Die Piraten von nebenan

Zwei Fans des FC St. Pauli präsentieren den Jolly Roger. Seit 2002 existiert gegenüber vom Millerntor-Stadion auch eine gleichnamige Fankneipe. Foto: Stahlpress Medienbüro
 
Pirat mit eigenem Denkmal: Klaus Störtebeker.Foto: Stahlpress Medienbüro

Auf St. Pauli blüht eine Kultur rund um den Totenkopf der Seeräuber, die verdrängte Sehnsüchte nach Freiheit und Abenteuer befriedigt.

Von Susann Witt-Stahl. „Gottes Freund, der Welt Feind“, ist auf dem Sockel des Störtebeker-Denkmals zu lesen, das in Hamburg auf dem Grasbrook steht, unweit des vermuteten Hinrichtungsortes des Piraten. Die Hanseaten haben es dem Piraten 1982 gewidmet – obwohl Störtebeker und seine „Likedeeler“ („Gleichteiler“) den Pfeffersäcken im 14. Jahrhundert das Leben verdammt schwer gemacht hatte.
Auch wenn es heute auf der Nordsee weitaus gemütlicher zugeht als vor 600 Jahren und wesentlich mehr Kaffee- als Kaperfahrten unternommen werden: Die Erinnerung an „Claas“, wie die Hamburger ihren Störtebeker liebevoll nennen, wird beharrlich bewahrt.

Eine Agentur bietet inszenierte „Piratenüberfälle“ an

Aber nicht nur das: Die Waterkantianer und ihre Gäste aus aller Welt sind verrückt nach Piraten. Graffiti, Flaggen, Stickereien, Aufnäher und Tattoos: Vor allem auf St. Pauli findet man an allen Ecken und Enden und gerne auch am Outfit seiner Bewohner subkulturelle Reminiszenzen an die wilden Gesellen: Totenköpfe mit gekreuzten Knochen in allen Farben, Formen, Variationen und Abstraktionen. Eine Agentur bietet inszenierte „Piratenüberfälle“ als Party-Attraktion an. Am Fischmarkt gibt es eine als karibische Seeräuber-Spelunke gestylte „Pyrates Bar“. Authentischer: die Hafenstraßen-Kneipe Onkel Otto. Dort werde der „sozialrevolutionäre Geist von Klaus Störtebeker wachgehalten“, versprechen die Betreiber.
Die volltechnisierte Containerschifffahrt lässt heute keine Refugien mehr für Seefahrerromantik. Die Zeiten, als noch Matrosen die Große Freiheit kolonisierten und nach Hans Albers‘ Motto „Silbern klingt und springt die Heuer“ die Puppen tanzen ließen, sind unwiderruflich Vergangenheit. Aber verwegene Abenteurer stehen weiter hoch im Kurs, besonders wenn sie Underdogs und Outlaws sind: Ob historische Figuren wie Klaus Störtebeker und die mit ihm verbündeten Kapitäne Gödeke Michels und Magister Wigbold oder die beliebten Totenkopf-Fanartikel des FC St. Pauli.
Die Liebe der St. Paulianer zu den Seeräubern war nicht immer so groß: „17 Mann auf des Totenmanns Kiste. Jo-ho-hoo und ’ne Buddel voll Rum“ – als Mitte der 1960er-Jahre der Titelsong der Verfilmung von Robert Louis Stevensons „Schatzinsel“ aus den TV-Lautsprechern tönte, waren Piraten noch eine unerwünschte Spezies auf dem Kiez. In dem berühmtesten Hafenviertel der Welt drohte sogar die Seefahrerkultur zu verkümmern – das Herz von St. Pauli zeigte erste Anzeichen einer Insuffizienz: Auf dem Spielbudenplatz an der Reeperbahn entstand ein trostloses Ghetto aus Pavillons, in denen sich Schnell-Restaurants und Spielhallen ansiedelten, wie man sie gewöhnlich in Vorstadt-Einkaufszentren findet.

Die Hafenstraßenbewohner stürzten Simon von Utrecht

Aber eines schönen Tages im Jahre 1985 geschah etwas, das vielen Hanseaten den Atem verschlug: Bewohner der Hafenstraße hissten über den Dächern der besetzten Häuser die „schädelne Flagge“, wie der Jolly Roger, die Piratenfahne, in Volksliedern genannt wird. Es wurde das Stoertebeker-Zentrum eingerichtet, das heute noch als Veranstaltungsort für Punk-Konzerte existiert. Die Hausbesetzer stürzten das Denkmal des Schiffshauptmanns Simon von Utrecht, der den Piraten 1401 zur Strecke gebracht hatte, und benannten die gleichnamige Straße kurzzeitig in „Störtebekerstraße“ um. 1987 war erstmals der Piratensender Radio Hafenstraße zu empfangen.
Zu dieser Zeit trug Hafenstraßenbewohner Doc Mabuse eine Piratenflagge vom nah gelegenen Hamburger Dom in das Stadion des FC St. Pauli. Die Kiez-Kicker mauserten sich nach dem Aufstieg in die erste Bundesliga 1988 zur Projektionsfläche für eine Alternative zum Pfeffersack-Image des HSV. Der Jolly Roger, wie auch die Kneipe der St. Pauli Ultras und anderer Anhänger aus dem linken Spektrum heißt, hat sich über die Jahre als zweites Vereinsemblem etabliert. Der Totenkopf ist heute Teil einer Modelinie, die im Hamburg-Shop am Flughafen allen anderen Produkten den Rang abläuft.

Der Jolly Roger „symbolisierte die Bruderschaft der Seeräuber mit dem Tod“, erläutert Sozialhis-toriker Utz Anhalt, der sich ausgiebig mit der Symbolgeschichte der Totenkopfflagge beschäftigt hat. Sie sei ein Signum der ständigen Todesnähe der Piraten und ihrer Macht, in den scheinbar grenzenlosen Weiten der Weltmeere tödliche Gewalt auszu-üben. Und was macht heute ihre Faszination aus? In historischer Distanz zu dem in Wahrheit sehr entbehrungsreichen und grausamen Piraten-Dasein befriedige die Totenkopfflagge eine Sehnsucht nach „Abenteuer und wildem Erlebnis außerhalb der Norm“, erklärt Anhalt. In unserer bis in den letzten Winkel entzauberten und bürokratisch verwalteten Lebenswelt entfalte sie vor allem „als Zunftsymbol der Unangepassten“ Anziehungskraft. Die Kunsthistorikerin Rebecca Egloff, bis vor kurzem noch Betreiberin der Punk-Piraten-Kneipe Skorbut in der Kleinen Freiheit, weiß, warum die St. Paulianer ohne ihre Seeräuber-Mythen ebenso wenig sein könnten wie ein echter Matrose ohne Meer: „Piraten waren Freigeister, die einfach gemacht haben, was ihnen gefällt.“


Jolly Roger

.Die schwarze Fahne mit Skullhead und gekreuzten Knochen (auch „Black Jack“ genannt) wurde vor allem als Angriffssignal verwendet. Mit dem überraschenden Hissen wollten die Piraten, die in der Regel unter falscher Flagge segelten, die Kapitäne von Handelsschiffen zur kampflosen Aufgabe bewegen. Der französische Pirat Emanuel Wynne soll den Jolly Roger um 1700 erstmals verwendet haben. In historischen Quellen tauchte das Symbol 1724 in den Aufzeichnungen von „Captain Charles Johnson“ auf, dessen reale Existenz nicht belegt ist.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.