Diese „Krümelkiste“ öffnet rund um die Uhr

Spielen auch noch nach 18 Uhr: Kinder vor der „Krümelkiste“. Fotos rs
 
Rund 40 Kinder werden in der Kirchdorfer „Krümelkiste“ betreut – grundsätzlich rund um die Uhr.
 
ilvia Cikak (r.), Gründerin der „Krümelkiste“ gegründet. Links: Stellvertreterin Pamela Scheffler.

Kleine Betreuungsrevolution: In Wilhelmsburg gibt es eine 24-Stunden-Kita

Von Reinhard Schwarz. „Lass mich durch, Onkel!“ Ein Dreikäsehoch bahnt sich mit einem quietschgelben Bobbycar seinen Weg durch die Erwachsenen. Der Knirps ist einer von rund 40 Mädchen und Jungen, die in der Kindertagesstätte (Kita) „Die Krümelkiste“ in Wilhelmsburg untergebracht sind. Daran wäre außer dem lustigen Namen eigentlich nichts Ungewöhnliches. Besonders ist aber an dieser Kita, dass sie grundsätzlich 24 Stunden am Tag geöffnet ist. Das ist neu in einem Land, in dem die Eltern ihre Sprösslinge pünktlich morgens um acht Uhr in den Betreuungseinrichtungen abliefern müssen.
Das bedeutet Stress für viele Eltern, wenn sie einem Tagesjob nachgehen, und häufig Tränen und Geschrei bei den Kids, wenn sie anfangen zu trödeln und nicht so spuren, wie Mütter oder Väter es angesichts eines engen Terminplans erwarten. Probleme haben vor allem jene, die im Schichtdienst arbeiten, gegen Mittag anfangen oder sogar vor sechs Uhr.
Diese Probleme gibt es in der Wilhelmsburger „Krümelkiste“ nicht. Sie ist das Paradies für alle Eltern mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten oder Schichtdienst. „24-Stunden-Kita bedeutet, dass die Eltern ihre Kinder bringen und abholen können, wann sie wollen“, beschreibt Chefin und Inhaberin Silvia Cihak (54) die kleine Betreuungs-Revolution. „Wenn Bedarf besteht, können die Kinder hier auch übernachten.“ Doch aktuell gebe es keine Kids, die nachts hier schlafen.
Die gelernte Erzieherin und Sozialpädagogin war in den vergangenen Jahren an der Gründung mehrerer Tagesstätten beteiligt, ehe sie Ende 2012 die Eröffnung der „Krümelkiste“ vorantrieb. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in der Branche tätig. „Wir hatten immer wieder Anfragen von Eltern, die in Schichtarbeit waren. Viele erkundigten sich: ,Kann mein Kind nicht noch länger bleiben?’“ So sei das Konzept für die Rund-um-die-Uhr-Kita entstanden.
Aber auch die Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI) hatte Bedarf angemeldet. Silvia Cihak: „Wir hatten damals eine Anfrage der Sozialbehörde.“ Man benötige unbedingt weitere Kita-Plätze, habe es geheißen. „Ich habe mich dann auf die Suche nach Räumen gemacht und das hier gefunden.“ Die einstöckige Kita liegt im ländlichen Teil von Kirchdorf. „Wir haben in Wilhelmsburg sicherlich andere Kinder als in Blankenese, also etwa mit einem erhöhten Förderbedarf“, so Silvia Cihak. Doch auch in dem edlen Elbvorort laufe bestimmt nicht alles problemlos, gibt sie zu bedenken.

