Durchdrehen verboten

Ein Riesentisch lud im Foyer auf Kampnagel mit 44 Stangen zum Selberspielen ein. Die 600 Zuschauerkarten waren täglich ausverkauft – die Tischfußball-WM in Hamburg war für die Organisatoren ein Erfolg. Foto: stahlpress medienbüro
 
Eine Seltenheit: Schiedsrichter bei Finalspielen. Foto: tim krause
 

Mit Weltmeisterin Sabine Brose bei der Tischfußball-WM

Folke Havekost, Hamburg

Nach dem Spiel ist vor dem Suchen: Gerade hat Sabine Brose in der WM-Vorrunde 7:6 gegen Line Stampe Nielsen gewonnen, da forschen die Deutsche und die Dänin gemeinsam nach einem Ball, der unter den Laufsteg fürs Publikum gerollt ist. Mit Hilfe von Plastikflaschen kommt das kleine Spielgerät wieder zum Vorschein.
„Tischfußball fördert das Miteinander, obwohl man gegeneinander spielt“, sagt Gabriele Giesler vom Hamburger Verband, der über die Ostertage die Weltmeis-terschaft im Kickern ausrichtete. In der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel traten 800 Teilnehmer in 25 Disziplinen gegeneinander an.
Brose, die in vier Wettbewerben startet, bestreitet derweil das Doppel mit Pia Merbach gegen Ekaterina Tripoten und Natalia Chusova aus Russland. Brose übernimmt zuerst die beiden hinteren Reihen, Torwart und Dreierkette. Das Hamburger Duo hat sich bei einem Turnier in Bratislava den letzten Feinschiff geholt. „Man weiß einfach, was der andere tut“, erklärt Brose, die 2012 und 2013 bereits Weltmeisterin wurde.
Die Weltmeisterin kam in der Disko zum Tischfußball
Nach der Geburt ihrer Tochter vor drei Jahren schränkte sie die Turnierteilnahmen ein, jetzt will es die 38-Jährige aber noch einmal wissen. „Aufgrund der WM in Hamburg habe ich mir gesagt: Entweder höre ich auf, oder ich gebe nochmal Vollgas.“ Die gebürtige Ausgburgerin ist in der Disko zum Sport gekommen. „Am Wochenende wurde dort von zehn Uhr abends bis fünf Uhr morgens gekickert“, erzählt sie. Seit 2000 nimmt sie an Turnieren teil und hat darüber ihren Mann Björn kennengelernt, der im Wettbewerb „Klassik-Doppel“ startet.
Den ersten von maximal fünf Sätzen verlieren Brose und Merbach 2:5. „Während des Spiels darf man sein Ziel nicht aus den Augen verlieren“, sagt Brose: „Die Nerven sind entscheidend und die Schnelligkeit am Tisch.“ Im zweiten Satz läuft es besser: Das Hamburger Duo gewinnt 5:1. Vor dem dritten Durchgang holt Merbach noch einmal tief Luft. Es wird eng, das Leistungsgefälle in der Tischfußball-Elite ist nicht groß. „Sobald Spieler ein gewisses Niveau erreichen, ist neben der Technik der Kopf das wichtigste“, erklärt Giesler.
„Unabhängig von den körperlichen Fähigkeiten kann beim Tischfußball jeder mit viel Übung spitze werden“, wirbt die Pressesprecherin für den Sport, der von seinem Kneipenimage loskommen will und auf eine ähnliche TV-Karriere wie Darts oder Snooker hofft. Die aktuelle WM wird von einer Bezahl-Plattform im Internet übertragen. „2006 fand die erste WM auch hier in Hamburg statt, aber diesmal ist es ein richtiges Event“, erzählt Giesler und wagt eine Prognose: „Nochmal elf Jahre, dann wird Tischfußball ähnlich wie Handball in der Öffentlichkeit vertreten sein.“
Die Stars der Szene lassen
einen die Stangen vergessen
In der „Final Area“, einer Halle, in der nur vier Tische stehen, spielt die Zukunftsmusik. Drei Kameras, eine davon am Kran schwenkbar, werfen das Geschehen für die Zuschauer auf die Leinwand. Hier finden die Finalspiele statt, hier fällt das Scheinwerferlicht auf die Stars der Szene. Etwa auf die Franzosen Sébas-tian Meckes und Miguel dos Santos Lote, die während der Spiele Gummi kauen und die „Puppen“, wie die Tischfußballer ihre Spieler nennen, bisweilen so dirigieren, als wären sie gar nicht an Stangen befestigt.
