Ein bunter Vogel wird 40 Jahre alt

Stuckverzierter Altbau: Das Kölibri ist in den Räumen eines ehemaligen Möbelgeschäfts zu Hause. Fotos: cvs
 
Stoffkunst: GWA-Mitarbeiterin Rike Salow beim Bedrucken eines T-Shirts.

Stadtteilzentrum auf St. Pauli: Die GWA und das Kölibri feiern Geburtstag

Von Christopher von Savigny. Mit einer sogenannten Gummirakel presst Rike Salow die schwarze Masse durch die Maschen des Siebdruckgewebes. „Sobald die Farbe getro-cknet ist, kann man das Kleidungsstück überstreifen und den Menschen auf der Straße zeigen, wo man zu Hause ist: „Seht her“, sagt das T-Shirt mit dem stilisierten Abbild des ehemaligen Frappant in der Neuen Großen Bergstraße. "Ich bin ein Altonaer!" Andere Motive zeigen die inzwischen abgerissenen Essohäuser und den Astra-Turm an der Reeperbahn. Keine Frage, hier scheint ein St.-Paulianer unterwegs zu sein - oder zumindest einer, der etwas für den Stadtteil übrig hat.

Gegen Gentrifizierung und Privatisierungen des öffentlichen Raums

Politische Stadtteilarbeit war schon immer ein wesentliches Ziel der Gemeinwesenarbeit (GWA) St. Pauli, die in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feiert. Wichtigster Anlaufpunkt des Vereins ist das Kölibri, ein Stadtteilzentrum am Hein-Köllisch-Platz, kieznah und dennoch ruhig gelegen. Als vor rund zwei Jahren Anwohner und Investoren um die Zukunft der Essohäuser stritten, organisierte die Einrichtung eine „Woche der Protestkultur“ mit Veranstaltungen rund um die Themen „Gentrifizierung“ und „Privatisierung des öffentlichen Raums“. Auch für den Erhalt der örtlichen Bücherhalle und für Flüchtlinge setzte sich die GWA ein.
An diesem Sonntag ist der fünf Meter hohe, stuckverzierte Altbausaal an der Ecke Trommelstraße/Silbersack-twiete von jungen Familien bevölkert. Zum gemeinsamen Frühstück haben die Besucher Brötchen, Salate und Gemüsesticks mitgebracht. Wer nichts Essbares beisteuern kann, wirft einen Obolus in die Spendenkasse. Kinder toben auf dem Fußboden herum, in einer mit Kissen und Matratzen ausgepolsterten Ecke liest eine Mutter ihren Kindern vor. Erwachsene können ihre Kleidungsstücke kostenlos bedrucken lassen und mit nach Hause nehmen. „Essen und Kultur - das ist so ein bisschen das Markenzeichen des Kölibri“, sagt GWA-Geschäftsführer Ralf Henningsmeyer.

Statt Mittagstisch nun eben Stadtteilfrühstück

Das Stadtteilfrühstück steht erst seit Kurzem auf dem Programm – als Ersatz für den wöchentlichen Mittagstisch, dessen finanzielle Förderung ausgelaufen ist. „Wir haben uns überlegt, wie wir wieder mehr Leute zusammenbringen können und sind auf das Frühstück gekommen“, sagt Henningsmeyer. Allem Anschein nach eine gute Idee: Bis in den Nachmittag hinein wird geklönt und Kaffee getrunken. „Ich finde es schön, dass das Kölibri für alle offen ist“, sagt Karoline Plothe. „Und die Kinder haben viel Platz, sich auszutoben.“ Anja Feyerabend findet: „Das Kölibri leistet hervorragende Stadtteilarbeit. Die Veranstaltungsthemen sind hochaktuell und sprechen alle Bevölkerungsgruppen an.“
Mit einer Studenteninitiative zur Unterstützung von Obdachlosen hatte die Arbeit der GWA begonnen. Doch erst, als die Einrichtung 1975 von Altona-Nord nach St. Pauli umzog, entwickelte sich nach und nach ein breites Programm mit Kulturveranstaltungen, Kursen und Beratungsangeboten. Das Kölibri befindet sich seit 1989 an seinem heutigen Standort. Ein kleiner, Nektar trinkender Vogel und das „ö“ von St.-Pauli-Humorist Hein Köllisch standen Pate bei der Namensgebung. „Ich finde, das passt“, sagt Henningsmeyer. „Der Stadtteil ist ja auch so bunt und vielfältig.“

Die GWA lebt von Spenden und Stiftungsgeldern

Viele der anderen GWA-Einrichtungen tragen ebenfalls Vogelnamen: Das „Adebar“ ist ein Familienzentrum in Altona, „Ibis“ (St. Pauli) bietet unter anderem ambulante Erziehungshilfen für Jugendliche an. Zur GWA gehören darüber hinaus der Bauspielplatz „Baui Hexenberg“ und eine Fahrradwerkstatt. Mit Leseförderung, Hausaufgabenhilfe, Sport- und Freizeitangeboten nimmt das Programm für Kinder und Jugendliche einen großen Anteil ein.
Über 30 Festangestellte und noch einmal so viele Ehrenamtliche kümmern sich um den Betrieb der einzelnen Standorte. Die GWA finanziert sich über Spenden und Stiftungsgelder, zusätzlich erhält sie Unterstützung vom Jugendamt Altona und der Kulturbehörde.

GWA St. Pauli Süd

Stadtteilzentrum Kölibri, Hein-Köllisch-Platz 11
Tel. 319 36 23
www.gwa-stpauli.de
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