Die vergessenen Toten von Altona

Ruhestatt und Ausstellungsraum in St. Joseph: Beinhäuser sind in unseren Breiten eher eine Seltenheit – häufiger findet man sie in Süddeutschland sowie im Mittelmeerraum. Foto: cvs
 
Teilweise wurden noch Namenstafeln gefunden, die von einzelnen Särgen stammen. Diese hier erinnert an einen „Herrn J. J. Faber, geb. d. 12 Apr. 1778, gest. d. 2 Aug. 1846, alt 68. Jahr, 3 Monat, 21 Tage“. Foto: cvs
Von Christopher von Savigny. Schädel stapelt sich auf Schädel, Knochen lagert auf Knochen: Der Anblick des wohlsortierten Gebeins jagt einem im ersten Moment einen Schauer über den Rücken – gleichzeitig lässt sich eine gewisse Ästhetik nicht verhehlen. Der Kontrast zur Umgebung könnte jedenfalls kaum größer sein: Unmittelbar an der Großen Freiheit, Hamburgs und St. Paulis Amüsiermeile schlechthin, hat die katholische Kirche St. Joseph Ende letzten Jahres eine Krypta mit Beinhaus eröffnet. Zu sehen ist die Ausstellung allerdings nur im Rahmen von Mittagsgebeten sowie Führungen, die vom St.-Pauli-Museum organisiert werden. „Wir wollen als Betreuer die Einrichtung unterstützen und dazu beitragen, sie angemessen erlebbar zu machen“, sagt Jürgen Henke, Vorstandsmitglied des Museums.

Die Wiederentdeckung war eine Sensation

Durch eine dicke Glascheibe hindurch blickt der Besucher in Hunderte leerer Augenhöhlen. Glasvitrinen im Vorraum zeigen wertvolle Grabbeigaben wie Ohrringe, Kruzifixe und Eheringe. Auch Kuriositäten wie historischer Zahnersatz aus Nilpferdzahn sind darunter – ebenso Kämme, Bürsten und Schwämme, mit denen man die Toten hergerichtet hatte und die mit in den Sarg gelegt wurden. „Diese Dinge durften nach dem bestehenden Glauben von den Lebenden nicht wiederverwendet werden“, erläutert Henke. Die Überreste von rund 350 Toten lagern laut Kirchenbüchern unter der St. Josephskirche. Erst kürzlich wurden sie wiederentdeckt – eine Sensation.

Mehr als 150 Jahre wurden dort reiche Bürger bestattet

Als im Jahr 2008 die Gemeinde auf Initiative des Hamburger Vereins für katholische Kirchengeschichte damit begann, ihre eigenen, vergessenen Katakomben anzubohren, stießen sie zunächst auf ein heilloses Durcheinander aus Schutt, Müll und aus menschlichen Knochen. Über einen Zeitraum von eineinhalb Jahrhunderten (1719 bis 1886) hatten sich um die Kirche herum und in der Gruft reiche Bürger bestatten lassen – Kaufleute, Adelige und Kleriker. Ein dreiköpfiges Archäologenteam, das auch schon an der Ausgrabung der Michelgruft beteiligt war, übernahm die Arbeit. „Knochen sieben“, nennt es Henke. „Die Ausgangsfrage war: Was können wir mit den Fundstücken anfangen und was sagen sie uns?“ Schon recht bald wurde deutlich, das man den Toten keine Namen mehr zuordnen konnte. Dafür waren die Gebeine zu lange achtlos hin- und hergeschoben worden.

Die erste katholische Kirche im Norden nach Luther

Die 1719 erbaute Josephskirche hatte es im vorletzten Kriegsjahr schwer erwischt:
Eine Luftmine detonierte 1944 an der Rückseite des Gotteshauses und zerstörte große Teile davon – auch die Krypta.
Lediglich die Eingangsfront und die Seitenwände blieben stehen. In der Folgezeit dienten die baufälligen Katakomben den Schwarzhändlern als Geheimverstecke. Särge wurden geplündert, das Holz verfeuert. Was den Dieben nicht zum
Opfer fiel, verschimmelte aufgrund des eindringenden Regenwassers. Beim Wiederaufbau der Kirche 1953 schob man das menschliche Gebein einfach zusammen und mauerte es ein.
Mit der Eröffnung von Krypta und Beinhaus gibt die Gemeinde ihren Verstorbenen nicht nur eine würdevolle Ruhestätte zurück, sondern sie vermittelt auch Einblick in einen interessanten Abschnitt Hamburger Kirchengeschichte: Erst im Jahr 1658 hatte der dänische König Friedrich III. den Altonaern das unbefristete Recht auf freie Religionsfreiheit gewährt (man denke nur an den Straßennamen „Große Freiheit“!) – auch wenn die Katholiken nicht so laut feiern durften wie die Protestanten und auch bitteschön ohne Glockengeläut.
Die St. Josephskirche ist das erste katholische Gotteshaus Norddeutschlands, das nach der Reformation entstand – und auch die Gruft nebst Knochenkammer dürfte in diesen Gefilden recht einzigartig sein. Vor Ort sind inzwischen alle vom Geschichts-Virus infiziert: „Erst durch die Krypta habe ich festgestellt, dass ich die historischen Ursprünge unserer Kirche total spannend finde“, sagt Evelyn Krepele, Gemeindereferentin von St. Joseph.
Die Kosten für die Herrichtung von Krypta nebst Beinhaus lagen bei 400.000 Euro, wovon den größten Teil das Erzbistum Hamburg übernommen hat. Unter dem Motto „Memento mori“ („Denke daran, dass du stirbst“) bietet die Kirche dieses Jahr noch zwei Führungen an (siehe Kasten).
Möglicherweise kommt die Krypta demnächst auch als Veranstaltungsraum für ausgewählte Lesungen, Konzerte und Vorträge zum Einsatz. Mit den Achtklässlern der Katholischen Schule Altona ist ein Geschichtsprojekt

Krypta und Beinhaus

Nächste Besichtigungstermine: Mittwoch, 6. Juli, um 19 Uhr und Sonnabend, 17. September, um 14 Uhr.
Die Karten kosten 18, ermäßigt 16 Euro. Tickets sind an der Kasse des St.-Pauli-
Museums, Davidstraße 17, erhältlich.Anmeldungen auch per E-Mail an info@sankt-pauli-museum.de möglich und erwünscht. Jeweils 20 Interessierte können teilnehmen. In der Krypta herrscht striktes Fotografierverbot.
www.st-joseph-altona.de
www.sankt-pauli-museum.de
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