Die Spieltalente

„Das ist ein Afroamerikaner“, präsentiert Milan Paunov seine blauköpfige Handpuppe. Fotos: ad
 
Die rote Kuh hat Flecken bekommen.

Wenn Schüler Klappmaulpuppen basteln.

Von Angela Dietz.
Leise surrt das elektrische Brotmesser, als es in die Kugel aus Schaumstoff schneidet. Puppenbauer Peter Räcker schafft Platz für das Maul im Kopf. Weil sich der Kopf so leicht bewegen lässt, kann eine Hand darin den Mund auf und zu machen. Es gibt Klappmaulpuppen, die so viel quatschen wie Kermit, der Frosch bei den Muppets. Bis es aber so weit ist, muss noch jede Menge Schaumstoff geschnitten werden. Im Werkraum liegen Schnipsel auf den Tischen und bedecken den Boden. Peter Räcker (71) geht Lehrern und Schülern bei einem viertägigen Puppenbau-Work-shop zur Hand.
„Lustig“ findet Marco Degen seinen Klappmaul-Esel und „cool, weil ich das noch nie gemacht habe.“ Seine fünfte Klasse hat das Puppenbau-Thema „Märchen“ ausgewählt, andere entschieden sich für „Tiere“ oder frei ausgedachte Figuren. Marcos Esel gehört zu den Bremer Stadtmusikanten. Zuerst haben die Fünftklässler Entwürfe gezeichnet. Im nächsten Schritt folgt die Grundform des Kopfes. Ist der ausgearbeitet, verziert und bemalt, erhalten Frosch, Prinzessin und Dracula ihr Kleid, in dem die Hand der Puppenspieler verschwinden kann.
Ein bitterer, leicht beißender Geruch nach Farbe zieht durch die Räume der Stadtteilschule Blankenese, wo der Workshop stattfindet, in der Luft. Der weiße Schaumstoff verwandelt sich in gelbe Monster, grüne Wölfe und blaue Raben. Eine Schülerin mischt verschiedene Farben mit dem Pinsel auf einem Pappteller. Aus Blau und Rot wird Braun, das sie auf den Pferdekopf tupft. Der hat nun ein paar Flecken. Anschließend trocknet sie den Kopf mit einem Föhn.
Die Zehn- und Elfjährigen stehen in Grüppchen bei einander. Das Gemurmel und Gelächter wird in Wellen lauter, um dann wieder abzuebben. Die ersten fangen ganz von selbst an, mit den Klappmaulpuppen zu improvisieren. Dabei entpuppt sich so manch einer als Spieltalent. So wie Antonius Lagemann, der mit seiner Handpuppe einen urkomischen Dialog führt und dabei Fratzen schneidet. „Ich bin der Hades“, quietscht er, „das ist griechisch für den Herrn der Toten, also den Teufel.“
Im Nebenraum steht Lehrer Wilhelm Amthor mit der Nähnadel in der Hand. Mit groben Stichen näht er ein Kleid am Puppenhals fest. Er macht das für einige Schüler, die nicht nähen können. Kleben reicht nicht, dann säßen die Kleider nicht fest genug. Als Amthor hochschaut, ruft er „Halt“ – eine der ganz wenigen Ermahnungen an diesem Mittwochmorgen. Zwei Mädchen wollten mit der Nähmaschine arbeiten, das darf aber nur wer die nötige Einweisung bekommen hat.
„Wir haben vor vier Jahren zum ersten Mal so einen mehrtägigen Puppenbau-Workshop gebucht“, erzählt Amthor. „Die Schüler waren begeistert!“ Zunächst führt Peter Räcker, Geschäftsführer des Vereins Arbeitsgemeinschaft für das Puppenspiel, die Lehrer in den Bau der Klappmaul- oder Handpuppen ein. Anschließend arbeiten die Lehrer mit ihren Klassen. Seit Jahrzehnten engagiert sich der inzwischen pensionierte Ingenieur für das Puppenspiel. Dabei geht es ihm nicht nur darum, die jahrhundertealte Kunst des Figurenspiels weiterzugeben. „Die Kinder entwickeln und zeigen plötzlich Fertigkeiten, die die Lehrer nie von ihnen erwartet hätten“, erläutert er, was ihn antreibt. Aber Räckers ist nicht allein: Das Team bei diesem Workshop besteht noch aus vier Puppenexperten.
Wenn die Puppen fertig gebaut sind, ist die Arbeit für die Schüler noch nicht vorbei. Sie schreiben ihren Klappmäulern dann Szenen und Dialoge auf den Schaumstoffleib.
Amthor und seine Kollegin geben ihren Schülern vor, ihre Figuren Englisch sprechen zu lassen. „Mit der Puppe in der Hand geht das freie Sprechen viel leichter“, sagt er. Die Klasse 5a will ihre Stücke aus den Rollen entwickeln. „Die Kinder fragen sich dann zum Beispiel, ‘kann meine Katze auch eine Königin sein’“, erklärt Klassenlehrerin Kerstin Hähnel. Und in der 5d tragen alle Klappmäuler Kopfhörer, wie sie gerade bei den Kids schwer in Mode sind. Ob die Kopfhörer sonst noch etwas zu bedeuten haben, weiß Lehrerin Antje Meyer noch nicht. Aber wenn sich in einigen Tagen die verschiedenen Gruppen gegenseitig ihre Stü-cke vorspielen, wird sie selbst auch daraus schlau werden.
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