Die nächste Jahrhundertflut

Ein Straßenschild während des Hochwassers in der Elbmarsch. Fotos: sd/pr
 
Diese Tesper bauten sich einen Steg um während des Hochwassers ihr Haus zu erreichen.

Das Wasser geht zurück: Der Landkreis Harburg hat Glück im Unglück gehabt.

Von Sabine Deh. In diesen Tagen ist die Elbmarsch idyllisch wie selten. Ein blauer Himmel mit Wattewolken wölbt sich über dem Gebiet an einem Strom, der langsam aber stetig anschwillt. In der Luft liegt der Duft von frisch gemähten Heu. Ein paar Schafe blöken auf dem nassen Deich. Die Ruhe wird nur von den Sirenen der Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr und durch das Knattern der patrouillierenden Hubschraubern gestört.

Die Elbmarsch ist wieder Schauplatz einer drohenden Hochwasserkatastrophe. In den letzten elf Jahren passiert so etwas jetzt schon zum vierten Mal. 2002 berichten die Medien über ein „Jahrhunderthochwasser“, 2006 erneut und 2011 schon wieder. Und jetzt ist das Wasser mit noch größerer Heftigkeit zurückgekommen.

Die Elbmarscher bleiben allerdings trotz der Katastrophenmeldungen in zahlreichen Sondersendungen im Fernsehen gelassen. „Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird und so richtig schlimm wird es bei uns erst in Verbindung mit einer Sturmflut“, sagt Jan Vick aus Drage. Der 59-jährige Handwerker ist an der Elbe groß geworden. Er kann sich an die Sturmflut von 1976 erinnern, als im Ort zwei Sommerdeiche brachen.

Fast jeden Abend sitzt er mit seinen Nachbarn am Deich. Sie trinken Wein und sehen, wie der Strom vor der Haustür wieder etwas größer geworden ist. Einige haben einen kleinen Notfallkoffer gepackt, für den Fall der Fälle. Die meisten Elbmarscher haben aber nicht einmal diese Vorsichtsmaßnahme getroffen, sondern lediglich ein paar Sandsäcke gefüllt, mit denen sie notfalls ihre Türen und Kellerfenster schützen wollen.

Als der Scheitel des Elbehochwassers Mitte vergangener Woche den Landkreis Harburg erreicht, liegt Pegel Hohnstorf mit 9,55 Metern 30 Zentimeter über dem bisherigen die Höchststand von 2011. Die Fluttore am abgeschalteten Atomkraftwerk Krümmel, gegenüber von Tespe auf der anderen Seite der Elbe gelegen, werden zum ersten Mal überhaupt geschlossen. Deichwachen patrouillieren rund um die Uhr zwischen Avendorf und Rönne. Am Deichfuß wurden im
gesamten Abschnitt Paletten mit Sandsäcken abgeladen. Die Krisenstäbe im Elbmarscher und Winsener Rathaus sowie die Hilfskräfte können zu diesem Zeitpunkt nur noch abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Besonders gefährlich ist das Qualmwasser, das entsteht, wenn der Deich vom Grundwasser unterströmt wird. Es heißt so, weil es durch die im Deich befindliche Luft unheimlich zu brodeln und qualmen beginnt. Wem Qualmwasser zu sehen ist, hilft es nur noch, Sandsäcke drauf zu werfen. Die Deichwachen sind auf alles vorbereitet.

In Avendorf und Tespe kommen die Anrainer nur nach Vorlage ihres Personalausweises in die gefährdeten Gebiete. Das Gelände am Stover Elbstrand, wo alljährlich im Juli das bekannte Galopprennen stattfindet, steht komplett unter Wasser. Besonders heftig hat es den Garten von Marita Drehbold und ihrem Mann Andreas getroffen, der direkt am alten Sommerdeich liegt und nun überflutet wurde.

Was des einen Leid, ist des anderen Glück, diese Binsenweisheit gilt auch in den Zeiten des Hochwassers: Bei Fischbeck in Sachsen-Anhalt bricht der Deich auf einer Breite von 90 Metern. Große Landstriche werden überflutet, dadurch fließt weniger Wasser elbaufwärts, das in der Elbmarsch auf die Deiche drücken kann.

In Avendorf beginnt sich die Lage zu entspannen. Das Ehepaar Drehbold hat angefangen, das Elbwasser aus seinem Keller zu pumpen. Auch in ihrem Garten ist das Wasser erstmals seit Tagen wieder gesunken.

„Wir haben das Schlimmste überstanden“, glaubt Gustav Meyn, der mit Bruno Jargsdorf, seinem Kollegen von der Freiwilligen Deichwacht, und Enkel Lucas Flügge (8) die Abendschicht in Avendorf übernommen hat. Die zweieinhalb Männer in den gelben Schutzwesten müssen jetzt nur noch aufpassen, dass keine vorbei schwimmenden entwurzelten Bäume oder große Äste Löcher in den Deich bohren und damit womöglich noch auf dem letzten Drücker große Schäden anrichten. Auf der riesigen Elbe spiegelt sich die rote Sonne, die langsam untergeht. Auf dem Deich liegen Sandsäcke. Es riecht nach frisch gemähtem Heu.
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