Ein Bulle namens Schmusi

Günter Garbers strahlt, wenn er seinen Bullen Schmusi mit frischem Futter versorgt. Fotos: Volker Stahl
 
Schmusi grast momentan noch alleine: Die drei Ochsen nebenan ignoriert er.

Der ehemalige Schäfer Günter Garbers rettet Rinder, Schweine und Schafe vor dem Schlachter

Von Volker Stahl. Die idyllisch in der Samtgemeinde Hanstedt gelegene Weide ist nur über einen Feldweg zu erreichen, der abrupt endet. Ein Mähdrescher tuckert über die goldgelben Felder. Hinter dem Gatter des von Brennnesseln gesäumten Verschlags wartet „Schmusi“ an dem sonnigen Spätsommertag auf seinen Besitzer Günter Garbers – es ist Futterzeit. Zur Begrüßung leckt der 600 Kilogramm schwere schottische Highland-Bulle freudig erregt die ihm entgegen gestreckte Hand, Speichel tropft aus dem rosa Maul. „Er weiß genau, dass ich ihm das Leben gerettet habe“, erklärt der 62-jährige Mann mit dem Schäferhut die artübergreifende Zuneigung. Ohne Garbers wäre Schmusi heute ein Steak.

Schmusi – der Name für ein vierjähriges unkastriertes Hochlandrind ist eine Provokation, kuscheln mit dem Bullen ist nicht angeraten. Deshalb warnt Garbers Besucher und Spaziergänger eindringlich, die Weide zu betreten. Ein Hieb mit den spitzen Hörnern kann tödlich sein. Sein Vorbesitzer hatte die Riesenkräfte des Bullen zu spüren bekommen. Er wurde lebensgefährlich verletzt – obwohl er das Tier mit der Flasche groß gezogen hatte, weil es von der Mutter verstoßen worden war.

Wegen der brutalen Attacke sollte das Tier getötet werden, der Termin war schon festgesetzt. Garbers hörte davon und rettete den Bullen vor dem Bolzenschuss: „Als ich ihm in der Todeszelle in die Augen sah, wusste ich, dass er nicht böse ist. Er leckte meine Hand, als wollte er sagen: Günter, hol’ mich hier ’raus!“
Drei Jahre sind seitdem vergangen. Heute lebt der zottelige Koloss am Nordostrand des Naturschutzgebiets Lüneburger Heide auf einem Grundstück, das Garbers einst von seinen Eltern geerbt hat.

Einige Jahre zuvor wäre es Schmusi bei Garbers, dem gelernten Schäfer und studierten Landschaftsgärtner, schlechter ergangen. Bis Mitte der 1980er-Jahre lebte der Hirte von seinen Tieren. Von der Wolle – und dem Fleisch. Lämmer töten, Hunderte, vielleicht Tausende, gehörte zu seinem Alltag – bis er eine Vegetarierin und Tierschützerin kennen lernte: „Inga hat mein Bewusstsein im Umgang mit Tieren geschärft.“ Einmal habe seine Freundin ihn gefragt, ob er sie mit seinen blutverschmierten Händen überhaupt noch anfassen möge – „das hat gesessen.“
Der knorrige Hirte gab seinen Beruf auf und lebt seitdem vom Verkauf von Obst und Biogemüse, das er an jedem Sonnabend auf dem Wochenmarkt in Barmbek anbietet. Garbers hörte vor fast 30 Jahren mit dem Fleischessen auf, wurde einer der Vorreiter der heute in der Mitte der Gesellschaft angekommenen vegetarischen Bewegung. Außerdem verzichtet er auf jeden Luxus, schläft sommers wie winters in seinem alten Kombi, um „nah bei den Tieren“ zu sein.

Ihm doch egal: Einige halten Garbers für einen „Spinner“

Außer Schmusi gewährt er 48 Schafen, drei Ziegen und zwei Schweinen – den aus einem Waldorfkindergarten stammenden Rudolf und Steiner – das Gnadenbrot: „Sie sollen in Würde leben und alt werden.“ Außer seinem Scherzeug haben diese Tiere nichts zu fürchten.
Einige in der Region halten den Seevetaler Tierretter für einen „Spinner“. Garbers, der sich selbst als „Tierrechtler“ bezeichnet, hält dagegen: „Ich mache keinen Unterschied zwischen Nutz- und Kuscheltieren. Alle sind gleich viel wert und haben das Recht zu leben.“

An Info-Tischen verteilt er Material gegen Massentierhaltung an Passanten, schreibt in der Lokalzeitung Leserbriefe gegen das Schlachten und meldet sich in Radiodiskussionen zum „Klimakiller Methan“ zu Wort. Und provoziert in Talk-shows als wortgewaltiger Kronzeuge gegen „mordlustige Hobbyjäger“. Der NDR bezeichnete den Freund und Anwalt der Tiere in einer Fernsehdokumentation als „rettenden Engel mit Rauschebart“. Mittlerweile wurde der Film dreimal wiederholt – weil die Zuschauer sich das so gewünscht hatten.

Nebenan grasen drei Ochsen: Gesellschaft für Schmusi

Während andere Menschen sich in seinem Alter auf die Rente freuen, hat Garbers andere Pläne. Weil Rinder nun mal Herdentiere sind, soll Schmusi Gesellschaft bekommen. Seit einem Jahr grasen zu diesem Zweck drei Ochsen auf der abgezäunten Nachbarwiese. „Schmusi ist unter Menschen aufgewachsen und muss sich erst an seine Artgenossen gewöhnen.“ Bisher allerdings scheint der Bulle seine kastrierten Nachbarn zu ignorieren und schubbert stattdessen seinen Wuschelkopf am Metallgitter.
Kürzlich hat Garbers mit Gleichgesinnten und Unterstützern den Verein „Lebenshof am Mühlenweg“ gegründet, der den Mittelpunkt auf seinem drei Hektar großen Grundstück in Seevetal haben soll. „Es ist Zeit für eine Energie- und Ernährungswende“, ist der Veganer, der auch auf Tierprodukte wie Milch und Käse verzichtet, überzeugt, „wenn alle Fleischproduzenten meinen Weg gehen würden, wären wir im Umweltschutz und bei der Vermeidung von Tierleid schon wesentlich weiter.“

Kontakt
Wer dem als gemeinnützig anerkannten Verein beitreten oder spenden möchte, kann sich direkt bei Günter Garbers unter Tel. 0160/91 35 51 12 melden.
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