Die Puppenspieler-Familie

Ein Mann und seine Puppen: Heinz Lauenburger steht selber hinter Bühne. Foto: pr
 
Auch Kasper sah nicht immer gleich aus: Dieser hier steht bereits in der Sammlung historischer Theaterpuppen. Doch die markante Nase, die Zipfelmütze, die leuchtenden Augen und die roten Wangen haben sich bis heute nicht verändert.

Die größte reisende Puppenbühne Deutschlands: Seit 1829 fahren die Lauenburgers, inzwischen in sechster Generation, von Stadt zu Stadt.

Von Reinhard Schwarz und Matthias Greulich.
„Du bist widerlich, du Hexe“, ruft der Junge so laut, dass es auch auf der einige Meter entfernten Bühne zu hören sein muss. Einem Mädchen in einer roten Winterjacke steht der Mund offen, als die Prinzessin im Hexenhaus eingesperrt wird.
Die Hexenfigur mit dem schwarzen Hut steckt in der Hand von Heinz Lauenburger (57). Der Direktor von Lauenburgers Puppenbühne, sitzt nach der Vorstellung in seinem Wohnwagen und schildert die Geschichte der größten reisenden Puppenbühne Deutschlands. Die reicht bis ins Jahr 1829 zurück, als Lauenburgers Ur-Urgroßvater Lorenz das Theater gründete. „Damals fuhr man mit Pferd und Wagen durch die Gegend und spielte in Gaststätten und auf Jahrmärkten.“ In einem Museumswagen können die mehr als 180 Jahre alten Marionetten besichtigt werden. Heinz Lauenburgers Vorfahren haben sie mit der Hand geschnitzt.
Inzwischen sind mehrere Lkw nötig, um Zelte, 100 Puppen und zehn große Wohnwagen von einem Ort zum anderen zu bringen. Lauenburger: „Wir geben Gastspiele in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Wir sind das einzige Puppentheater Norddeutschlands, das mit einem Zelt reist.“ Kürzlich wurde ein zusätzliches Zelt mit 600 Plätzen angeschafft.
Früher habe es auch Aufführungen für Erwachsene gegeben, wie etwas der Goethe-Klassiker „Faust“, schildert Lauenburger. Im nächsten Jahr wollen sie an diese Tradition anknüpfen und wieder den „Faust“ spielen. Die Nachfrage dafür gebe es, auch in Hamburg.
Im Februar haben die Lauenburgers ihr Winterquartier in Henstedt-Ulzburg nördlich von Hamburg verlassen. Im Winter werden die Wagen ausgebessert, die Kulissen neu bemalt und die Puppen bekommen neue Kleider. Für die Kostüme ist Heinz Lauenburgers Schwester Rosemarie (63) zuständig. „Wir haben keine Angestellten, wir sind ein reines Familienunternehmen, eine verschworene Gemeinschaft.“ An der Kasse sitzt Lauenburgers Frau Barbara (52) Auch Schwiegertochter Angèlique (25) arbeitet mit. Sohn Heinz-Hubert (35) soll später das Puppentheater übernehmen – dann in siebter Generation. Auch Enkel Michael (4) ist schon überall dabei. Später – so hoffen Großvater und Vater – wird er das Geschäft in achter Generation leiten.
Was für Außenstehende romantisch klingt, wird von Theaterchef Lauenburger im Gespräch um einige ernüchternde Details ergänzt: „Die Rumreiserei ist schon anstrengend, fast jeden Tag in einer anderen Stadt.“ Die Spielstätten werden lange vorher organisiert. Es gibt viele Flohmärkte und Stadtfeste, die in den Gemeinden Plätze beanspruchen. „Die Werbung ist auch harte Arbeit: Plakate werden aufgestellt, Wir verteilen Flyer in Kindergärten und stellen uns bei Lokalzeitungen vor.“
Seit mehr als 30 Jahren gastiert die Puppenbühne in Harburg und Bergedorf. Viele Eltern, die heute mit dem Nachwuchs auf den Festplatz am Schwarzenberg gekommen sind, haben als Kinder selber im Zelt gesessen. Lauenburger setzt auf Nostalgie. „Unsere Zuschauer wollen die historischen Puppen und Bühnenbilder sehen“, sagt er.
Der zweieinhalbjährige Maximilian knabbert in der Pause an einer Zuckerstange. Von ihm aus könnte es ohne Unterbrechung weitergehen. Seine Mutter Sylvana Förster (38) aus Harburg weiß, dass beim Nachwuchs hängenbleibt, was der Prinzessin im weißen Kleid im Hexenhaus passiert ist: „Für die Kinder ist es sehr wichtig, auf spielerische Art zu lernen, nicht mit Fremden mitzugehen.“
Das Licht geht wieder aus, der Bühnenvorhang öffnet sich, und dann ist er da. „Tri-Tra-Trallala!“ Kasper betritt die Bühne. Der ewig jugendliche Held mit den roten Wangen und der markanten Nase befreit die Prinzessin aus ihrer misslichen Lage. Die böse Hexe bekommt ihre gerechte Strafe. Nein, sie landet nicht wie noch bei den Gebrüdern Grimm im Ofen, sondern muss lediglich – humaner Strafvollzug – ins Gefängnis. „Kinder, darf man mit fremden Leuten mitgehen?“, fragt Kasper das Publikum. Das junge Publikum zögert keine Sekunde: „Nein!“, rufen sie. Auch das Mädchen mit der roten Winterjacke.
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