Die pure Woll-Lust

Für mutige „Woolies“: ein Ganzkörper-Strampler.
 
Die Fetisch-Strickerin bei der Arbeit: Alla Haag strickt im Schnitt rund acht Stunden am Tag und verarbeitet rund 200 Kilo Wolle pro Jahr.

Lady Mohair aus Winsen strickt für eine besondere Kundschaft.

Von Sabine Deh. Der Overall kratzt und das soll er auch. Der graue Ganzkörper-Overall ist so etwas wie ein Wolfspelz für Michael. Michael ist ein „Woolie“, das sind Menschen, die sich durch das Tragen von Wolle auf nackter Haut sexuelle Erfüllung verschaffen. 30 Kilo wiegt das Einzelstück – eine Sonderanfertigung die Alla Haag (52) dem Bankangestellten aus Frankfurt auf den Leib gestrickt hat. In eingeweihten Kreisen ist Haag besser unter ihrem Künstlernamen Lady Mohair bekannt. Deutschlandweit gibt es nur eine handvoll Fetisch-Strickerinnen, die Leuten wie Michael ihre wolligen Träume erfüllen. Die Winsenerin ist eine von ihnen.
„Lack und Leder sind längst gesellschaftsfähig geworden, Wollfetischisten wagen es dagegen eher selten, mit ihrer Woll-Lust an die Öffentlichkeit zu gehen“, sagt Lady Mohair. Das Atelier der fröhlichen Frau mit dem modischen Kurzhaarschnitt befindet sich in einem rotgeklinkerten Mehrfamilienhaus in einer Seitenstraße in Winsen. Lady Mohairs Nachbarn wissen nicht, womit sie ihren Lebensunterhalt verdient. Sie staunten nicht schlecht, als sie bei deren Einzug sahen, wie viele Kisten Wolle sie in ihre neue Wohnung trug. Rund 600 Kilo Wolle in allen Farben und Fadenstärken hat sie momentan auf Lager. Am liebsten verstrickt sie dicke Mohair-Wolle aus den 1970er Jahren, die heute gar nicht mehr hergestellt wird. Im Internet spürt sie hin und wieder restliche Lagerbestände auf.
Das Stricken hat Alla Haag als kleines Mädchen von ihrer Oma gelernt. Als ihre beiden Söhne jünger waren fehlte ihr die Zeit für dieses Hobby. Erst als die Kinder aus dem Haus waren, holte sie ihre Stricknadeln wieder hervor und begann, Pullover, Mützen, Kleider und Mäntel zu stricken die sie bei E-Bay zum Kauf anbot. Dass es Wollfetischisten gibt, wurde ihr erst klar, als sie immer häufiger E-Mails von Männern erhielt, die sie baten Extraanfertigungen in großen Größen und je nach Vorliebe aus kuscheliger Angorawolle oder kratziger Mohair-Wolle für sie zu stricken. Nach und nach arbeitete sie sich in die neue Materie ein und gilt heute als Expertin für die Wünsche dieses besonderen Klientels, bei dem Kunstfasern verpönt sind. Sie hat „Willi-Wärmer“ für das „beste Stück“ des Mannes im Angebot. Der Renner ist allerdings ein Ganzkörperoverall ohne Reißverschluss oder Knöpfe dessen Rollkragen sich der Träger bis über den Kopf ziehen kann. Die Fetisch-Strickerin vermutet, dass ihre Kunden ein Gefühl der Geborgenheit verspüren, wenn sie einen solchen Woll-Kokon auf nackter Haut tragen. „Meine eigene Leidenschaft für Wolle beschränkt sich allerdings auf das Stri-cken“, sagt sie.
Seit einigen Jahren trudeln Aufträge aus aller Welt im beschaulichen Winsen ein. Auch ein Konzertpianist aus England, der es liebt sich nach einem anstrengenden Auftritt in einem herrlich kratzigen Wollkleid zu entspannen, gehört zu Alla Haags Kunden. Der Musiker war es auch, der ihr riet sich den Künstlernamen Lady Mohair zuzulegen. „Die Anfragen kommen zu 99 Prozent von Männern“, verrät Alla Haag. Die „Woolies“ wirken auf sie eher schüchtern und zurückhaltend. Die meisten wagen es nicht ihrem Freundes- und Bekanntenkreis anzuvertrauen, welche heimlichen Sehnsüchte sie hegen, erzählen sie in ihren Mails. Für Wollfetischisten sei es auch schwierig einen Partner zu finden, der Verständnis für ihre Leidenschaft hat.
Ihre Familie steht hinter Alla Haag und ihrer Arbeit. Ihr Lebensgefährte macht die Fotos für ihre Internetseite, einer der Söhne baute ihr einen „Woll-Wick-ler“, die Schwiegertochter fungiert als Modell. Ihren Job als Buchhalterin hat Alla Haag längst an den Nagel gehängt. TV-Sender wie RTL, SAT 1 und Arte haben Berichte über ihren neuen Beruf ausgestrahlt. Die drei Prominenten einer Berufsrate-Show auf SWR schafften es allerdings nicht die ungewöhnliche Tätigkeit der Winsenerin zu erraten. Manchmal wünscht sich Lady Mohair, dass sich mehr Kunden auch für ihre „normalen“ Artikel interessieren würden. „Ich möchte schließlich nicht bis ans Ende meiner Tage auf meine „Willi-Wärmer“ reduziert werden“, sagt sie und muss dabei schmunzeln
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