Die Warteliste geht bin Ende 2016

Das Häuschen der Tagesstätte liegt eingebettet in eine gut situierte Einfamilienhaussiedlung mit viel Grün. Im großen Garten der „Krümelkiste“ tobt ein gutes Dutzend lebhafter Drei- bis Fünfjähriger. Auch in der Nachbarschaft ringsum befinden sich ruhige Gärten. In einem Holzverschlag wuselt ein wuscheliges Meerschweinchen vor sich hin. Für Großstadtkinder eine kleine Idylle.
Das Angebot mit der Rundumbetreuung sprach sich im kinderreichen Wilhelmsburg schnell herum. „Uns wird der Laden seit Eröffnung förmlich eingerannt. Es gibt Wartelisten bis Ende 2016. Mütter melden ihre Kinder teilweise schon während der Schwangerschaft an. Wir laufen hier immer auf 110 Prozent.“ Doch weil die Anzahl der Kinder sich auf den ganzen Tag verteile, seien diese 110 Prozent faktisch nie zur selben Zeit in der „Krümelkiste“ anwesend. Der Erfolg scheint der Kita-Chefin Recht zu geben: „Ein alleinerziehender Schichtarbeiter mit zwei kleinen Töchtern erklärte mir: ,Jetzt kann ich endlich ganz gemütlich meine Kinder hinbringen, mehr verdienen und ihnen mehr bieten.'“ Auch ein ebenso alleinerziehender Lkw-Fahrer nutze das 24-Stunden-Konzept. Bei Staus brauche er nun nicht mehr anzurufen, dass er später komme, sondern könne ganz entspannt seine Tour beenden und anschließend die Kinder abholen
Doch rund um die Uhr werde die Kita derzeit eigentlich nicht genutzt, obwohl die Möglichkeit dazu bestehe, so Cihak. Meist würden die Eltern ihre kleinen Racker spätestens gegen 21 Uhr abholen. Dass Mädchen oder Jungen dort übernachten, komme lediglich in Einzelfällen mal vor. „Übernachtungskinder sind derzeit die Ausnahme.“ Häufiger sei es der Fall, dass die Erziehungsberechtigten ihre Sprösslinge am späten Vormittag zwischen 11 und 12 Uhr hinbringen. Das habe allerdings den Nachteil, dass diese in der Regel am Vormittagsangebot nicht mehr teilnehmen können. „Die pädagogische Arbeit mit Sportangeboten, Schwimmengehen oder Ausflügen findet in der Regel bis Mittag statt. Da können die Kinder, die später gebracht werden, unter Umständen nicht dran teilhaben. Das wissen die Eltern aber, zumal wir auch Ausflüge rechtzeitig ankündigen.“

Die Erzieherinnen arbeiten selber im Schichtdienst

Finanziell ändere sich für die Eltern nichts, erläutert die Kita-Chefin in ihrem funktional eingerichteten Büro. „Das wird über das ganz normale Kita-Gutschein-System abgerechnet.“ Bis zu fünf Stunden Betreuung sind in Hamburg kostenlos, werden also von der Hansestadt übernommen. „Alles, was darüber hinausgeht, muss bezahlt werden.“ Auch wenn die Kinder über die Kernzeit bis 18 Uhr hinaus sich in der Obhut der Erzieherinnen befinden, gebe es für diese „Überstunden“ nicht mehr Geld von der Sozialbehörde. Grundsätzlich richten sich die Kita-Gebühren in Hamburg nach der Aufenthaltszeit der Kinder und dem Einkommen der Eltern.
Selbstverständlich gebe es auch Nachteile bei der Rund-um-die-Uhr-Betreuung, räumt Silvia Cihak ein: „Ohne eine gute Organisation und ein Team, das zu dem Konzept steht, können wir die Tagesstätte so nicht aufrechterhalten.“
Vor allem bedeute das 24-Stunden-Angebot, dass die acht Erzieherinnen, die in Voll- und Teilzeit arbeiten, selbst Schichtdienst leis-ten. Das gelte vor allem für den Frühdienst von 5 bis 7 Uhr und für die Abendzeit von 17 bis 21 Uhr.

Das schwedische Modell

Im familienfreundlichen Schweden gibt es schon länger Kitas, die länger geöffnet haben: Kinder werden dort in sogenannten Dagis (schwedisch für Kindergarten) nicht nur betreut, sondern auch gefördert. Es gibt 24-Stunden-Betreuung, und die Kitas passen sich flexibel den Bedürfnissen der Eltern an.
Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) möchte dem schwedischen Beispiel folgen. Mehr als 100 Millionen Euro will sie unter anderem für längere Öffnungszeiten in den kommenden Jahren aufbringen. Dabei sind 24-Stunden-Kitas ausdrücklich eingeschlossen. EW
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