Die Nummer gegen jungen Kummer

Florian, Savannah und Tolou (re.) engagieren sich als ehrenamtliche Telefonseelsorger bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Hamburg. Foto: cvs
 
Mehr als die Hälfte der Anrufer sind Jungs – jedoch nur ein Viertel der Berater. „Über weitere männliche Interessenten würden wir uns sehr freuen“, sagt Monika Steininger, Leiterin des ajs-Sorgentelefons. Foto: cvs

Sorgentelefon der ajs: Jugendliche beraten Jugendliche

Von Christopher von Savigny. „Hallo, mir geht's schlecht!“ Savannah (18) weiß ganz genau, wie sich jemand fühlt, der sich so am Telefon meldet. Dafür ist die Schülerin, die dieses Jahr ihr Abitur macht, schließlich da. Zusammen mit Florian (19) und Tolou (22) engagiert sich Savannah beim Kinder- und Jugendtelefon der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (ajs) in Hamburg. Jeden Werktag zwischen 14 und 20 Uhr können hier junge Leute anrufen, wenn sie Kummer haben und werden von Erwachsenen beraten. Sonnabends übernehmen die Jugendlichen selbst die Aufgabe der Telefonseelsorger. Das Projekt „JubeJu“ („Jugendliche beraten Jugendliche“) läuft mit großem Erfolg. „Immer mehr Jugendliche rufen an einem Sonnabend an, weil sie gerne mit einem Gleichaltrigen sprechen möchten“, sagt Monika Steininger, Leiterin des ajs-Jugendtelefons.

„Meine Eltern wollen sich trennen“, sagt der Anrufer

Das Telefon klingelt. Marc (Name geändert, Anm. d. Red.) ist dran. „Meine Eltern wollen sich trennen“, erzählt er. „Ich weiß nicht mehr weiter“, sagt er sinngemäß. Niemand anderes als der ajs-Berater darf hören, was ein Anrufer sagt. Verschwiegenheit ist oberste Pflicht. Die Anrufer müssen das Gefühl haben, dem Menschen am anderen Ende der Leitung voll und ganz vertrauen zu können. Deshalb fragen viele auch als allererstes: Bist du alleine? Oder: Ist das auch wirklich anonym?
Zu den Gesprächsthemen zählen Liebe, Sexualität, Probleme in der Schule, mit Freunden oder mit den Eltern – eben die Dinge, die junge Menschen beschäftigen. Das Gros der Anrufer ist zwischen 14 und 16 Jahre alt. „Im ersten Schritt kommt es hauptsächlich darauf an, zuzuhören“, sagt Florian. „Manchmal reicht das schon aus, um beim Anrufer einen Riesenstein vom Herzen fallen zu lassen.“ Tiefer in die Materie einsteigen kann man am Telefon nicht - und das ist auch nicht die Aufgabe der jugendlichen Berater. Sie können die Hilfesuchenden aber weiterleiten an andere Institutionen wie die Familienberatung. Florian findet es außerdem wichtig, dem Anrufer Mut zu machen. „Ich schlage dann zum Beispiel vor, zu überlegen, was einem wirklich Spaß macht. Das kann ein Hobby wie Gitarre spielen sein.“ Tolou sagt: „Es klingt vielleicht abgedroschen, aber es hilft einem sehr viel weiter, sein Selbstwertgefühl zu entwickeln.“
Wer bei der ajs als Berater tätig werden will, muss eine 70-stündige Ausbildung durchlaufen. Dazu gehören Gruppenarbeiten, Rollenspiele, Workshops und Hospitationen. Florian und Savannah sind seit Ende 2014 dabei, Tolou hat schon zwei Jahre früher bei der ajs angefangen und wechselt demnächst ins Erwachsenenteam. „Man sollte gut zuhören können und einigermaßen widerstandsfähig sein, weil manche Fälle doch sehr belastend sind“, sagt Savannah.

Im September gibt es das Sorgentelefon seit 40 Jahren

Um den jugendlichen Kollegen den nötigen Rückhalt zu geben, ist sonnabends immer jemand von den erwachsenen Beratern im Haus, um im Notfall als Ansprechpartner da zu sein. Zusätzlich wird jeden Monat eine Supervision, eine eigene Beratung der Mitarbeiter, angeboten.
Trotz oft nervlich aufreibender Momente möchten die jugendlichen Berater ihre – im übrigen komplett ehrenamtlich übernommene – Aufgabe nicht missen. „Die Arbeit gibt mir sehr viel, weil man lernt, mit ganz unterschiedlichen Leuten umzugehen. Auch mit Leuten aus anderen sozialen Schichten“, sagt Savannah. „Manchmal", berichtet Tolou, „kriegt man auch ein Dankeschön zurück. Das ist schon ein gutes Gefühl!“
Das ajs-Sorgentelefon feiert in diesem Jahr seinen 40. Geburtstag, gleichzeitig wird das Projekt „JubeJu“ 15 Jahre alt. Bundesweit existieren rund 80 Kinder- und Jugendtelefone, davon ungefähr ein Fünftel mit Beratungsangebot durch Altersgenossen.
An allen Sonnabenden im Jahr 2014 zusammengenommen verzeichnete die Einrichtung rund 2.800 Anrufe, davon entwickelten sich 780 zu einem Beratungsgespräch.

ajs Sorgentelefon

Die Telefonnummer des ajs-Sorgentelefons: Tel. 0800/111 03 33 oder Tel. 11 61 11 (mo bis sa 14 bis 20 Uhr, Anruf gebührenfrei).
www.ajs-hamburg.de

Jugendliche Interessenten sind bei der ajs immer willkommen: Wer sich engagieren möchte, kann einen der folgenden Infotage besuchen. Nächster Termin: Freitag, 29. Mai, um 17.30 Uhr. Der Veranstaltungsort wird bei der Anmeldung unter Tel. 410 98 00 oder kjt@ajs-hh.de bekanntgegeben. Weitere Infos unter der oben genannten Internetadresse.
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