Für das französische Duo reicht es allerdings nur zu zwei Silbermedaillen – im Gegensatz zu den US-Senioren Bruce Nardoci und Rick Macias, die längst dem Waschbrettbauch entwachsen sind und innerhalb einer Stunde die Ü50-Titel im „Classic“ und im „Speedball“ erringen. Danach wickelt Nardoci ganz gelassen seine Handgriffbänder von den Stangen. Der unterlegene Russ King zieht derweil die Blicke des Publikums auf sich: Der 52-Jährige trägt sein Käppi mit Schirm nach hinten, setzt eine schwarze Brille auf, die zu seinen Sneakers passt, und fährt sich vorm Spiel noch schnell mit dem Kamm durchs nicht mehr ganz so dichte Haar. „Er hat eine Art, mit der nicht jeder klarkommt“, raunt ein Zuschauer seiner Sitznachbarin zu. „Aber das ist auch okay.“ Sollte Cristiano Ronaldo einmal mit dem Fußball aufhören, Kampnagel lässt bitten!
„Es gibt wohl keine Sportart, die einen beim Zuschauen so überrascht, wenn man sie nicht kennt“, mutmaßt Brose, die für die Hamburg Piranhas in der Tischfußball-Bundesliga spielt. Mit den gängigen Kneipenszenen, in denen unterm Gejohle der Umstehenden die Kurbeln brachial durchgedreht werden, hat das WM-Geschehen wenig zu tun. Vielmehr sind die Zuschauer aufgefordert, während der Ballwechsel ruhig zu leiben, um die Konzentration der Spieler nicht zu stören – angesichts von über hundert dicht aneinander stehenden Tischen außerhalb der „Final Area“ eher ein frommer Wunsch.
Brose und Merbach verlieren den dritten Durchgang hauchdünn 4:5 und wechseln wieder auf ihren Spezialtisch, den deutschen „Leonhart“. Am Nachbartisch geraten sich Belgier und Iraner in die Haare. Es geht darum, ob ein Spieler seine Stange verbotenerweise ganz durchgezogen hat. „Das war ein Fehler“, heißt es. „Ihr spielt nicht fair!“ Da nur die Schlussspiele mit Schiedsrichtern besetzt sind, müssen die Akteure sich untereinander verständigen – was nach minutenlangen Diskussionen auch gelingt.
Inzwischen ist auch Yannick Correia in der Halle und verfolgt die Spiele der Konkurrenz mit kleinem Rollkoffer und Luxemburg-Trainingsjacke. Der 28-jährige Allrounder aus dem Großherzogtum hat auf allen fünf ITSF-Tischen die wichtigsten Turniere gewonnen, quasi den Grand Slam des Kickerns geholt. In Hamburg verliert er überraschend das Endspiel gegen den Darmstädter Thomas Haas.
Dem Hamburger Doppel droht derweil das Aus. Brose, die inzwischen nach vorne gegangen ist, zieht die Puppe schnell zur Seite, täuscht die russische Abwehr und schießt zum 3:3 ein. Der „Pin-Shot“ ist ihre Spezialität: Wenn die Mittelstürmer-Puppe aus kurzer Distanz abzieht, beschleunigt der Ball auf bis zu 70 Stundenkilometer, und das helle „Klock“ der Ballstafetten wandelt sich zu einem dumpfen „Klong“, wenn der Ball ins Torgehäuse einschlägt.
Eine Glanzparade von Merbach ermöglicht Brose im Gegenzug den Ausgleich zum 4:4. Neue Hoffnung, dass beide vielleicht noch ähnlich erfolgreich sind wie der 17-jährige Bramstedter Nico Wohlgemuth vom Fightclub St. Pauli, der zusammen mit Marc Stoffel aus Koblenz zum wiederholten Mal Junioren-Weltmeister wird. „Das besondere an unserem Doppel ist es, dass wir kämpfen, aber trotzdem ruhig bleiben“, schildert Wohlgemuth.
Doch die Russinnen bewahren die Ruhe und siegen schließlich 5:2, 1:5, 5:4 und 5:4. Im Einzelwettbewerb scheidet Brose im Achtelfinale erst im fünften Satz gegen die spätere Weltmeisterin Cindy Kubiatowicz aus der Schweiz aus. Ihr WM-Comeback bleibt medaillenlos, doch ihre Rückkehr zum Tischfußball wird von Dauer sein. Bereis im Mai fährt sie ins französische St. Quentin, um an der „Bonzini World Series“ teilzunehmen: „Ich fahre gern ins Ausland, um an
Tischen zu spielen, an denen ich nicht so geübt bin.“

Tische aus aller Welt
Tischfußball ist ein wenig wie Tennis, weil Material und Belag eine wichtige Rolle spielen. Aus den zahlreichen verschiedenen Kickertischen erkennt der Weltverband ITSF fünf an, zwei aus Italien, je einen aus Deutschland, Frankreich und den USA. Auf letzterem, dem „Tornado“, heißt es „13 Freunde müsst ihr sein“, denn in der hinteren Reihe befinden sich drei Torwart-Puppen. Während der italienische „Garlando“ einen Glasboden hat, wird beim französischen „Bonzini“ auf Linoleum gespielt. Um den „Heimvorteil“ auszugleichen, wird in der Endrunde der Tisch nach jedem Satz gewechselt. FH
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