Die zuckersüße Verführung

Junge Forscherinnen: Hanna (li.) und Cäcilia untersuchen Limonade auf ihren Zuckergehalt. Fotos: cvs
 
Sauer macht lustig: Berfin (li.) und Saja probieren, wie kristalline Zitronensäure auf der Zunge schmeckt.

Scolab-Schülerlabor: Experimentieren mit Softdrinks, Tütensuppen und Frischgemüse

Von Christopher von Savigny. Ein wenig ehrfürchtig betrachten die Fünftklässler der Leif-Eriksson-Gemeinschaftsschule aus Kiel die vielen bunten Flaschen, die Laborleiterin Kerstin Filipzik in der Tischmitte vor ihnen aufgebaut hat. Fanta, Cola, Energydrinks und etliche weitere Wässerchen, die als sogenannte „Erfrischungsgetränke“ verkauft werden – lauter farbenfrohe, an sich längst bekannte Verführungen der Nahrungsmittelindustrie. Läge da nicht dieser Stapel von Würfelzucker daneben, der die vielen Dutzend Brauseprodukte auf einmal ziemlich alt aussehen lässt. „Eine Dose Fanta enthält 30 Gramm Zucker, also zehn Würfel", sagt Filipzik. „Mancher Energydrink sogar doppelt so viel. Außerdem Coffein und Taurin, die sich bei Kindern und Jugendlichen negativ auf die Entwicklung auswirken.“ Erstaunlich, was man so in sich hineinkippt, ohne zu wissen, was drin ist.
Das Scolab Schülerlabor ist eine Einrichtung des Hamburger Großmarkts. Jährlich kommen rund 120 Klassen aus ganz Norddeutschland zu Besuch nach Hammerbrook, um mit Lebensmitteln zu experimentieren.

„Die meisten kennen nur noch Fertigprodukte!“

Auf dem Kursplan stehen unter anderem Versuche mit Fruchtjoghurt und Tütensuppen. Die Teilnehmer schnippeln Kartoffeln, Tomaten, Äpfel und Bananen, um sie auf ihre Inhaltsstoffe hin zu untersuchen. Das Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche ab drei Jahren. Auch Workshops und Fortbildungen für Erwachsene können gebucht werden. „Bei dem, was wir heutzutage essen und trinken, spielen natürliche Lebensmittel kaum noch eine Rolle“, so Filipzik, die seit sieben Jahren hauptamtliche Koordinatorin und Dozentin von Scolab ist. „Die meisten Menschen kennen nur noch Fertigprodukte“, sagt sie. „Dabei ist gesunde Ernährung etwas, das uns alle betreffen sollte!“
Verblüffend, wie simpel sich manches Erfrischungsgetränk in Heimarbeit herstellen lässt – und das praktisch ohne jeglichen Aufwand: In Zweiergrüppchen aufgeteilt mixen die Schüler jetzt Wasser mit Würfelzucker und stellen – wenig überraschend – fest, dass das Ergebnis nicht gerade überragend mundet. Doch als im nächsten Schritt portionsweise Zitronensäure hinzukommt, ändert sich das Bild: Rund die Hälfte der Schüler würde das selbst fabrizierte Gebräu nun mit Begeisterung austrinken. Tatsächlich schmeckt es wie handelsübliche Zitronenlimo, die man in jedem Supermarkt bekommen kann. Zwar fehlt die Kohlensäure, aber das fällt geschmacklich gar nicht so sehr ins Gewicht. „Wer von euch weiß, was die Herstellung von Sprite kostet?“, fragt die Laborleiterin. Die Schätzung „ein Cent pro Glas“ ist am nächsten an der Wahrheit dran. Tatsächlich kostet es nur einen Cent pro Liter – und das bei einem Verkaufspreis von 60 Cent pro Dose!
Klassenlehrerin Annika
Michaelis hat mit ihren Kindern kürzlich eine Projektwoche zum Thema Ernährung durchgeführt. Die Schüler haben zusammen eingekauft, Frühstück gemacht und Burger gebraten. „Hier können wir Experimente machen, die bei uns in der Schule nicht möglich wären“, sagt sie. Außerdem sei der auswärtige Lernort mit erhöhter Aufmerksamkeit verbunden. „Es bleibt mehr in den Köpfen hängen“, findet Michaelis.

Künstliche Aromastoffe? Mag ich nicht mehr

Scolab-Dozentin Filipzik ist ausgebildete Chemikerin und war jahrelang als Lehrerin aktiv. Mit der Stelle bei Scolab glaubt sie, ihren Idealberuf gefunden zu haben. „Lebensmittel sind meine Profession“, sagt sie. „Und mit Kindern zu arbeiten, liegt mir einfach.“ Sie selbst verzichtet, soweit möglich, schon seit Jahren auf künstliche Süßungsmittel und Aromastoffe. „Cola- oder Eisbonbon-Aroma finde ich im ersten Moment ja immer noch ganz toll“, räumt sie ein. „Aber nach dem ersten Schluck ist es schon wieder vorbei, dann mag ich es nicht mehr."

Himmelblaue Cola, Erdbeerlimo in Türkis

Am Ende des Kurstages haben die Kieler Schüler durch weitere Zugaben von Farb- und Aromastoffen ein paar ziemlich schräge Kreationen zusammengemixt. Türkis-
farbene Erdbeerlimo zum Beispiel, knallgelbe Bananenbrause oder auch Cola in den Farbtönen Violett und Himmelblau. Manches sieht ganz verlockend aus. „Frau Filipzik, dürfen wir das jetzt austrinken?“, fragt Saja (10). „Lieber nicht“, antwortet sie.

Scolab

Schülerlabor Hamburger Großmarkt
Banksstraße 28
Tel. 32 90 16 90
E-Mail info@scolab.de
Öffnungszeiten nach Vereinbarung
www.scolab.de
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