Diese Sonnenuhr geht immer noch

Einem hellwachen Baggerführer ist es zu verdanken, dass diese steinerne Sonnenuhr im Hafenschlick von Stade entdeckt wurde. Sie wurde Mitte des 17. Jahrhunderts in Bremen gefertigt. Foto: Ulrike Schmidt
 
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Peter Wellbrock stellt sich vor, wer auf die Sonnenuhr geguckt hat: „Soldaten, Postkutscher, englische Kaufleute hatte eine Niederlassung in Stade, Kapitäne – alle, für die Zeit wichtig war“. Foto: Ulrike Schmidt

Sensationeller Fund in Stade: 300 Jahre lag die Uhr aus dem Barock im Hafenschlick.

Von Roger Repplinger (Text) und Ulrike Schmidt (Fotos). Wir fahren mit dem Aufzug. Ein modernes Ding, zwischen all den alten Sachen. Geräuschlos, verglast. Wir fahren bis unters Dach. Unter der Dachschräge des Schwedenspeichers in Stade liegt die steinerne Sonnenuhr auf dem Tisch. Die Fotografin hätte sie gerne auf dem Boden, am liebs-ten auf einer schwarzen Pappe. Da geht der junge Mann, der uns begleitet, los, und besorgt Handschuhe und Pappe.

Die Handschuhe braucht er: Nicht, dass Bakterien auf dem Stein, womöglich Stades bestem Stück, Unheil anrichten.

Zwei Teile liegen dann auf der schwarzen Pappe, die Uhr ist ziemlich genau in der Mitte auseinandergebrochen. Zwischen den beiden Teilen fehlt etwa ein Zentimeter. Der Mensch, der die Uhr, wahrscheinlich heil, vor über den Daumen 300 Jahren, in den Stader Hafen geworfen hat, wo sie zerbrach, wusste nicht, dass er ein Barbar ist. Wie das bei Barbaren ja oft so ist. Halten wir ihm zugute, dass er die Uhr auf diese weise gerettet hat.

Die Uhr wurde Mitte des 17. Jahrhunderts gefertigt. Von einem Steinmetz aus Bremen, oder einem seiner Schüler. Das meint Willy Bachmann aus Richrath, einem Stadtteil von Langenfeld (Rheinland), . Bachmann ist Mitglied im Fachkreis Sonnenuhren der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie (DGC). „Der Steinmetz hat sie“, das konnte Bachmann durch Berechnungen feststellen, „standardmäßig für seinen Heimatort Bremen berechnet und ausgeführt.“ Mit der Abweichung, die das für Stade ergibt, konnten die Leute im 17. Jahrhundert leben.
Mit Experten für steinerne Sonnenuhren des 17. Jahrhundert sieht es im Lande nicht gut aus. Bachmann ist einer der Wenigen. Er hat die Uhr noch nie in Echt gesehen, nur Fotos. Fotos haben gereicht, der Mann ist heiß auf die Uhr.

Gerettet durch hellwachen Baggerfahrer

Im Herbst 2013 wurde in Stade im Hafen gegraben. Einer der wichtigsten Funde: die steinerne Sonnenuhr, die in zwei Etappen gehoben wurde. Die eine Hälfte wurde am 25. September 2013 von Stades Stadtarchäologin Andrea Fink entdeckt, die zweite Hälfte am 7. Oktober von einem hellwachen Baggerführer. „Ein Wunder“, sagt der Journalist und Hobby-Archäologe Peter Wellbrock, und seine Stimme zittert leicht. Wellbrock war kein Experte für barocke steinerne Sonnenuhren. Wenn er sich allerdings noch eine Weile mit der, die hier vor ihm liegt, beschäftigt, ist er einer. Er hält sie für „einmalig“ und ein „besonders schönes Exemplar“. Recht hat er: Auch Willy Bachmann schwärmt: „Diese Sonnenuhr ist individuell, ein Unikat, es gibt nach meiner und der Meinung unseres Fachkreises kein zweites vergleichbares Exemplar.“

Bachmann kennt den Namen eines Bremer Steinmetzen: Theophilus Wilhelm. Wilhelm hat 1730 eine vergleichbare Sonnenuhr mit diversen Blätter- und Rankenornamenten in Bremen-Huchting geschaffen. Die Stader Sonnenuhr ist aber mindestens 30, eher 50 Jahre älter. Da in Bremen über Jahrhunderte hinweg Sonnenuhren aus Stein gemacht wurden, geht Bachmann davon aus, dass es Generationen von Steinmetzen, wahrscheinlich Steinmetz-Dynastien, gegeben hat. Bachmann: „Eine solche Uhr konnte jeder gute und exakt arbeitende Steinmetz anfertigen, wenn ihm eine Konstruktionszeichnung, oder ähnliches von der Sonnenuhr vorgelegt wurde.“ Eine direkte Zusammenarbeit mit einem Astronomen war nicht notwendig.

Eine Uhr für reiche Leute

Es gab im 17. Jahrhundert keine Maschinen, die dem Steinmetz bei der Arbeit geholfen haben. Die Uhr ist Arbeit von Hand mit Hammer und kostete umgerechnet nach heutiger Kaufkraft einige tausend Euro. Das konnten sich nur reiche Leute leisten. Die Stader Uhr sieht nicht nach einer Kirchenuhr aus, Sonnenuhren an Kirchen befanden sich häufig an deren Südwänden und standen nicht frei.
Wellbrock hat zu Hause in seiner Werkstatt das Modell eines Schattenwerfers aus Metall gebastelt und mitgebracht. Er steckt das Modell zwischen die Steinhälften und zeigt uns, wie die Schatten fielen.

Wer schmeißt so ein schönes Stück, teuer in der Anschaffung, weg? In den Hafen? Wellbrock nickt. Er hätte diese Uhr gehütet wie seinen Augapfel und nie weg geworfen. Im Jahr 1659 brannte es in Stade. Warum ist ungeklärt. Bei diesem Brand starben 36 Menschen, 500 Häuser wurden vernichtet, das waren zwei Drittel der Stadt. Kann sein, dass der Stein im Zuge der Aufräumarbeiten von einem Unkundigen in den Hafen geworfen wurde.

Auffällig an der Stader Sonnenuhr ist das Blattmuster, mit dem sie verziert ist. Es sieht so aus, als habe der Steinmetz Spaß an der Arbeit gehabt. Die älteste korinthische Säule, beim Apollontempel bei Bassae in Arcadia, 450 bis 420 v. Chr., ist mit einem solchen Akanthusblatt verziert. Die Römer arbeiteten damit, in der byzantischen Kultur, in der Gotik, der Renaissance. Auch die Sonnenuhr in Stade hat es. „Herrlich“, sagt Wellbrock und streichelt seine Uhr. Er hat keine Handschuhe an – hoffentlich geht das gut.

Sonnenuhren: Die ersten derartig kunstvoll gearbeiteten Sonnenuhren, die wir kennen, entstanden während des Barock ab dem 16. Jahrhundert. Ihre Vorgänger waren einfacher, geometrischer, sachlicher. Im 17. Jahrhundert wurden die Uhren künstlerisch ausgeformter. So wie die im Schwedenspeicher. Es wird vermutet, dass die Sonnenuhr auf einem Postament in Bauchhöhe stand. Wobei: Damals waren die Leute kleiner, die Bauchhöhe lag tiefer. Die Uhr ist aus Wesersandstein. Es war üblich, dass Steinmetze kleine Inschriften auf den Uhren, etwa am Rand des Steins, hinterließen. Bei der Uhr in Stade ist es ein Winkel am linken unteren Rand.
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