ausgesprochen fremdenfeindlich.
Andere – und dazu gehört unser Flaneur – mögen das Grau des Harburger Lebens, die Eintönigkeit nicht so sehr und finden, die Flüchtlinge bringen Farbe und Abwechslung in das Bild des Stadtteils.
Mit einem hat der Flaneur sich angefreundet.
S., um die 50, Ingenieur und gläubiger Moslem, ist ein gutaussehender Mann aus Syrien.
Und wie war das in Damas-kus?
Was er erzählt, ist schwer vorstellbar für uns im friedlichen Harburg.
Strom und Wasser gibt es nur ein paar Mal in der Woche. Die Autobahn ist nicht befahrbar. Der Flughafen ist außer Betrieb und nur für das Militär geöffnet. Werden sie ins Krankenhaus mit schweren Verwundungen eingeliefert, bluten sie zu Tode. Keine Schulen mehr für die Kinder. Im Fernsehen und Radio nur Propaganda. (Die einzigen zuverlässigen Nachrichten kommen über das Netz.) Jedes Mal, wenn sie das Haus verlassen, riskieren sie den Tod durch Erschießen. Alle Moscheen sind zerstört.
Eine Episode in seiner Erzählung bleibt in Erinnerung haften. Als er auf seiner Flucht den Hafen im Süden der Türkei erreichte, konnte er drei Nächte nicht schlafen. Keine Bombenexplosionen! Keine Gewehrschüsse! Die nächtliche Stille war ihm unheimlich.
Von dort aus war er – gegen einen kriminell hohen Geldbetrag – elf Tage im Schlepperboot nach Italien unterwegs. Sie waren unter Deck eingepfercht in den Raum, wo normalerweise der Fischfang gelagert wurde. Keine Toilette, keine Möglichkeit sich zu waschen. Die letzten drei Tage der Überfahrt gab es überhaupt nichts zu essen. Appetit auf das vorher angebotene „Essen“ hatten sowieso nur wenige.
Nahe Neapel angekommen, hatten die Italiener keine richtige Unterkunft für sie bereit. Also ging die Reise weiter mit der Bahn nach Deutschland. S. hat einen Ausweis, der es ihm erlaubt, bis 15.1. in Hamburg zu bleiben. Am 8.1. hat er eine Anhörung. Entscheidet der Richter positiv, so kann er drei Jahre lang in Deutschland bleiben und versuchen sich zu etablieren. Entscheidet der Richter negativ, muss er zurück nach Italien, falls die Italiener ihn aufnehmen wollen.
Die völlige Unsicherheit also. Wie lebt er damit? Wie kann er damit schlafen? Der Flaneur hatte den Eindruck, das hänge mit seinem Glauben zusammen. Solange er betet – was er tut – wird Allah ihn nicht im Stich lassen.
Was wünscht er sich? Dass er Arbeit findet (er ist bereit alles zu machen) und genug Geld verdient, so dass er seine Frau, Ingenieurin auch, nach Europa bringen kann.Haben wir es gut!
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