Die Nachtarbeiter vom Elbufer

Gut gekühlt hält länger frisch: Delfim Pires Reixelo verpackt Seehechte in Kisten mit Eisgranulat. Fotos: cvs
 
Tisch voller Rotbarsche: Joao Costa (li.) und Metin Turhan machen die Fische gründlich sauber, bevor sie filetiert werden.

Ein Besuch auf dem „echten“ Hamburger Fischmarkt.

Von Christopher von Savigny.
In der schmalen Verkaufshalle stapeln sich Styroporkisten mit eisgekühlten Rotbarschen, Lachsen, Krabben und Langus-ten. Mit toten Augen starren sie den Besucher an, während in diesem langen Gang links und rechts Händler vorbeigehen. Schon um 2.30 Uhr in der Nacht beginnt der Betrieb auf dem Fischmarkt Altona in der Großen Elbstraße.
Paletten mit frischer Ware werden verteilt, die ersten Kunden sind bereits unterwegs. Man erkennt sie sofort an ihrem Klemmbrett, an das sie ihren Einkaufszettel geheftet haben. „Sechs Kisten Dorade“ steht auf dem Block von Huseyin Ogur. Gerade verhandelt er mit einem Verkäufer. „Was? 5,50 Euro das Kilo? Zu teuer!“, schimpft der Fischhändler aus dem niedersächsischen Bad Pyrmont. Er wird es woanders versuchen. Um Mitternacht ist er mit einem Kollegen von zu Hause losgefahren, um rechtzeitig da zu sein, bevor die besten Stücke schon weg sind. Einmal pro Woche fährt Ogur nach Hamburg – ein Pflichttermin. „In Bad Pyrmont beliefere ich auch andere Läden und Restaurants“, sagt er. Als erfahrener Einkäufer weiß Ogur, wie frischer Fisch auszusehen hat: „Die Kiemen sollten schön rot sein, das Auge hell und ohne Trübung, und das Fleisch sollte fest sein und nicht auf Druck nachgeben.“
Die Produktionshallen der Fischmarkt Hamburg-Altona GmbH (FMH) gelten als einer der bedeutendsten Umschlagplätze für Meeresgetier in der ganzen Republik: 36.000 Tonnen Frischfisch gehen hier jährlich über die Theke, dazu kommen nochmal 15.000 Tonnen Tiefkühlware. Laut Statis-tik wurde jeder siebte in Deutschland verzehrte Fisch zuvor in Altona gehandelt. Die Hauptliefermengen kommen aus Dänemark, Norwegen, Island, den Färöer Inseln, Holland, Frankreich, Griechenland und der Türkei. „Aber auch das Angebot an Flugfisch hat zugenommen“, berichtet FMH-Importeur Oliver Schulz. „Tunfisch von den Malediven, Riesenkrabben aus Russland und Doraden aus Griechenland gehören mittlerweile zum Sortiment. Das wird alles über den Frankfurter Flughafen abgewickelt.“ Die Preise steigen, wenn das Angebot abnimmt. „In letzter Zeit setzen sich die Fangquoten stärker durch“, hat Andrea Detlefsen, Fischhändlerin aus Harburg, festgestellt. „Deshalb ist vieles teurer geworden.“ Aber auch die Kunden seien jetzt anspruchsvoller als noch vor einigen Jahren. „Es verlangen mehr Leute Filet, weil sie zum Beispiel Sushi zubereiten wollen.“
In den Räumen der ansässigen Firmen werden derweil Berge von Kabeljau und Zander filetiert und enthäutet. Für die geübten Mitarbeiter ist das Zerlegen nur eine Sache von Sekunden. „Man gewöhnt sich an so ein Leben“, sagt Bernd Bindemann vom „Fischversand Lucia Schumann.“ Der junge Mann arbeitet jede Nacht von 22 bis 8 Uhr. Nachmittags um 15 Uhr legt er sich ins Bett und steht um 21 Uhr wieder auf. „Das ist für mich in Ordnung, weil meine Freundin auch immer spät von der Arbeit kommt. So haben wir beide was davon.“
Mit dem nur wenige 100 Meter entfernten St.-Pauli-Fischmarkt hat der Altonaer Großhandel nicht allzuviel gemeinsam: Kaum ein Tourist, der dort sonntags morgens Bananen oder Yuccapalmen kauft, verirrt sich einmal in die Große Elbstraße. Vor 125 Jahren wurden die beiden Märkte unabhängig voneinander gegründet – der eine innerhalb, der andere jenseits der Stadtgrenze. Nach jahrzehntelangem Konkurrenzkampf legte man sie 1934 zusammen. Kurz danach trat das Groß-Hamburg-Gesetz in Kraft, und Altona wurde zu einem Hamburger Stadtteil. Die unmittelbar neben dem Fischmarkt gelegene Fischauktionshalle war bis Anfang der Siebziger Jahre als solche in Betrieb. Das Gebäude, das im Stil einer dreischiffigen Basilika gebaut wurde, dient heute als Veranstaltungsort.
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