Ein Festessen für Bakterien

Die zehn Faultürme das Klärwerks Köhlbrandhöft fassen jeweils 8.000 Kubikmeter Klärschlamm. Fotos: cvs
 
Stinkende Brühe: Aus dieser braunen Suppe wurde bislang lediglich der grobe Schmutz entfernt.

Das Klärwerk Köhlbrandhöft verarbeitet Faulschlamm zu Strom und Wärme.

Christopher von Savigny.
Hoch oben auf den Faultürmen des Klärwerks Köhlbrandhöft weht dem Besucher ein erstaunlich frischer Wind um die Nase. Knapp 21 Prozent Sauerstoffsättigung zeigt das Warngerät von Ingenieur Hendrik Schurig an. Das ist beruhigend. Einmal tief durchatmen bitte! Mindestens genauso wichtig sind die anderen beiden Zahlen: Methan null Prozent, Schwefelwasserstoff ebenfalls null Prozent. Anders sieht's an windstillen Tagen aus. „Dann gehen die Werte ganz schnell nach oben“, sagt Schurig. In solchen Fällen wird das kleine Gerät zur Überlebenshilfe. Zuviel Schwefelwasserstoff bedeutet Vergiftungsgefahr, bei Methanüberschuss droht gar eine Explosion. Bevor es soweit ist, fängt der Warner laut an zu piepsen.
Im Innern der 25 Meter großen „Faul-Eier“ des Klärwerks fressen sich derweil die Bakterien „Methanobacter“ und „Acetobacter“ durch 80.000 Kubikmeter Schlamm hindurch. Innerhalb eines Jahres produzieren sie rund 35 Millionen Kubikmeter Faulgas. Eine Gasturbine und ein Gasmotor verarbeiten das explosive Luft-Methan Gemisch zu Strom und Wärme. Damit werden die Faultürme auf bakterienfreundliche 35 Grad angeheizt. Auch die Fahrzeugflotte von Hamburgs Wasserver- und -entsorger „Hamburg Wasser“ fährt neuerdings mit selbst erzeugtem Biogas. Was an Energie übrig ist, wird gewinnbringend in Hamburgs Netze eingespeist.
Das Klärwerk Köhlbrandhöft, dessen eiförmige Türme man auch von der anderen Elbseite aus deutlich erkennen kann, gilt als die größte Wasseraufbereitungsanlage Deutschlands. Alles, was durch Hamburgs Toiletten, Waschbecken und Waschmaschinen fließt, landet letztlich in Steinwerder. Dazu kommen sämtliche Abwässer von Industrie und Gewerbe. Sechs tonnenschwere Schraubenpumpen befördern die dreckige Brühe aus den Sielen in 20 Metern Tiefe hinauf an die Oberfläche. Innerhalb von nur einem Tag wird das Wasser mechanisch durchgesiebt, chemisch gereinigt und biologisch wieder so weit aufbereitet, dass es zurück in die Elbe geleitet werden kann.
Im ersten Reinigungsschritt durchläuft das Abwasser eine Rechenanlage, die jegliche Art von Müll heraussiebt. Dabei treten die merkwürdigsten Fundstücke zu Tage: eine Garnitur dritter Zähne zum Beispiel, oder ein altes Bügeleisen. „Wir haben auch schon mal ein altes Fahrrad gefunden“, berichtet Schurig. Die interessantesten Teile dienen als Anschauungsmaterial, wenn Schulklassen zu Besuch kommen.
Anschließend wird die trübe Brühe durch mehrere Klärbecken geleitet, in denen sich Sand und Schwebstoffe absetzen können. Der entstandene Matsch findet später als Faulschlamm Verwendung.
Im letzten Schritt werden Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen abgebaut. Dies geschieht in sogenannten „Belebungsbecken“, die sich größtenteils im zugehörigen Klärwerk Dradenau auf der gegenüberliegenden Seite des Köhlbrands befinden. Ein 2,3 Kilometer langes Siel („Düker“) befördert die nasse Fracht hinüber.
Durchschnittlich vier bis fünf Kubikmeter Abwasser pro Sekunde kommen im Klärwerk an, nach starken Regenfällen können es bis zu knapp 20 Kubikmeter werden. In solchen Fällen heißt es Höchsteinsatz für Mensch und Mikrobe. „Dann muss hier alles funktionieren“, sagt Schurig.
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