Die Schrauberinnen aus dem Karoviertel

Überglücklich: Nancy, Bewohnerin des Karoviertels, hat ihr Rad wieder zum Laufen gebracht. Fotos: cvs
 
Das Team der „Schraubstelle“: Petra Vogt (48, v. li.), Petra Söhnle (45) und Franziska Schultz (34).

Nur für Frauen: In der „Schraubstelle“ bekommen Radlerinnen seit 25 Jahren Hilfe bei der Fahrradreparatur.

Von Christopher von Savigny. Nancy ist 17 Jahre alt, morgen wird sie 18. Vor einer Woche hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Schraubenschlüssel in die Hand genommen, um an ihrem Fahrrad herumzuschrauben. Nancy ist ein bisschen sauer. „Lass nie deinen Freund mit deinem Fahrrad fahren“, sagt sie. Der habe nämlich Schuld, dass das Schaltwerk abgebrochen sei. Nancy hat es zwar geschafft, die Katastrophe halbwegs zu entwirren – aber so richtig läuft ihr weißes Citybike der Marke „Climber“ noch nicht wieder.

Jetzt hockt sie mit Franziska Schultz (34) auf dem Bürgersteig vor der „Schraubstelle“ in der Glashüttenstraße. „Wir müssen die Kette kürzen“, sagt Schultz, eine der drei Mitarbeiterinnen. Seit 25 Jahren gibt es die Selbsthilfewerkstatt im Karoviertel – die einzige in Hamburg, die nur Frauen zugänglich ist. Wer die Werkstatt im Souterrain des Altbaus unweit des Heiligengeistfelds betritt, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Zeit relativ spurlos an der „Schraubstelle“ vorübergegangen ist: Die drei niedrigen, zusammen 50 Quadratmeter großen Räume wurden notdürftig mit Holzpaneelen ausgelegt, ein Kohleofen sorgt für Wärme an kalten Wintertagen. Maulschlüssel, Zangen, Nietendrücker und weiteres Werkzeug ist in selbstgemachten Regalen und Wandhalterungen untergebracht. An einer kleinen Werkbank können Laufräder und Rahmenteile eingespannt werden. In jedem Eckchen, das nicht zum Arbeiten benötigt wird, stapeln sich gebrauchte Drahtesel, Fahrradrahmen, Felgen und Schutzbleche. Bisweilen wächst die Menge an Gebrauchtteilen den Mitarbeiterinnen über den Kopf. „Wir sind froh, wenn jemand mal etwas Neues braucht“, sagt Petra Vogt (48), die dem ehrenamtlichen Projekt schon seit 24 Jahren die Treue hält.

Noch eine Besucherin: Anna aus St. Pauli hat eine dicke Acht im Vorderrad. Die Arbeit am Zentrierständer erfordert Geduld und Fingerspitzengefühl: Ein bisschen zu weit – und schon beult sich die Felge an anderer Stelle. Geduldig erklärt Vogt, was zu tun ist.

Beigebracht haben sich die drei Frauen die Fahrradbastelei in Eigeninitiative: Vogt arbeitete nach ihrem Abitur bei einem Fahrradprojekt für Jugendliche mit. „Eigentlich wollte ich Fahrradmechanikerin werden“, sagt sie. Aufgrund mangelnder Perspektive auf dem Arbeitsmarkt entschied sie sich dann doch fürs Studium – heute arbeitet Vogt als Psychotherapeutin.„Ob ich Fahrradreparatur immer noch so toll fände, wenn das mein Beruf wäre – ich weiß es nicht“, lacht sie. Auch die anderen beiden Frauen sind in anderen Bereichen tätig: Schultz ist Lehrerin für Physik und Mathe, Petra Söhnle (48), arbeitet als Erzieherin. Schrauben – ein guter Ausgleich im täglichen Einerlei, findet Schultz. „Wenn ich gestresst bin, komme ich manchmal einfach so vorbei, um am Rad zu basteln“, berichtet sie.

Einmal pro Woche, dienstags zwischen 17 und 19.30 Uhr, öffnet die die kleine Werkstatt ihre Pforten. Werkzeug und fachliche Beratung gibts gegen Spende. Als Richtwert gilt: 2,50 Euro für die erste Stunde, fünf Euro für alles, was länger dauert. Die Einnahmen reichen aus, um das Projekt über Wasser halten – auch dank eines schon seit Ewigkeiten gültigen Mietvertrages. Die Frauen sind mit viel Spaß und Engagement dabei: „Ich gebe mein Wissen gerne weiter“, sagt Schultz über ihre Motivation. Sie meint: „Mit einem Platten braucht niemand aufgeschmissen zu sein.“

Mit etwas Hilfestellung hat Nancy ihre Fahrradkette inzwischen gekürzt und zusammengenietet. Auch Hinterradbremse und Dynamo sitzen wieder fest am Rahmen. Eine Probefahrt im Karoviertel ergibt: Fürs erste läuft der Bock wieder. Als nächstes ist eine neue Schaltung geplant. „Super!“, freut sich Nancy. „Ich werde euch weiterempfehlen!“
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